Wilhelm Hanle (1901-1993)  - Physiker, Nazi-Forscher,

Ehrensenator der JLU  Gießen

 

von Bruno W. Reimann

 

              „In Wirklichkeit war alles ganz anders!“ (Wilhelm Hanle)

 

Als ich zum 375jährigen Jubiläum der Gießener Universität im Jahr 1982 eine Ausstellung zur „politischen Geschichte der Universität Gießen“ initiierte und begleitend das Buch „Frontabschnitt Hochschule. Die Gießener Universität im Nationalsozialismus“ vorlegte, wandte sich der Emeritus Prof. Dr. Wilhelm Hanle (1901-1993) in einem scharf formulierten Schreiben an mich und gegen mich. Tenor seines nachfolgend abgedruckten Schreibens war: Die Universität war vor 1933 unpolitisch, „in Wirklichkeit war alles ganz anders, meine Artikel in dem Jubiläumsband der Universität (375 Jahre Universität Gießen 1607 ‑ 1982. Ge­schichte und Gegenwart. Gießen 1982) seien unwürdig eines Mitglieds der Universität.

 

Schreiben von Prof. Hanle an Prof. Reimann (Abschrift)

 

Prof. Dr. phil Dr.-Ing E.h. W. Hanle                        63 Giessen, 10.V.1982

                                                                                       Alfred-Bock-Str. 48

   

Herrn

Prof. Dr. B. Reimann

Thomastr. 6

6300 Gießen

   

Sehr geehrter Herr Reimann,

zunächst mein „politischer Ausweis“: Ich habe als Student im 5. Semester in Heidelberg einen Vortrag über Relativitätstheorie – Einstein! – gehalten. Dabei bin ich mit Lenard – Nobelpreisträger, aber später einer der einflußreichsten nationalsozialistischen Wissenschaftler (siehe z. B. Alan Beyerchen „Scientists under Hitler“) – so hintereinandergeraten, daß ich die Universität verlassen mußte. Im Dritten Reich verlor ich meine Professur in Jena.

Wenn ich recht im Bilde bin, haben Sie über eine Zeit geschrieben, in der Sie noch gar nicht geboren waren.

Der gesamte Eindruck der Ausstellung und auch des Katalogs über die politische Geschichte und die Studentenschaft in Gießen während der Nazizeit muß für die Ahnungslosen und Jüngeren, welche das nicht miterlebt haben, ein vernichtendes Urteil über die Universität Gießen bewirken.

In Wirklichkeit war alles ganz anders.

Sie haben nicht berücksichtigt, daß es zwar zahlreiche Dokumente und Bilder über den nationalsozialistischen Einfluß und Aktivitäten und Machtdemonstration gibt, aber fast keine über die Opposition, und dies aus einleuchtenden Gründen, nämlich, weil fast niemand so etwas riskiert hat.

Von den fast täglichen politischen Gesprächen mit vertrauten Kollegen hinter verschlossener Tür ist nichts schriftlich niedergelegt. Wir wußten ziemlich genau, wer unserer Kollegen und Studenten Nazi war, wer nur Mitläufer und wer in Opposition.

Z.B. Prof. Schmelzer, der am 13.5. den Ehrendoktor des Fachbereichs Physik erhält, natürlich nicht aus politischen Gründen, sondern als hervorragender Wissenschaftler. Aber schon in seiner Studentenzeit fielen seine Leistungen auf, und wir waren stolz, daß gerade unsere tüchtigen Studenten auch politisch auf unserer Seite standen.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß das in Gießen anders war als seinerzeit in Jena. Jedenfalls, als ich nach Gießen kam, waren alle Kollegen in der Physik gleichgesinnt mit mir.

Auch meine zweite Frau, die in der kritischen Zeit in Jena studiert hat, hatte ein recht gutes Gefühl, welche Professoren „anti“ waren. (Z.B. der Philosoph Leisegang, der damals von den Nazis entlassen wurde, 1945 wieder in sein Amt eingesetzt wurde, aber später die DDR unter Protest verließ.)

Wenn auch die Studentenführung nationalsozialistisch war, das besagte noch nichts über die Gesinnung der Mehrheit, oder zumindest der guten Studenten, wie auch heute der AStA nicht die Mehrheit der guten Studenten repräsentiert.

