Jubiläumsband "400 Jahre Universität Gießen"
Die Gießener Universität im Nationalsozialismus? Fehlanzeige!

 

So wie es in der Ökonomie einen Mindestlohn gibt oder geben sollte, so sollte es in der Wissenschaft so etwas wie ein Mindestniveau geben. Dieses Mindestniveau unterschreitet erheblich ein Artikel, den der Gießener Politikwissenschaftler Prof. Klaus Fritzsche in dem pompösen, aber ansonsten sterilen Jubiläumsband „400 Jahre Universität Gießen“ (Gießen 2007) geschrieben hat. Der Beitrag, der mit dem Titel  „Die Gießener Universität in der NS-Zeit“ überschrieben ist, handelt die Zeit auf genau 2 Seiten ab. Hier findet sich nichts, was nicht schon beim letzten Universitätsjubiläum, 25 Jahre vorher, von der Arbeitsgruppe um Prof. Reimann in einer Ausstellung und dem Buch „Frontabschnitt Hochschule. Die Gießener Universität im Nationalsozialismus“ mitgeteilt worden ist. Der Politikwissenschaftler, der im Jahre 1976 seine erste und letzte Monographie (es war die Dissertation) veröffentlicht hat, hat sich nicht die Mühe gemacht, eigene Forschungen anzustellen, zu recherchieren, Archive zu besuchen. Er hat vermutlich noch nie  ein Archiv von innen gesehen! Wenn dann z. B. ein Faktum mitgeteilt wird,  auf das  ich 1981 im Universitätsarchiv gestoßen bin und über welches ich in dem erwähnten Buch ausführlich schrieb (S.137-140), nämlich daß es einen Professor an der Universität gab, den Theologen Professor Gustav Krüger, der 1933 eine bemerkenswerte Rede gegen die Gleichschaltungspolitik der Nazis gehalten hat, ohne die Quelle zu nennen, dann ist dies wissenschaftlich ganz einfach unredlich und paßt adäquat in das mentale Profil dieses Herrn!

 

Fritzsche hat längst Bekanntes zusammengeklaubt und sich an keiner Stelle  irgendeine erkennbare wissenschaftliche Mühe gemacht. Auch zur Typologisierung der Professoren nach 1933 hat Fritzsche substantielle Literatur, die hierzu vorliegt, nicht herangezogen!

 

Fritzsche hat sich nie ins Zeug gelegt um zu forschen. 1975 bekam er einen Ruf an die Universität Gießen, obgleich er Mitarbeiter resp. Dozent in der "Betriebseinheit Politik I" dieser Uni. war  Also eine Hausberufung, die eigentlich nicht zulässig ist. 33 Jahre an der Uni, bei einem auf Forschung und Lehre ausgelegten Stundendeputat, 7 oder 8 Forschungsfreisemester - und nicht geforscht, kein weiteres Buch vorgelegt! Kein Wunder, daß in der Öffentlichkeit vor Jahren über "faule" Professoren diskutiert wurde. Die gab es tatsächlich!

 

So bleibt der Beitrag Fritzsches unqualifiziert an der Oberfläche und fügt sich in das vom Präsidenten Hormuth und seinen Historiker-Hofschranzen gewählte Konzept ein, möglichst über alle problematischen Aspekte der Gießener Universität vor und nach 1933 hinwegzugleiten. Überhaupt: Der ganze Band hat eine Reihe von Mängeln und Defiziten, die das Niveau von Hormuth & Co. kennzeichnen. Es fehlen ganze Themenkomplexe: die Behandlung des politischen Verhaltens der Professoren in der Weimarer Zeit und in der NS–Zeit, u. a. auch die Rekonstruktion des politischen Potentials der Professoren, wie es sich in den akademischen Reden, zuallererst solchen aus Anlaß der Reichsgründungsfeiern, aber auch zu anderen  Anlässen (Rektoratsreden, Jahresfeiern, Kriegsschuldlüge etc.) manifestierte; es findet sich auch nichts über die bereits lange vor 1933 im faschistischen Sinne politisierte Studentenschaft, auch nicht über die verhängnisvolle Rolle der Korporationen. Schließlich und dies ist wohl der gravierendste, auch moralische Mangel: Es gibt auch nach 60 Jahren keinen umfassenden Beitrag über das Schicksal der 1933/34 von der Universität verstoßenen und verjagten Wissenschaftler. Die Universität meinte wohl, ihre Schuldigkeit damit getan zu haben, daß sie im Windfang des Eingangs  (ca. 4 qm) zur Universitätshalle im  Hauptgebäude  eine Gedenkplatte aufhängen ließ (im übrigen auf meine Anregung hin, ich dachte allerdings an die Halle als Ort für die Anbringung der Gedenkplattte).   Der Sammelband ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. dem Beitrag von Eva-Marie Felschow über Margarete Bieber) eine Sammlung von halb- und unwissenschaftlichem Oberfächlichkeiten!

 

An der Gießener Universität war und ist von der Aufbruchsstimmung  der späten 80er Jahre, seitens der universitären Institution die  Universitätsgeschichtsschreibung zu initiieren, nichts zu spüren. Die Universität Gießen hat die Zeit schlicht verschlafen. Die Professoren Bauer und Hormuth, die in der Zeit des wissenschaftlichen Aufbruchs Universitätspräsidenten waren, waren und sind entweder unfähig oder reaktionär, vielleicht auch beides gleichzeitig. So entstand ein Jubiläumsband mit so unqualifizierten Beiträgen wie dem von Fritzsche!

 

Ich nenne hier nur drei Beispiele, um zu zeigen, wie es anders gehen kann.

 

 

An der Universität Hamburg ist, maßgeblich initiiert von dem ehemaligen Vizepräsidenten der Universität und Mitverfasser Ludwig Huber (er ist  übrigens der  BAK-Vorsitzende aus den 70er Jahren) ,ein dreibändiges Werk entstanden: Hochschulalltag im "Dritten Reich": Die Hamburger Universität 1933 - 1945  (hrsg. von Eckart Krause, Ludwig Huber u. a., Hamburg: Reimer, 1991), das als  "gelungenes Beispiel für die Darstellung einer Geschichte einer Universität im Nationalsozialismus“ gelten kann (vgl. www.renebetker.de/historiographie.html).

 

Zur Universität Heidelberg liegt ein Werk über deren Geschichte vor und im Nationalsozialismus vor, das ebenfalls Maßstäbe setzt: Eckart, Wolfgang; Sellin, Volker; Wolgast, Eike: Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus. Auf der Homepage der Universitär Heidelberg heißt es hierzu: „Wie hat sich die nationalsozialistische Herrschaft auf die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ausgewirkt? In dem vorliegenden Band berichten 36 Autoren erstmals umfassend über sämtliche an der Universität vertretenen Disziplinen in der Zeit von 1933 bis 1945. Untersucht werden sowohl die Entwicklungen in der Gesamtuniversität (Gleichschaltung, Durchsetzung des Führerprinzips, Aufhebung der Autonomie, Vertreibung von Dozenten, gelenkte Berufungspolitik, Einflußnahmen der Partei und ihrer Gliederungen, Disziplinierung der Studierenden) als auch die Entwicklung von Forschung und Lehre sowie die personellen Veränderungen, die räumliche Unterbringung und die materielle Ausstattung in allen Fächern und Instituten.“ (Ruperto Online; siehe: http://www.uni-heidelberg.de/magazin/2006/ topthema_0806.html).

Nichts dergleichen findet sich an der Universität Gießen!