Die Arbeit ist als Broschüre im Cento-Verlag Biebertal (2013, 2.Aufl.) erschienen. ISBN-978-3-935668-16-3

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Die Debatte um Otto Eger

2. Die politischen Etappen Egers

3. Otto Eger, der "Führer" der Gießener "Zeitfreiwilligenkompagnie" (Gießener Studentenkorps), und der Arbeitermord des Marburger Studentencorps (StuKoMa)

4. Eger und die "Organisation Escherich"

5. Egers politische Auftritte in der Weimarer Zeit

6. NS-Dissertationen unter dem Professor für Rechtswissenschaft Eger

7.Eger,sein Parteieintritt und die Kerckhoff-Klink

8. Egers politische Auftritte nach 1933

9. Fazit

10. Hitlers Nachhut

 

 

Nachwort zur zweiten Auflage

 

Otto Eger, der "herzensgute" Nazi der Universität Gießen oder: ein Vorbild, das uns trägt. Eine Satire

 

13. Literatur

 

 

 

1. Die Debatte um Otto Eger

 

Seit nunmehr fast 25 Jahren wird immer wieder die Frage disku­tiert, ob das Studentenwerk weiterhin den Namen Otto Egers, eines Rechtsauslegers der Weimarer Zeit und dann NS-Seiten­gängers, tragen und nicht vielmehr ein Schnitt gemacht werden solle. Den  letzten Anlauf machte die Fraktion der LINKEN im Stadtparlament: Sie forderte das Studentenwerk der Universität Gießen auf das Gebäude umzubenennen, denn Eger sei, so heißt es, "bekennender Nationalsozialist gewesen und in diversen NS-Organisationen aktiv." (GA, 7. Juli 2013)

 

Angestoßen hat die öffentliche Debatte die Gießener Studentenschaft vor mehr als 20 Jahren. Mehrere Listen des Uni-Konvents (den es heute nicht mehr gibt), die Konventslisten "Basisgrup­pen/GRÜNE, JUSO-HG, Agrarwissenschaften H und E and friends, Grüne-Alternative-Basis-Liste" richteten 1990 eine Anfrage an den Uni-Präsidenten Heinz Bauer, ob ihm bekannt sei, daß Eger "in den dreißiger und vierziger Jahren nationalsozialistische, völ­kische, rassistische und antisemitische Denkfiguren gefördert hat" (lt. GA, 22.1.1990) In der Folge forderte der seinerzeitige Vorsitzende des Studentenparlaments Frank Sygusch die Umbenennung des Otto-Eger-Heims. Über die Position, die der Uni-Präsident Heinz Bauer zu diesem Punkt einnahm, ist folgendes zu lesen: "Prof. Bauer dagegen sieht keine Veranlassung für eine Umbenen­nung des Otto-Eger-Heims. Zwar sei es richtig, daß Eger 1941 der NSDAP beigetreten sei; dieser Schritt sei aber erfolgt, um der Kerckhoff-Stiftung, deren stellvertretenden Vorsitz Eger seit 1930 übernommen hatte, beibehalten zu können. Darüber hin­aus existiere ein Schreiben des Gießener Rektors und über­zeugten Nationalsozialisten Kranz von 1939, in dem dieser dar­auf hinweist, daß Eger zwar kein Parteigenosse, dafür aber ein Professor von großer Sachkenntnis und demzufolge als Dekan geeignet sei. ... Insgesamt seien nationalsozialistische Verfeh­lungen nicht ersichtlich." (lt. GAZ, 20.1.1990; der syntaktisch falsche, zweite Satz findet sich so in dem Zeitungsartikel!)

So einfach stellt sich das für einen oberflächlich informierten Uni-Präsidenten dar! Damit war für den Universitätspräsidenten Bauer der Fall erledigt. Auch später hat die Universität keine weiteren Schritte zur Aufhellung der politischen Vita von Prof. Eger unter­nommen. Im folgenden wird gezeigt, was da alles aus bewußter oder fahrlässig in Kauf genommener Ignoranz unter den Tep­pich gekehrt wurde.

 Am 31.1.1990 forderte das Studentenparlament in einem Re­solutionsantrag den Uni-Präsidenten und zugleich Vorsitzenden des Studentenwerks Bauer, "vom Namen "Otto-Eger-Heim" Abstand zu nehmen". Als Begründung sagte der StuPa-Vorsitzenden Frank Sygusch, "daß es ihm nicht so sehr um die Person Egers gehe, sondern um den Umgang der Universität mit ihrer Geschichte." Das Festhalten an diesem Namen bringe "einen Mangel an Geschichtsbewußtsein öffentlich zum Ausdruck." (GAZ, 2.2.1990) Das hatte keine Wirkungen mehr, denn der Uni-Präsident hatte sich seine Meinung schon gebildet.