Die Universität war vor der Nazizeit unpolitisch. Erst die Nazis haben sie politisiert. Der durch die erzwungene Emigration zahlreicher Wissenschaftler zugefügte Schaden ist schon oft besprochen worden. Aber eine wesentliche, lang dauernde Beeinflussung der Geisteshaltung der Universität ist den Nazis nicht gelungen. Dafür haben wir gesorgt. Ob die neue Politisierung nach dem Krieg für die Universitäten nicht schlimmere Folgen haben wird, muß sich zeigen.

„Unausgewogen“ ist zu milde für die beiden Artikel. Die tendenziöse Darstellung ist ein schwerer Schlag für die Universität, unwürdig eines Mitglieds der Universität, die wir unter großen persönlichen Opfern nach dem Krieg gerettet und wieder zu einer ebenbürtigen Stätte für Forschung und Lehre gestaltet haben.

                                                                                                Ihr

                                                                                              W. Hanle      

 

Ich stelle diesen Brief an den Anfang dieses Artikels, um auf die Unverfrorenheit zu verweisen, wie hier ein Emeritus, der selbst Nazi-Forschung im großen Umfang betrieben hat, gegenüber einem Professor auftritt, der als erster überhaupt die NS-Geschichte der Gießener Universität aufgearbeitet hat.

 

Hanle sitzt dem unter deutschen Professoren weit verbreiteten ideologischen Topos von der „unpolitischen Universität“ vor 1933 auf. Offensichtlich ist Hanle mit den Scheuklappen eines "Fachidioten" (um einen Begriff von Max Weber aufzunehmen) durch seine Zeit gegangen, hat nichts wahrgenommen, nichts gesehen, nichts begriffen. Und borniert ist es, wenn die „neue Politisierung nach dem Krieg“ - gemeint sind offensichtlich die Debatten der 68er-Zeit - gegen die „alte Politisierung“ als die gefährlichere vorgeführt wird. Ich habe daraufhin Prof. Hanle die Frage gestellt: "Warum haben Sie nicht oder einer Ihrer Zeitgenossen einmal darüber geschrieben, wie es wirklich war?" Wilhelm Hanle hat daraufhin im JLU-Forum, der Zeitschrift der Justus-Liebig-Universität, unter dem Titel "Als Studenten der Landwirtschaft getarnt. Die Physik in der Kriegs- und Nachkriegszeit" ebenso wie in einem Leserbrief (JLU-Forum. Zeitschrift der Justus-Liebig.Universität, 5/82, S. 25 und 27) aufschlußreiche Beiträge zur Diskussion geleistet, deren Kernargumente kurz vorgestellt werden sollen. Die Kernthese: "Der Krieg bedeutete für alle Disziplinen einen scharfen Einschnitt in die Entwicklung. Um zu überleben, mußten die naturwissenschaftlichen Institute Forschungsaufträge der Wehrmacht übernehmen. Dies war in allen kriegsführenden Ländern so. Nur dadurch konnte die Kontinuität des Institutsbetriebs gewahrt werden. Es sicherte die UK-Stellung des Personals  - Wissenschaftler und technische Angestellte -  und die Beschaffung von Material und Apparaten. Nur dadurch bestand eine Chance, einen Teil der akademischen Jugend gut ausgebildet in eine bessere Zeit herüberzuretten. Solche Arbeiten dienten auch zur Ausbildung des Nachwuchses. Das breite Spektrum bei Wehrmachtsaufträgen war dafür ungemein förderlich. Darüber hinaus konnte mit der durch Wehrmachtsaufträge gesicherten materiellen und personellen Ausstattung auch Grundlagenforschung betrieben werden". Und: "Die schon vor und während des Krieges begonnenen und sofort nach Kriegsende fortgesetzten Arbeiten auf dem Gebiet energiereicher Strahlung waren der Anlaß zu engen Beziehungen zwischen dem Atomministerium und dem Physikalischen Institut, die von großem Vorteil für die Universität wurden und zur Gründung des interfakultativen Strahlenzentrums führten". Der erste geisteswissenschaftliche Lehrstuhl wurde in der naturwissenschaftlichen Fakultät errichtet, dies war das Fundament der wiedererrichteten philosophischen Fakultät. Hanles Fazit: "Diese Entwicklung war nur möglich, weil wir während des Krieges Forschungsaufträge der Wehrmacht übernommen und dadurch die Arbeitsfähigkeit der Physik in Gießen über eine schwere Zeit hinübergerettet hatten". Das ist eine ebenso zynische wie verlogene Rechtfertigung der Kriegs- und Destruktionsforschung.

Noch deutlicher wird Hanle in einem Leserbrief an das JLU-Forum, der sich auf meine Kurzvorstellung des Buches Frontabschnitt Hochschule in derselben Zeitschrift bezieht (Reimann, Bruno W.: Die Ludwigs-Universität im Nationalsozialismus. Die jüngste Vergangenheit der Gießener Universität. In: JLU-Forum 3/82, S. 11). Hanle wirft den Autoren des Buches "einseitige Darstellung" vor; die Aufhellung klärungswürdiger Zusammenhänge würde an die "üblen Methoden der Nazis bei der Diffamierung Andersdenkender" erinnern. So einfach ist dies also für die Nutznießer dieser Zeit, die sich den Nazis als „erfinderische Zwerge“ (Brecht), als  Wissenschaftsknechte andienten! Denn Hanle war ganz offensichtlich auf seine Weise ein Profiteur des Kriegs. An anderer Stelle in dem erwähnten Brief hieß es, es sei unwürdig eines Mitgliedes der Universität, ein solches Buch so zu verfassen. Schon bald wußten wir es etwas genauer: Das in dem Buch faksimilierte Schreiben Hanles, das offenbar Stein des Anstoßes war (vgl. Frontabschnitt Hochschule. Die Gießener Universität im Nationalsozialismus. Gießen 1982, S.170), verweist auf Hanles Forschungen im Auftrage der Wehrmacht, die geheimzuhalten waren. Hanle wird nicht müde, das Positive an der Wehrmachtsforschung hervorzuheben: "Ein augenfälliges Beispiel für positive Auswirkung der Übernahme eines Wehrmachtsauftrages ist die Mitarbeit von Heisenberg am Uranprojekt des Heereswaffenamtes. Dadurch hatte einer unserer prominentesten Wissenschaftler, der dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstand, was bekannt war, weiter die Möglichkeit der Einflußnahme auf die akademische Jugend und der Forschung. Zusammen mit R. und K. Döpel sicherte er im Rahmen dieses Forschungsauftrags Deutschland die Priorität des Nachweises der Neutronenvermehrung in einer Anordnung von Uran und schwerem Wasser (Die Neutronenvermehrung ist die conditio sine qua non für Nutzung von Kernenergie in einem Reaktor). Nach dem Krieg spielte er eine führende Rolle beim Wiederaufbau der Wissenschaft in unserem Lande, z.B. als eines der aktivsten Mitglieder der Deutschen Atomkommission und zuletzt als Präsident der Humboldt-Stiftung."

Aufschlußreiches ist auch über Emigration und Wiederaufbau zu erfahren: "Oft haben wir die Emigration erwogen. Aber das war, besonders für Verheiratete, schwierig. Auch im Ausland herrschte Arbeitslosigkeit, und die wenigen freien Stellen sollte man denen überlassen, die auswandern mußten, insbesondere den jüdischen Kollegen. Also mußten wir bleiben, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, in denen wieder Vernunft und Gerechtigkeit herrschen und ein neues Deutschland uns brauchen würde. Wären alle, die damals das nationalsozialistische Regime verachteten, emigriert, dann wäre der Wiederaufbau unseres Landes nach dem Krieg nicht so schnell erfolgt". Die eigene Anpassung, so sie denn oft sein muß,  auch noch als Gutherzigkeit zu feiern, ist der Gipfel eines kaum überbietbaren Zynismus!

  

Berufliche und politische Daten

 

Hanle, Wilhelm, geboren am 3. Januar 1901, gest. am 29. April 1993

Berufliche Daten: 1924 Promotion Universität Göttingen, 1924-25 Assistent Göttingen, 1925 Assistent Tübingen, 1926 Habilitation Universität Halle,  1925-1929 Assistent am physikalischen Institut der Universität Jena, 1929-37 Ernennung zum nichtbeamteten a. o. Professor, 1937 Abteilungsvorsteher, ab 1.10.1937 Oberassistent am Physikalischen Institut der Universität Göttingen, in einer Darstellung ist die Rede von  Zwangsversetzung (?)  an die Universität Göttingen, indes: am 15. August 1937 befürwortet der NS-Dozentenbund Göttingen Hanles Ernennung zum „außerplanmäßigen Professor neuer Ordnung“, 1939 Oberassistent an der Universität Göttingen, 1939 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor, ab 1941 o. Professor an der Universität Gießen. Hanle plante 1941 für Gießen bauliche Erweiterungen, überzeugt, daß der Krieg gewonnen würde. „Es ist zu erwarten, daß nach Kriegsende alsbald ein großer Ansturm auf die Hochschulen einsetzt. Einerseits werden verschiedene Jahrgänge, welche jetzt eingezogen sind, zugleich auf die Hochschule kommen. Andererseits wird der Bedarf an Physikern, Chemikern und anderer Naturwissenschaftlern in einem vergrößerten Reich so gewaltig sein, daß durch staatliche Initiative wesentlich mehr junge Leute in ein naturwissenschaftliches Studium gelenkt werden wie bisher.“ (Hanle an das Hessische Kultusministerium Darmstadt, 15, Februar 1941) Mit solchen Argumenten wollte Hanle Personal, Geld, Bauten herausschlagen! 1969 Emeritierung, 1987 wurde Hanle zum Ehrensenator der Universität Gießen ernannt.