In der Zeit seit 1990 gab es immer wieder Beiträge von Frank Sygusch, Peter Chroust, Jörg-Peter Jatho, Bruno W. Reimann, die das politische Wirken Egers thematisierten. Auf diese vorgetragenen Fakten und Kritiken reagierte ein TV-Journalist, namens Peter Gruhne, der sich nie mit diesen zeitgeschichtlichen Fragen beschäftigt hat. Gruhne ist ein ZDF-Pressesprecher, der u. a. für das Marketing der Sendung "Wetten, dass..." zuständig ist. Der Artikel erschien in der Zeitschrift des Oberhessischen Geschichtsvereins, dessen unausgesprochenes Ziel es ist, die Biographien von öffentlichkeitsrelevanten Personen der Region von allen störenden Fakten, die NS-Zeit betreffend, sauber zu halten. In dieser Zeitschrift werden seit Jahr und Tag alten Nazis ehrenvolle Nachrufe geschrieben. In dieser unternahm Gruhne emsig den Versuch, Otto Eger in all seinen selbstproduzierten rechtslastigen und ns-ideologischen Affiliierungen und Zugesellungen zu rehabilitieren. Auf dieses hin und her des Zurechtzurrens wird hier nur am Rande eingegangen. Da werden Fakten ignoriert und bestritten und wenn's gar nicht anders geht, dann kommt dieses Salbadern: "Es charakterisiert die Brüche und Widersprüche einer Person, die in widersprüchlicher Zeit ihren Weg finden mußte." (Leserbrief von Peter Gruhne: "Behauptungen über Otto Eger nicht haltbar", GA, 22.6.2013) Mit solchen existentialen Ausflüchten ist alles vom Tisch, was eingehend zu diskutieren wäre.

Es geht bei alledem, wie der ehemalige StuPa-Vorsitzende Sygusch richtig festgestellt hatte, nicht primär um die Person Otto Egers. Es geht um die symbolische Repräsentation der Universität. Wenn Namen von Institutionen einen Sinn haben, dann drückt sich darin immer auch etwas vom Geist der Institution aus! Die Studentenwerke sind formell unabhängige, rechtlich selbständige Einrichtungen. In ihren Vorständen sitzen Mitglieder der Universitäten, Studenten und Vertreter des Studentenwerks. Meistens ist der Vorsitzende des Studentenwerks der Präsident der Universität oder ein Mitglied des Leitungsgremiums der Universität. Angesichts dieser Verflechtung ist die Namenswahl oder die Beibehaltung des Namens immer auch eine gemeinsame Angelegenheit von Uni und Studentenwerk. Im Falle des Otto-Eger-Heims geht es nicht primär um die Frage, zu wie viel Prozent Nazi der Professor Eger gewesen ist. Es geht darum, welche Traditionen zur Selbstdarstellung einer Einrichtung herangezogen (und  später dann auch verteidigt) werden. Mit Eger haben sich in Gießen Studentenwerk und Uni der reaktionärsten Tradition der Uni-Geschichte und ihrer Repräsentanten bedient. Daß Studentenwerk und Uni trotz dieser langen Debatte und vieler auf dem Tisch liegender, gravierender Fakten an dem Namen "Otto Eger" festhalten, sagt etwas vom Geist der Gießener Universität aus. Da wird weggeschoben, bagatellisiert, durch semantische haarspalterische Interpretationen beigebogen.

 

Egers wissenschaftliches Werk ist schmal, er war kein Mann der Wissenschaft, sondern in erster Linie ein umtriebiger Organisator sowohl im Bereich der Universität wie im Gießener Vereinswesen. Egers politische Auftritte in der Weimarer Zeit charakterisieren ihn als einen Rechtsaußen. Er war ein durchaus typischer Repräsentant der rechten Universität, die vielfältig zur Heraufkunft der faschistischen Studentenbewegung beigetragen hat. In einer amerikanischen Studie werden die Professoren der Weimarer Republik als "midwives to Nazism" bezeichnet. Nach 1933 trat Eger bei vielfältigen Gelegenheiten öffentlich mit Nazi-Ideologemen und Nazi-Parolen auf.

 

2. Die politischen Etappen Egers

 

Eger tritt nicht erst nach 1933 auf den Plan. Schon in der Frühzeit der Weimarer Republik hielt er den rechten Studenten, die der neuen demokratischen Republik den Garaus machen wollte, die Stange. Er war einer der politischen Mentoren der rechten Studenten in der Frühzeit der Weimarer Republik,

Kurz einige Notizen zu seiner wissenschaftlichen Laufbahn: Eger hatte von 1918 bis 1946 eine Professur für Römisches Recht an der Gießener Universität inne. Er habilitierte sich 1909 an  der Universität Leipzig mit der Arbeit „Zum ägyptischen Grundbuchwesen in römischer Zeit: Untersuchungen auf Grund der griechischen Papyri“ (erschienen bei Teubner, Leipzig 1909). 1910 wurde er Professor in Basel, 1918 an der Universität Gießen. Die Deutsche Bibliothek Leipzig, die Sammelbibliothek für das Deutsche Reich, weist 6 Publikationen von Otto Eger aus, davon vier Mini-Schriften: ein Rektoratsprogramm der Universität Basel aus dem Jahr 1918 (Eger war dort 1914 zum Rektor gewählt worden), zwei Reden zu den Jahresfeiern 1923 und 1931 der Gießener Universität, ein 8seitiger  Bericht über die erste öffentliche Kerckhoff-Vorlesung am 23. Juli 1935 im Kerckhoff-Institut zu Bad Nauheim. Eger war kein Mann, der wissenschaftlich hervortrat; er war in erster Linie ein umtriebiger Organisator sowohl im Bereich der Universität wie im Gießener Vereinswesen. Hier profilierte er sich als ein Art Lokalmatador. Und: er trat vielfach mit politischen Äußerungen hervor, die ihn als einen Mann im rechten politischen Spektrum ausweisen. Sein politischer Weg führte ihn, durchaus folgerichtig, auch in die NSDAP. Es gab zwei große Eintrittswellen in die NS-Partei, nach der Machtergreifung 1933 und nach den anfänglichen Siegesfeldzügen Hitlers nach 1939. Am 10. Mai 1940 überfiel die Hitler-Armee die neutralen Benelux-Staaten und marschierte in Frankreich ein. Am 14. Juni 1940 wurde Paris eingenommen. Am 8. Juli stellte Eger seinen Antrag der Aufnahme in die NSDAP.