Hanle entdeckte als 23jähriger den nach ihm benannten „Hanle-Effekt“, der die Effekte der Wechselwirkungen von Materie und Magnetfeldern beschreibt; dieser Effekt eignet sich auch zum  Messen der Lebensdauer von Atom- und Molekülzuständen. Er wurde später auch experimentell bestätigt und sicherte Hanle die Aufmerksamkeit in der "scientific community".

 

Politische Fakten: April 1933 Stahlhelm, Herbst 1933-1935 SA, „hat mehrfach seinen SA-Kameraden besondere Vorträge gehalten“ (Rektor der Univ. Jena, 10. Februar), 1.5.1937  bis 1945  NSDAP (Nr. 5 347 160), NSV, NS-Dozentenbund, NSLB

In Hanles Meldebogen vom 4. August 1948 heißt es: „Nach der Machtübernahme der Opposition der SA, dem Stahlhelm beigetreten, von diesem zwangsweise in die SA Reserve II überführt“. In diesem Sinne heißt es in der Entnazifizierungs-Beurteilung  – Hanle wurde als „Entlasteter“ eingestuft -: „Der Eintritt in die SA erfolgte zwangsläufig aus dem Stahlhelm. Der Betroffene wohnte seiner Zeit in Tübingen und es ist allgemein bekannt, daß der Stahlhelm dort selbst einen Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt hat und als man im Jahr 1934 denselben in die SA überführte, war es, ohne Gefahr zu laufen, nicht möglich, vorher auszutreten.“ Hanle ist sozusagen in die SA hineingeschliddert. Unbestreitbar aber ist, er hatte sich mit seinem freiwilligen Eintritt in den Stahlhelm auf der rechten Seite positioniert, auch wenn er sich in diesem nicht aktiv politisch betätigte. Die Beurteilung bietet das Übliche:  Leumundszeugen, eidesstattliche Erklärungen, wie viele Nachteile „finanzieller und persönlicher Art“ der Betroffene  doch erfahren mußte etc. 1938 tritt Hanle schließlich aus beruflichem Opportunismus in die NSDAP ein, um eine Berufung auf ein Ordinariat abzusichern.

 

Im Zusammenhang der Berufung Hanles nach Gießen erbat der NSD-Dozentenbund eine „politische Beurteilung“ bei den zuständigen NS-Stellen in Göttingen. Der NSD-Dozentenbundführer der Universität Göttingen schrieb: „Professor Hanle ist charakterlich einwandfrei, wissenschaftlich guter Durchschnitt,  politisch indifferent, keinesfalls aber gegen den Staat eingestellt. Über seine Einstellung vor der Machtübernahme ist mir nichts bekannt, da er erst später hierhergekommen ist. Als Aktivist im Sinne der Bewegung ist er nicht anzusehen. Er ist Parteianwärter seit dem 1.5.1937, Mitglied der NSV, und er war Mitglied der SA in der Zeit von 1933 bis 1935. Der Grund für sein Ausscheiden ist mir nicht bekannt.“ (NSD-Dozentenbundführer an der Universität Göttingen an die Gauleitung Südhannover-Braunschweig Hannover, 1. August 1939) Und: „Hanle ist Parteigenosse seit dem 1.5.1937, außerdem Mitglied der NSV und des NSD-Dozentenbundes. Über seine Einstellung vor der Machtübernahme läßt sich seitens der Kreisleitung Göttingen nicht urteilen. Seine heutige Einstellung zur NSDAP ist durchaus positiv… Seitens der Kreisleitung kann daher die politische Zuverlässigkeit bejaht werden.“ (NSDAP-Kreisleitung, 30.4.1940)

 

Diese Urteile stehen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Berufung Hanles nach Gießen. Denn: Bei den Berufungen spielte neben der Qualifikation die Parteizugehörigkeit durchaus eine Rolle. Als der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildungen Rust zwischen den beiden Kandidaten abwog, hieß es bei dem einen: Dr. Staenbeck, „kein Parteigenosse“, bei dem anderen, Prof. Hanle, „er ist Mitglied der NSDAP“. Den Lehrstuhl bekam Hanle!