Dok. 1: Egers NSDAP Mitgliedskarte

Hervorzuheben ist, daß sich Eger für die sozialen Belange der Studentenschaft engagiert hat, 1921 die "Gießener Studentenhilfe e.V." auf den Weg brachte, aus der nach 1945 das Studentenwerk Gießen hervorging. Das kann allerdings nichts zu sehen, daß über Egers rechtsradikale und pronationalsozialistische Einstellung und Äußerungen hinweggesehen wird.

Es geht im einzelnen um 6 Sachverhalte im politischen Leben Otto Egers:

1. Eger gründete 1919/20 das "Gießener Studentencorps", das, ähnlich wie das "StuKoMa" (Studentenkorps Marburg), 1920 den Kapp-Putschisten beispringen wollte, aber dann nicht zum Einsatz kam[1]. Da die Putschgerüchte bis zur sozialdemokratischen Landesregierung in Hessen gedrungen waren, stellte er sich als "Führer der Zeitfreiwilligenkompagnie" schützend vor "seine" Studenten.

2. In diesem Zusammenhang verleugnete Eger die Vorgänge in Mechterstädt am 25. März 1920, das Massaker der "Marburger Mordbuben" an 15 gefangen genommenen Arbeitern, nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf!

3. Eger war für die protofaschistische "Organisation Escherich" (ORGESCH) tätig.

4. Eger trat in der Weimarer Zeit vielfältig mit rechten Äußerungen hervor, dazu gehören vor allem seine Auftritte als Rektor bei den Reichsgründungsfeiern.

5. Nach 1933 nahm Eger als Doktorvater eine Reihe stramm nationalsozialistisch ausgerichteter Doktorarbeiten an.

6. In den Jahren nach 1933 affirmierte Eger in einschlägigen öffentlichen Äußerungen das Nazi-System und seine Ideologie.

 

3.       Otto Eger, der "Führer" der Gießener "Zeitfreiwilligen-          kompagnie" (Gießener Studentenkorps), und der Arbeiter          mord des Marburger Studentenkorps (StuKoMa)

 

 

Im folgenden geht es um die Haltung Egers zum Studentencorps Gießen und zum Studentenkorps Marburg („StuKoMa“). (In der Tat schreibt sich in der Literatur das eine mit "c", das andere mit "k", daher auch die Abkürzung "StuKoMa"). Aufschlußreich ist ein Brief Egers, auf den ich im Staatsarchiv Marburg im Zuge mei­ner Recherchen zu dem Arbeitermord in Mechterstädt gestoßen bin. Ich gebe den gesam­ten Inhalt des Schreibens wieder, welches Professor Eger am 4. April 1920 an den Rektor der Universität Marburg richtete[2]:

 

Dok. 2 Faksimile des Schreibens an den Rektor

 

Transkription des Briefes:

„Ew. Magnifizenz!

In meiner Eigenschaft als Führer der Zeitfreiwilligenkompagnie der Giessener Studentenschaft erlaube ich mir folgende Bitte an Ew. Magnifizenz zu richten.

Die Gießener Studentenkompagnie, die so spät einberufen wurde, daß sie nicht mehr außerhalb Gießens verwendet werden konnte, ist der Gegenstand zahl­reicher Verdächtigungen geworden. Sie beabsichtigt daher, alsbald mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit zu treten. Da bei den Anfeindungen auch die zweifellos falschen Berichte über die angebliche Erschießung von 17 Arbeitern durch die Marburger Studenten verwertet wurden, so wäre es sehr erwünscht, wenn diesen unwahren Angaben auch in der fraglichen Erklärung der Giesse­ner Zeitfreiwilligen aufgrund einer authentischen Mitteilung des wahren Tatbe­stands entgegengetreten werden könnte.

Aus der Zeitung entnehme ich, daß eine solche Mitteilung durch die Presse allerdings wohl in Bälde zu erwarten ist, da aber die Erklärung der Gie­ßener Studenten sobald als möglich erscheinen soll, so wäre ich Ew. Magnifi­zenz für eine direkte Mitteilung über den Tatbestand, der in der Erklärung ver­wandt werden könnte, sehr zu Dank verpflichtet.

 

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung

bin ich Ew. Magnifizenz

ergebe­ner Eger“

 

Darauf antwortete der Rektor der Universität Marburg am 8.4.1920 fol­gendes:

Dok. 3: Faksimile des Schreibens des Rektors

 

Transkription:

„Sehr geehrter Herr Kollege!

Ich erlaube mir, Ihnen nachfolgend eine Erklärung zugehen zu lassen, die wir in der hiesigen Presse bereits veröffentlicht haben. Über die Vorgänge in Thüringen wird eine weitere Erklärung folgen, wenn wir auch bis zu einem rückhaltlosen Vortreten vor der Öffentlichkeit den Abschluß des gerichtlichen Verfahrens abwarten müssen. Die Lage ist für uns natürlich schwierig, weil inzwischen in unverantwortlicher Weise gegen unser Studentenkorps agiert wird. Soviel ich bis jetzt habe feststellen können, hat es sich um einen Transport Gefangener zur gerichtlichen Aburteilung gehandelt, die unter Benutzung eines dichten Frühnebels plötzlich zu entkommen suchten und unter den nachgesandten Schüssen fielen.

In größter Hochachtung

Ihr ergebenster

Busch“

 

Ich schrieb in meiner Analyse (1991) zum Katalog unserer Ausstellung von 1988 folgendes:

"Die Gies­se­ner Studen­ten­kompanie ist, wie einem Brief von Eger an den Rektor der Univer­sität Marburg zu ent­nehmen ist, "Gegen­stand zahlreicher Verdächti­gungen gewor­den". Offenbar wurden, so Eger, bei den "Anfeindungen auch die ja zweifellos falschen Berichte über die angebliche Er­schießung von 17 Arbei­tern durch die Marburger Studenten ver­wertet."[3]

Aber auch der VERBAND DER DEUTSCHEN HOCHSCHU­LEN trat auf den Plan und stellte sich schützend hinter das "StuKoMa": In einem Rundschreiben vom 15.April 1920 fragte er bei den einzelnen Hochschulen an, ob "die Beobachtung ge­macht ist, daß man die akademischen Zeitfreiwil­ligen verun­glimpft und zu verdächtigen sucht. Gegen systematische der­artige Bestrebungen würde vom Vorstand des Ver­bandes der Deutschen Hoch­schulen energisch Stellung genommen."[4]

Der entscheidende Punkt in diesem oben wiedergegebenen Schreiben ist die Tatsache, daß Eger dem „StuKoMa“ bei­gesprungen ist, in dem er den seinerzeit reichsweit diskutierten, bedrückenden Fakten den Status von „falschen Berichten“ zuweist. Eger hatte also knapp 10 Tage nach dem Massaker in Mechterstädt für die Täter, die Mitglieder des „StuKoMa“, Partei ergriffen. Er fragt ja nicht bei dem Marburger Rektor an: Es gibt da beunruhigende Meldungen? Was ist da in Mechterstädt passiert? Gibt es valide Informationen zu dem Vorgang? Nein, Eger tritt so auf, als wüßte er genau, was da passiert ist: Er spricht von den „zwei­fellos falschen Berichte(n) über die angebliche Erschießung von 17 Arbeitern“ und davon, daß es sich im “unwahre Angaben“ handelte. Wieso meinte Eger zu wissen, daß die Berichte „zweifellos falsch“ seien, es sich um „angebliche Erschießungen“ handelte und die Angaben „unwahr“ seien? Aufgrund seiner politischen Grundeinstellung hatte Eger be­reits vor der Klärung dieser Fragen eine feste Vormeinung und eben diese feste Vormeinung macht Eger zum Sympathisanten der Marburger Mörder. Er erbittet vom Rektor eine Klarlegung des Sach­verhalts („des wahren Tatbestands“), aber erwartet doch nichts anderes als eine Bestätigung seiner Vormeinung, damit den „unwahren Angaben“ entgegengetreten werden könne.

Überdies: Was immer man an der Marburger Universität in dieser Zeit kritisieren kann, Rektor und Deputation der Marburger Philipps-Univer­sität sind ihrer öffentlichen Erklärung zum Marburger Studentenkorps viel vorsichtiger aufgetreten als der hoch aufgeladene Professor Eger. In dieser wurde kritisiert, daß „das öffentliche Urteil von vornherein nach einer bestimmten Richtung aufreizend beeinflußt“ und insbeson­dere auch der „Klassenhaß“ geschürt wird. „Die Universitätsbehörden müssen es im Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit ablehnen auf diesem Weg zu folgen. Sobald das gerichtliche Verfahren abgeschlossen ist, wird die Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt volle Aufklärung er­halten… Wenn in Thüringen Verfehlungen einzelner vorgekommen sind, so werden sie ihre Sühne finden…“ (Rektor und Deputation der Marbur­ger Philipps-Universität: Das Marburger Studentenkorps, März/April 1920).