 

Auch wenn die Vita Hanles nichts Nazi-Relevantes hergibt, geht diese ganze Spruchkammer-Beurteilung vom 26.6.1947 an der Sache vorbei, denn sie klammert einen Bereich aus, der bei Hanle entscheidend ist: seine Forschungen! Denn: Hanle hatte sich mit seinen Forschungen den Nazis zur Verfügung gestellt und auch angedient!

 

 

 

Wissenschaft und Politik in der Perspektive Hanles –

 

oral history interview von B.P. Winnewisser mit Wilhelm Hanle, 23. Mai bis 2. Juni 1979

 

Das Interview wurde von Brenda P. Winnewisser, einer Physikerin geführt, die 1965 an der Duke University in Durham in Physik promoviert wurde. Winnewisser hat 35 Jahre in Deutschland gelebt und war als „guest research associate“ auch an der Universität Gießen und hat dort vermutlich Hanle kennen gelernt. Das siebenstündige Interview fand vom 23. Mai bis 2. Juni 1979 in Gießen statt.

 

Das Interview wurde nicht veröffentlicht; ich habe das Transkript in der „Niels Bohr Library“ im „American Institute of Physics, Center for History of Physics“ an der Maryland University in College Park eingesehen.

Das Interview ist interessant auch dadurch, daß es die Innensicht und Innenausstattung eines deutschen Professors aus dieser Zeit recht gut veranschaulicht (vgl. etwa den Passus „Mitgliedschaft in der NSDAP ist nicht gleich Zustimmung zum Hitler-Regime“, S.69f.). Im folgenden interessiert in erster Linie die Wahrnehmung des „Politischen“ und die Begründung eigener politischer Entscheidungen.

 

Hanle beschreibt seinen Beitritt zum STAHLHELM 1933 in Tübingen als „Verzweiflungstat“ (S.64). Offenbar hatte ihn sein Kollege Joos überzeugt, daß allein der STAHLHELM „vielleicht noch das Schlimmste verhindern (kann)“ (S.64) Hanle: „Im ersten Augenblick sah es zwar ganz gut aus. Es stellte sich heraus, daß im `Stahlhelm` eine Menge sehr ordentlicher Professoren und Studenten waren, zum Beispiel im `Jungstahlhelm` unser mit Abstand bester fortgeschrittener Praktikant Schmelzer. (…) Unsere Hoffnung, der `Stahlhelm` könnte ein Gegengewicht zur SA sein, ging nicht in Erfüllung. Die Führer des `Stahlhelm` wurden von den Nazis vor die Wahl gestellt: Entweder, ihr tretet ab (und was damit verbunden sein könnte, konnten sie sich vorstellen), oder ihr geht über zur SA.“ (S.64 f.)

 

Hanle sagt in dem Interview, er habe "keinen Hehl aus (s)einer Antipathie gegenüber dem Nationalsozialismus“ (S.65) gemacht. Um aus der SA wieder herauszukommen, meldete er sich freiwillig zum Militärdienst; das war seinen Angaben zufolge „eine Übung von mehreren Wochen“ (S.67)

 

Welche wirklich abstrusen Vorstellungen Hanle von den politischen Kräften, denen er sich zugesellte, hatte, zeigt die folgende Passage aus dem Interview. Auf die Frage, welche Rolle der STAHLHELM spielen sollte, antwortete Hanle: „Nein, er (der STAHLHELM – B.W.R.) war keine Partei, sondern, wenn die Nazis sich Übergriffe erlauben würden, dann sollte er dagegen auftreten. Zum Beispiel im Fall einer Judenverfolgung.“ (S. 67)

 

Hanle spricht in dem Interview nicht darüber, daß er 1937 in die NSDAP eingetreten ist, die Interviewerin hatte `taktvollerweise’ nicht danach gefragt! Doch gibt er eine indirekte Antwort, wie eine Mitgliedschaft in der NSDAP – und damit auch seine - einzuschätzen sei:

„Parteizugehörigkeit bedeutet nicht unbedingt Anhänger von Hitler, das sollte ich an dieser Stelle sagen. Wer mußte in die Partei eintreten? Wenn jemand ein Ordinariat hatte, brauchte er nicht in die Partei eintreten. Dann mußte er nicht um seine Stellung bangen, denn die Partei wollte das Gesicht vor dem Ausland wahren.(…) Wer hingegen noch keinen Lehrstuhl, keine feste Stellung hatte, dem blieb nichts anderes übrig, als sich zu entscheiden: Entweder, er beißt in den sauren Apfel, geht formal in die Partei, oder, er muß damit rechen, daß er nie einen Ruf bekommt, und, was viel schlimmer ist, daß ihm allmählich das Wasser abgegraben wird, die Wissenschaft hört dann für ihn auf. Er ist dann für die Wissenschaft verloren. Er muß weg. (…) Zugehörigkeit zur Partei bedeutete zunächst gar nichts. Und Nichtzugehörigkeit bedeutete auch nichts.“ (S. 69 f.)

 

Karrieristischer Opportunismus war also für viele, auch für Hanle, das Motiv, in die Partei einzutreten. 

 

Im April 1939 hielt Hanle im Rahmen eines Kolloquiums einen Vortrag mit dem Titel „Die Uranmaschine“, in dem er, offensichtlich zum ersten Mal,  auf die neuen Möglichkeiten der Energiegewinnung durch Kernspaltung aufmerksam machte. Offensichtlich hatte er das Thema mit seinem Vorgesetzten Prof. Joos nicht abgesprochen, der nach dem Vortrag zu ihm sagte: „“Wie konntest Du so etwas in einem Kolloquium vorbringen? Das ist doch eine welterschütternde Sache. Das gibt denen, die so etwas machen, einen kolossalen wirtschaftlichen Vorsprung, wenn man Energie aus der Uranmaschine gewinnen kann, So etwas kannst Du doch nicht in einem Kolloquium erzählen! Das kann man doch nicht für sich behalten! Du besonders nicht, wo du so kritisch stehst beim Ministerium! Wir müssen sofort an Mentzel oder Dames schreiben.“ Ich versuchte zu widersprechen. Er sagte. „Nein, das Risiko ist zu groß, auch für mich. Das geht nicht. Wir müssen das nach Berlin melden. Klipp und klar.“ Ich dachte: „Naja, wahrscheinlich lesen die es gar nicht.“ Ich hatte mich getäuscht. 14 Tage später waren Joos und ich zur Berichterstattung nach Berlin befohlen worden und zum Vortrag vor einer kleinen Gruppe von Physikern, Vertretern des Ministeriums und Esau.“ (S. 79)

 

In der zeitgenössischen Literatur finden sich über dieses Ereignis folgende Einschätzungen. In der Perspektive von Ulf Rosenow hatten die Göttinger Physiker Joos und Hanle "einen Anstoß zu den deutschen Anstrengungen zur Nutzung der Kernenergie gegeben." (Rosenow, Ulf: Die Göttinger Physik unter dem Nationalsozialismus. In: Becker, Heinrich; Dahms, Hans-Joachim; Wegeler, Cornelia, Hg., Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. 2., erw. Ausgabe, München 1998, S.571) Pathetisch schrieb  Joos in einer Hitler-Festschrift, Hanle und er hätten den "Nibelungenring der sich selbst weiter ausbreitenden Kettenreaktion" geschmiedet (zit. ebd. S.56).

Lemuth und Stutz weisen dem Vortrag Hanles in dem besagten Kolloquium den Status von "visionären Ausführungen" über die Möglichkeiten der Ernergiegewinnung aus Uranspaltung zu (vgl. Lemuth, Oliver und Stutz, Rüdiger: Physiker und Chemiker zwischen Berufsinteressen und "vaterländischer Pflichterfüllung", in: "Kämpferische Wissenschaft". Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Hrsg. von Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth, Rüdiger Stutz. Köln, Weimar, Wien 2003, S.614). Walker ist der Auffassung, daß der Ministereingabe der beiden Physiker als Handlungsmotiv ein "Gemisch aus Nationalismus, Patriotismus und beruflichem wie persönlichem Ehrgeiz" zugrunde lag (Walker, zit. ebd., S.614).