 

Gruhne, der in seinem Beitrag von 2008 zur Ehrenrettung von Eger angetreten ist, hebt in der Interpretation des Briefes von Prof. Eger vom 4. April 1920 einen Aspekt besonders  hervor: Eger sei es primär darum gegangen, „Schaden von seinen Gießener Studenten abzuwenden“ (Gruhne 2008, S.278 – bei Gruhne unterstrichen), das heißt konkret: von der Gießener Zeitfrei­willigenkompagnie, die „Gegenstand zahlreicher Verdächtigungen ge­worden“ war. Gruhne macht überhaupt keinen Versuch, etwas zu diesen Verdächtigungen zu eruieren, obgleich diese historische Phase in der Gießener Studentengeschichte mittlerweile doch relativ gut erforscht ist. Die Frage lautet also: Was waren das für Verdächtigungen?

Gruhne hat sich zum Eger-Apologeten gemacht. Das hat ihn so borniert gemacht, daß er nichts mehr wahrnehmen kann, was seinem zurecht gezimmerten Eger-Bild widerspricht.

 

Der Gründung des Gießener Studentencorps ging die Einrichtung einer Studentenwehr voraus. Hintergrund all dieser quasimilitärischen Formationen war einerseits die durch den Versailler Friedensvertrag dekretierte Beschränkung des Heers auf 100.000 Mann; das Heer sollte durch diese Formationen sozusagen aufgestockt werden. Andererseits wollte sich das politische Bürgertum gegen die Arbeiterunruhen im Gefolge der Novemberrevolution von 1918 wappnen. Zunächst war 1919 ein „Studentischer Sicherheitsdienst“ eingerichtet worden. In einer Verbindungsgeschichte ist die Rede von einer „Studentenwehr“[5]. Am 18.3.1919 fand eine vom Asta einberufene Studentenversammlung statt, in der „die Frage der Bewaffnung der Studentenwehr von der grundsätzlichen Seite erörtert“[6] wurde. An die Korporationen wurden seitens der Reichswehr Handfeuerwaffen und Munition verteilt, die allerdings wenig später auf Weisung des Hessischen Innenministeriums wieder eingesam­melt werden mußten. Am 23. Oktober 1919 wandte sich das Bezirks­kommando Gießen „streng geheim“ an die Korporationen und warb um die Meldung Zeitfreiwilliger. In dem Schreiben hieß es u. a.: „Das Bezirks­kommando wendet sich deshalb, einge­denk der in deutschen Studen­tenkor­porationen heilig gewordenen Tradition: ‚Wenn es gilt fürs Vater­land, treu die Klingen dann zur Hand...!’ vertrauensvoll an die Studenten­schaft ...“[7]. Die Reichswehr wandte sich genau an die Gruppe, die der jungen Demokratie den Garaus machen wollte.

Der Profes­sor für Römisches Recht Otto Eger (1877-1949) stellte zusammen mit Mit­gliedern des Corps Teu­tonia und „in Füh­lung­nahme mit der Reichs­wehr das ‚Gie­ßener Studen­tencorps’ auf .., dem die meisten Korpora­tionen ange­hör­ten.“[8] Das Studen­tencorps bestand aus 600 Mann[9] und war - wie es in der Geschichte des Corps Hassia heißt - zum „Kampf gegen kommunisti­sche Banden“[10] bereit. In einer anderen Quelle heißt es:

„Im März 1920 war unter dem Kommando von Professor Eger eine Gießener Studenten­kompanie aufgestellt worden, die bei den Auf­ständen in Thüringen und im Ruhrgebiet mit eingreifen soll­te.“[11]

Zehn Mitglieder der Burschenschaft Frankonia, 3 Saxo-Silesen sowie Freiwillige der Burschenschaft Germania bildeten den III. Zug dieser Kompanie.[12] Aber auch Mitglieder der katholischen Verbindung Hasso-Rhenania waren mit von der Partie. Die Rekrutierung lief über den ganzen Monat März:

„Nach dem Schlußkonvent am 24. März (1920 - B.W.R.) im kleinen Sälchen des ‚Großherzog’ zog auch fast die gesamte Hasso-Rhenania in das Lager auf dem Trieb, um sich im Studentencorps als Zeitfreiwillige gegen den kommunistischen Aufruhr einschreiben zu lassen.“[13]

Das Gießener Studentenkorps war wie das „Studentenkorps Marburg“ (StuKoMa) bereit, den Kapp-Putschisten beizuspringen.[14] Für Marburg gab es im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch genaue Besetzungspläne.

Der Kapp-Putsch war auch in Gießen die erste Probe aufs Exempel. In einer Chronik des Corps Teutonia ist zu lesen:

"Zum Kapp-Putsch stand das alle schlagenden Korporationen umfassende Gießener Studentencorps geschlossen unter der Führung unseres Otto Sievers in Marschbereitschaft, kam aber infolge des Zusammenbruchs (des Kapp-Putschs - B.W.R.-) ebensowenig zum Einsatz , wie 1923 bei der ersten Erhebung Adolf Hitlers." (Corps Teutonia zu Gießen 1839-1935. Gießen 1939, S.126)

Um sich zu bewaffnen, wollten Studenten des Corps Teutonia und der Landsmannschaf­ten die sich zögerlich verhaltende Reichswehr "kur­zerhand .. überrumpeln, um die Reichswehr vor eine voll­endete Tatsache zu stellen."[15] Im Haus des Corps Teutonia waren ein Maschinengewehr und 20 Infanteriegewehre versteckt. In einer "Studentenver­sammlung" im Corpshaus wurde der Über­rumpe­lungsplan abgelehnt: "Das Ergebnis der Sitzung war damals die Zusage der Studen­tenschaft mitzuma­chen, wenn sie bewaffnet würde."[16] An der Sitzung nahm auch der Studien­rat Dr. Rudolf Blank teil, ein Konspirateur ersten Ranges in Gießen: Er war der lokale "Führer" der Organisation Consul, einer "soldati­schen Ver­schwö­rung gegen den Staat von Weimar"[17] und politi­schen Mordorganisation, wurde 1921 wegen "Geheimbünde­lei" verhaftet[18]. Blank knüpfte die Fäden zwischen studenti­schen Organisationen und putschistischen Rechtsgruppen. Er war "Alter Herr" der Landsmannschaft Chattia, 1921 wurde er Vor­sitzender der deutsch­nationalen "Jugend- und Studentengrup­pe", die aus der Verschmelzung der 1920 gegrün­deten "deutsch­nationalen Studen­tengruppe" und der Jugendgruppe der DNVP entstanden war[19]; er war Mit­glied der DNVP, 1929/30 agitierte er in der NSDAP, 1933 wurde er als Refe­rent ins Kultusmini­sterium berufen[20]. Die Bewaffnung sollte mit Hilfe des Marbur­ger Stu­dentencorps unter Bogislaw v. Selchow durch­geführt werden. So fuhren Hermann Sievers (Corps Teutonia) und Sieben (Lands­mann­schaft Chattia) nach Marburg. Hermann Sievers schreibt dar­über: "Das Ergebnis unserer Verhandlungen war die Zusage, am folgenden Tag einen Wagen mit 200 Gewehren nach Gießen abzu­senden. In Marburg landete an diesem Tage ein Flugzeug im Auftrage von Ehrhardt und Kapp und brachte Originalaufrufe der Regierung Kapp."[21] Als Sievers einer Versammlung Gieße­ner Kapp-Putschi­sten die Nachricht überbringen wollte, fanden er und Sieben "alle Teilnehmer mit bestürzten Gesichtern vor, da soeben die Nachricht von dem völligen Scheitern des Kapp-Put­sches eingetrof­fen war. Wir kamen also mit unsern guten Nach­richten zu spät. Angewidert von der völligen Hilflosig­keit des Vorsitzenden der Deutsch­nationalen Volkspartei und einiger anderer alter Herren zogen wir jüngeren, zu denen die Corps­studenten Otto und Hermann Sievers, Teutoniae, Zimmer und Dietz-Retzlaff, Hassiae (jetzt Kom­mandeur der Hamburger Schutzpolizei) zählten, ab und beschlossen zunächst das Stu­denten­corps zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu erhal­ten."[22]

In der TH Darmstadt wurden Flugblätter von Kapp verteilt, eine vom Innenmini­ster Dr. Fulda veranlaßte Durchsuchung der Hochschule, vor allem nach einem "Werbebüreau für die Kapp­sche Regierung", blieb jedoch ohne Erfolg. Auch hier wehrte sich die Studentenschaft im Brustton von Unschuld gegen die Unterstellun­gen, mußte aber konzedieren, daß es bei der "viel­seitig politischen Zusammenset­zung der Studentenschaft ... selbst­verständ­lich nicht zu vermeiden (ist), daß auch Anhänger des Kappschen Putsches auftre­ten."[23]

Die preußische Universität Marburg war eine Hochburg von Umtrieben, die gegen die Republik ge­richtet waren. Bestimmte Korporationen waren, wie Ernst Lem­mer (1898-1970) berich­tet, an den Vor­bereitungen des "militärischen Gewaltstreichs gegen die jun­ge Republik"[24] betei­ligt, nachts wurden Waffen in einige Ver­bin­dungshäuser geschafft. In dem "Marbur­ger Studentenkorps" unter Bogis­law von Selchow wurde die "zum Anschluß an Kapp bereit gewesene Studen­ten­schaft zusammen­ge­faßt"[25]. Wie­wohl die putschistischen Aktivi­tä­ten bis in die Reichswehr reich­ten, wollte sich der Marburger Truppen­komman­deur, Major Schenck zu Schweinsberg, nicht an dem Putsch beteili­gen, was wie­derum zur Folge hatte, daß die "rechtsstehenden Studen­ten­gruppen, obwohl sie bewaffnet waren, eine gewisse Zurück­haltung üb­ten."[26]

Von all dem soll der Gründer und akademische Führer des Gießener Studencorps, der Professor Eger, nichts gewußt haben? Das ist nicht glaubhaft!