„Im April 1939 trug der Göttinger Physiker Wilhelm Hanle in einem Kolloquiumsvortrag über die friedliche Nutzung der Kernspaltung in einer „Uranmaschine“, also einem Kernreaktor, vor. Sein Kollege Georg Joos hörte diesen Vortrag und berichtete am 22. April 1939 im Reichserziehungsministerium zusammen mit Hanle über die technischen aber auch die militärischen Möglichkeiten der Kernspaltung. Das Ministerium reagierte schnell, bereits am 29. April 1939 wurde unter der Leitung von Abraham Esau, dem damaligen Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, eine Expertenkonferenz im Reichserziehungsministerium in Berlin einberufen. Neben Hanle und Joos waren die Teilnehmer an der Konferenz die Physiker Walther Bothe, Robert Döpel, Hans Geiger, Wolfgang Gentner und Gerhard Hoffmann. Hahn fehlte auf dieser Sitzung, er wurde sogar wegen der Veröffentlichung seiner entscheidenden Entdeckung in Abwesenheit gerügt. Die versammelten Physiker faßten auf dieser Konferenz die folgenden Beschlüsse:

- die Herstellung eines Kernreaktors (genannt „Uranbrenner“),

- die Sicherstellung aller Uran-Vorräte in Deutschland und

- die Zusammenführung der führenden deutschen Kernphysiker zu einer Forschungsgruppe.“

(http://metaseek.coderworld.cn/cgi-bin/metaseek/lexikon_Uranpro-jekt_de.html)

 

In einer neueren Dissertation heißt es: „Schon im Frühjahr 1939 setzte sich Joos zusammen mit seinem Schüler Hanle in einem Akt der Selbstmobilisierung mit dem Kultusministerium in Verbindung, um auf die wirtschaftlichen und militärischen Anwendungsmöglichkeiten der Kernspaltung aufmerksam zu machen.“ (Rammer, Gerhard: Die Nazifizierung und Entnazifizierung der Physik an der Universität Göttingen. Diss. Universität Göttingen, 2004, S. 302 Herv. B.W.R.)

Ganz offensichtlich ließ Hanle in dem Interview die Tatsache unerwähnt, daß Joos und er von Anfang an auch auf die militärischen Aspekte der Kernspaltung abstellten.

 

Der erste „Uranverein“, die Gruppe um Joos und Hanle, wurde vom Heereswaffenamt ausgebootet. Es schaltete den Göttingen Uranverein aus, indem es seine Mitglieder zu militärischen Übungen einberief und organisierte selbst ein geheimes Uranprojekt, the „second Uranverein“ (Wikipedia). Der Gruppe gehörten Erich Bagge, Walter Bothe, Siegfried Flügge u.a. an; später kamen Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich v. Weizsäcker an (vgl. Bernhard vom Brocke, Hubert Leitko, Hg., Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Studien zu ihrer Geschichte. Berlin 1996, S.248 f.). Offenbar traute man es der ersten Garnitur der Physik zu, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Bekannt ist ja, daß der politisch weit überschätzte Carl Friedrich v. Weizsäcker in dieser Zeit die Vorstellung hatte, die Atombombe zu bauen und dann mit Hitler zu verhandeln. Obgleich Wilhelm Hanle an dem zweiten Uranverein nicht mehr beteiligt war, steuerte er doch Teilergebnisse bei: „Hanle contributed to the Uranverein under the auspices of the HWA with experimental studies which showed that boron and cadmium were strong absorbers of thermal neutrons.“

Hanle, als kleiner Mann mit immensem Ehrgeiz und Eitelkeit ausgestattet, war in gewisser Weise stolz auf die Atombomben-Story. So sagt er in dem Interview: „Übrigens machte mir später jemand, und zwar aus der DDR, den Vorwurf, ich hätte versucht, 1939 durch das vorhin erwähnte Berliner Gespräch Hitler die Atombombe in die Hände zu spielen. Ich hätte den Vortrag gehalten, ich hätte die Sache ins Rollen gebracht und damit also versucht, Hitler die Atombombe zuzuspielen. Eine Logik, gegen die man schlecht etwas sagen kann.“ (Hanle, Interview, S.88)

 

Wie auch immer, Hanle war bereit gewesen, seine wissenschaftlichen Fähigkeiten in den Dienst des Hitler-Regimes zu stellen, auch wenn er in diesem Falle nicht voll zum Zuge kam. Er hat dann ja eine Reihe von Kriegsforschungen betrieben. In der Dissertation von Rammer wird berichtet, daß Hanle die „meisten militärischen Geheimaufträge“ (Rammer, a.a.O., S.81), die man in Göttingen an Land gezogen hatte, mit nach Gießen nahm.