Diese Fakten sind nicht erst retrospektiv, Jahre später, bekannt geworden. Auch den hellhörigen Zeitgenossen war klar, was sich auch in Gießen zusammenbraute. Bis zur Hessischen Regierung war vorgedrungen, daß große Teile der Studentenschaft den Kapp-Putschisten beispringen wollten. Sehr deutlich ist dies einer öffent­lichen Stellungnahme des Gießener Asta-Vorsitzenden Jakob Friedrich Zimmer (gemeinsam mit Grünewald) zu entnehmen, in der heftig dementiert wurde, was die Landes­regierung vermutete (und was heute durch Quellen unzweifelhaft bestä­tigt ist). Zimmer schrieb, daß die „Gießener Studentenschaft an einen gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse nie gedacht hat und nie denkt“ undf beklagte sich darüber, "daß die Regierung die Angriffe von allen Seiten, die sich gegen die Studentenschaft seit geraumer Zeit in starkem Maße mehren, noch unterstützt." Die Regierung wird aufgefordert, "allen derartigen Gerüchten über gewaltsamen Umsturz, den angeblich die Studentenschaft plane, mit der größten Energie entgegenzutreten." (Darmstädter Zeitung, 12.4.1920).

Man muß hier an den kleinen Artikel Freuds über die „Verneinung“ erinnern: das Verneinte manifestiert häufig in der heftigen Reaktion positiv den verneinten Sachverhalt. Das Auftreten von Zimmer in die­sem Zusammenhang, der aufgrund eigener Teilhabe von den rechten Um­­trieben in der Studentenschaft wußte, ist ausgesprochen scheinheilig. Gleichzeitig wird von Zimmer darauf verwiesen, daß das "er­neute Eintreten der Gie­ßener Studenten bei den Zeitfreiwil­ligenformatio­nen doch wiederum im Interesse der Regierung liegt"[27].

Der links-liberale Kultusminister Dr. Reinhard Strecker[28] (1876-1951) nahm diese Erklärung mit "Befriedigung" zur Kenntnis, verwies aber auf folgendes: "An bedauerlichen Vorkommnissen, die zu den besagten Vorurteilen führten, hat es leider nicht gefehlt."[29]

In der Tat manifestiert sich hier ein Widerspruch: Die Regierung wandte sich an eine Gruppe, von der sie doch wußte, daß sie nur auf eine Gele­genheit war­tete, die Demokra­tie zu zer­stören.

Dieser Widerspruch zeigte sich insgesamt: Die dem Kapp-Putsch folgenden Streiks und Aufstände wurden "teilweise durch die gleichen Truppen, die den Putsch unter­nom­men hat­ten"[30], blutig niedergeworfen und beendet. Ähn­liches gilt auch im Hin­blick auf das Verhältnis der Regierung Ebert zur berüchtigten Organisation Consul (O.C.). Offenbar gab es hier ein "Dop­pelspiel"[31]: "Die republi­ka­nische Regie­rung glaubte die Organisation Consul als eine heimli­che Ar­mee nicht entbeh­ren zu dürfen - und mußte sich doch gegen die republikfeindli­chen Geheim­bündler weh­ren."[32] Darum schei­nen auch die Hin­ter­gründe dieser Organisa­tion nicht restlos auf­geklärt wo­rden zu sein, arbei­tete doch die Organisation Consul eng mit der Reichs­wehr zusammen[33].  

 

Nach dem Kapp-Putsch

 

Zur Bekämpfung der im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch erfolgten kom­munistischen Aufstände wurden eben die Studen­tencorps aktiviert, die bereit gewe­sen waren, sich an die Seite der Kapp-Putschisten zu stellen. Dabei ging es weniger um die Verteidi­gung der demokrati­schen Republik als darum, endlich einmal gegen die verhaßten "Bolschewisten", die "kom­munistischen Banden"[34], losschla­gen zu können.

Das Gießener Studentencorps kam indes, anders als das "Stuko" Marburg, über bestimmte mili­tä­rische Übungen nicht hinaus und somit nicht zum Einsatz. Al­lerdings zogen vier Gießener "Corpsbrüder" (Sievers, Elbs, Silber­eisen, Fritz Hofmann) mit dem "StukoMa" nach Thüringen[35]. Im Gegensatz zu Marburg kam die Gießener Zeitfreiwilligen-Kompanie nicht zum Einsatz:

„Während das Marburger Studentenbataillon in Thüringen eingesetzt wurde, blieb es in Gießen bei der Aufstellung eines militärischen Verbandes aus Korporationsstudenten in der Kaserne des ehemaligen Regiments 116 auf dem Trieb. Der SC stellte eine Kompanie, in der sich auch zahlreiche Hessen befanden, darunter Artilleristen unter CB Wehrmann mit alten Feldkanonen 7,5. Über Gefechtsexerzieren auf dem Trieb ist dieses soldatische Intermezzo der Gießener Studentenschaft nicht hinausgelangt.“[36]

Das "StuKoMa" zog nach Thüringen, um im Auftrag der Reichswehr gegen die Arbeiteraufstände, die der Kapp-Putsch nach sich zog, vorzugehen. Marburger Studenten haben 15 gefangengenommene und wehrlose Arbeiter in den Morgenstunden des 25 . März 1920 auf der Landstraße nach Gotha, in Mechterstädt, erschossen. Dreizehn der Erschossenen wiesen zertrümmerte Schädel auf. Es handelte sich um Kopfschüsse, die, wie einer der Gutachter schrieb, "in großer Nähe abgegeben" sein mußten. Einer wies einen Herzschuß von vorn aus. Dies veranlaßte Tucholsky zu den Zeilen: "Zwar sitze ihre Wunden vorn ... Man kann auch rückwärts flüchten." Heute gibt es keinen Zweifel, daß es sich um kalt kalkulierte Morde handelte[37]. Alle Studenten wurden in zwei Instanzen freigesprochen. Das sagt etwas aus über den Zustand der Justiz in der Weimarer Zeit!