 

Über seinen Neuanfang 1941 in Gießen sagt Hanle: „Um diese Zeit mußte man Wehrmachtsaufträge haben, andere wissenschaftliche Arbeiten konnte man höchstens nebenbei machen. Je mehr Wehrmachtsaufträge, je höhere Dringlichkeit man hatte, desto eher war es möglich, Geld, Material und militärische Zurückstellungen zu bekommen. Es war ein Wettrennen nach Dringlichkeiten. Ich erwähnte schon den Auftrag von der Luftwaffe, den Wolkenscheinwerfer. Dann gab es einen Auftrag vom Heereswaffenamt, Signalübertragung durch unsichtbares Licht, und dann einen ziemlich spektakulären Auftrag von der Marine, Tarnung von U-Booten gegen Radaranpeilung.“ (Hanle, Interview, S.91)

 

Was hier euphemistisch „Signalübertragung durch unsichtbares Licht“ heißt, war ein „Abstandszünder für Abwurfbomben“. In einem Bericht an den  Reichsforschungsrat vom 3. März 1944 erläutert Hanle sachlich und akribisch – wissenschaftlich ganz neutral - die technische Struktur dieses Zünders: „Wir können also bei einem Zählrohr mit Quarzfenster mit einer Stoßzahl von rund 40/50 sec. Bei 40 m Abstand vom Flugzeug rechnen. Eine in einem Zylinderbereich von 40 m um die durch das Flugzeug gehende Vertikalachse fallende Bombe wird dann im richtigen Abstand vom Flugzeug kurz hintereinander mehrere Stöße im Zählrohr registrieren, wodurch ein Zündröhrchen ausgelöst werden kann, während auf die wenigen Dunkelstöße das Zündröhrchen nicht reagiert.“ (Report on development of an optical proximity fuse for aerial bombs. General description with schematic diagrams. Report on a secondary photo-electronic-amplifier with schematic and wiring diagrams. National Archives, College Park, NACP, R6319, Entry 82 A, Box 16, Folder 106 A) In einer umfangreicheren  Ergänzung vom 16.3.1944 werden sehr ausführlich die Wirkungen eines „Foto-Sekundärelektronenverstärkers“ beschrieben (ebd.).

 

Auch „geheimzuhaltende Diplomarbeiten“ wurden an Hanles Institut angefertigt. Hanle hatte zur militärischen Forschung in Nazi-Diensten ein völlig ungebrochenes Verhältnis, es war für ihn offenbar das normalste für einen deutschen Professor! Hier manifestiert sich eine für viele deutsche Professoren typische Schizophrenie: man brüstet sich, in Distanz zum Nationalsozialismus gestanden zu haben (damit ist dann wohl die Partei gemeint!) und stellt zugleich seine Fähigkeiten in seine Dienste!

 

Dabei waren es nicht nur Aufträge von außen, sondern auch Projekte, die von Hanle selbst, wie z.B. der Wolkenscheinwerfer, in diesem Fall an die Luftwaffe herangetragen wurden. Mag sein, daß durch Aufträge dieser Art – wie Hanle sagte -  „Wissenschaftler über den Krieg hinübergerettet wurden“ (ebd., S.94), gleichwohl ist und bleibt es Kriegsforschung zu Destruktionszwecken, die  betrieben wurde. In jedem Fall wäre es angezeigt gewesen, daß solche Wissenschaftsknechte der Nazis wie Hanle bescheidener auftreten und nicht so auf die Pauke hauen, wie er es in seinem Schreiben an mich aus dem Jahr 1982 getan hat. Als sich zeigte, daß der Krieg verloren war, steuerte der wendige Hanle wieder um, versuchte durch Auslagerung wichtiger Teile des Instituts nach Lauterbach zu retten, was zu retten ist. Dabei kokettierte er in dem Interview mit seiner Kriegsforschung: „Durch meine Kriegsaufträge, insbesondere durch den U-Boot-Auftrag, war ich lieb Kind beim Kommandeur des Rüstungsbereiches Oberhessen.“ (ebd., S.94) Dieser half ihm dann auch bei der Auslagerung des Instituts.

Hanle gehörte im Brechtschen Sinne zu den „erfinderischen Zwergen“, die man für alles mieten kann und die sich in jedem System opportunistisch zur Verfügung stellen!

 

Hanle wurde vielfach geehrt, 2 Ehrendoktorate, Röntgen-Plakette der Stadt Remscheid, Ehrensenator der JLU Gießen. Es geht hier nicht um seine Verdienste, auch nicht, ob sie nun zu recht oder unrecht bestehen. Es ging darum, die typische Betriebsblindheit des deutschen Professors in der Nazi-Zeit mit seinen ebenso typischen ideologischen Sichtweisen aufzuweisen. Davon war bislang im Falle des Professors für Physik Wilhelm Hanle an der Gießener Universität nichts zu hören!