Auf Initiative von Lem­mer, dem Studenten H. Duderstadt und dem Ar­bei­ter H. Heuser wur­de die "republi­kanische Zeitfreiwilligen-Trup­pe", die "Volks­kom­panie Mar­burg", gegründet. Lemmer setzte sich im Auftrage eines "Aktions­aus­schus­ses", bestehend aus Mitgliedern der Gewerkschaften, der SPD, USPD, der Deutschen Demokratischen Partei, des Zentrums, für die Entwaffnung der rechts stehenden Studentenschaft ein. Auch Gustav Heinemann (1899-1976), der spätere Bundespräsident, gehörte zu diesem "Aktionsaus­schuß". Über ihn schreibt Ernst Lemmer: "Er hat in jeder Situa­tion, also auch damals, viel Courage gezeigt; zuverlässig und treu stand er zu seinen Freun­den."[38] Ernst Lem­mer, der mit der "Volkskompanie Marburg" mit nach Thü­rin­gen zog, hat entschei­dend zur Aufklärung der Vorgänge in Mechterstädt bei­getragen.

Gruhne hebt hervor, um die Problematik zu entschärfen, daß das Gießener Stundentencorps gar nicht zum Einsatz kam. Ich denke, das spielt überhaupt keine Rolle! Wichtig ist doch die politische Haltung der Studentenschaft, ihre Mentalstruktur. Hinter ihr steht der politische Mentor Eger, der Berichte über die Erschießungen in Mechterstädt kurzerhand vom Tisch wischt und der "seine" Studenten, die Kapp beispringen wollten, gegen Verdächtigungen in Schutz nimmt. Eger stellte sich schützend vor Hochver­räter, auch wenn es sich um Studenten handelte Damit machte er sich zu ihrem Komplizen!

Welche Bedeutung die Aufstellung des Gießener Studentencorps hat, zeigt sich darin, daß dieser Akt von den Nazis aus Anlaß des 25jährigen Dienstjubiläums von Otto Eger wohlwollend gewürdigt wurde: "Sein Einsatz bei der Aufstellung und Führung der im Jahre 1923 (das war nicht 1923, sondern 1920 - B.W.R.) gegen die in Mittel- und Westdeutschland ausgebrochenen kommunistischen Unruhen hier aufgestellten Studentenkompanien, ... seine Sorge um die Aufrechterhaltung und Weckung des Wehrwillens in der studentischen Jugend, die durch bereits in den Jahren 1929 und 1930 eingerichtete Kurse ihren Ausdruck fanden, haben ihn schon zur Zeit seines ersten Rektoramtes an der hiesigen Universität im Jahre 1923 den Ehrennamen eines Führers und väterlichen Freundes der Studentenschaft gebracht..." Das schrieb die nationalsozialistische Oberhessische Tageszeitung am 20.4.1935.

Ähnlich äußerten sich auch der Gießener Anzeiger und die Bad Nauheimer Zeitung am 19.10.1937 aus Anlaß von Egers 60. Geburtstag! Was die Zeitgenossen wußten, wird heute von der Universität Gießen verleugnet!

Die Querelen zwischen der hessischen Landesregierung und dem Asta der Universität gingen weiter. Strecker wiederholte nach den Vorgängen des Jahres 1920 in einer Kammerrede vom 26.11.1920 seine Vorwürfe; in Bezug auf die beiden Hochschulen, die Universität Gießen und die Technische Hochschule Darmstadt, sagte er "Unter der Studentenschaft werde in unerhörter Weise gewühlt." (zit. lt. Gießener Anzeiger v. 6.12.1920) Darauf trat einer der eifrigsten Protagonisten und Agitatoren der studentischen Rechten, der Asta-Vorsitzende Jakob Friedrich Zimmer, erneut auf den Plan und reklamierte, unter Rekurs auf Fichte und Humboldt, "unbedingte Wahrhaftigkeit" und "vollkommene Sachlichkeit" (vgl. ebd.). Das war wahrhaft ein Akt der politischen Schizophrenie!

In seiner Einschätzung bezog sich Strecker sowohl auf die prokappistischen Aktivitäten in der Studentenschaft wie auf eine Serie von antisemitischen Aktionen, die durch den Asta-Vorsitzenden Jakob Friedrich Zimmer angeheizt wurden.[39]

Zimmer war einer der ersten fanatischen Antisemiten an der Universität Gießen. Am 10. Juni hatte er vor der Gießener Studentenschaft einen Vortrag gehalten, dessen Kernbotschaft war: Die Judenfrage ist keine Religionsfrage, sondern eine Rassenfrage! Das war der erste Auftritt des rassistischen Antisemitismus an der Gießener Universität. Der Vortrag erschien als Aufsatz in der einschlägigen völkischen Gazette "Deutschlands Erneuerung". Nach Zeugnis des "Kampfbundes für deutsche Kultur" befand sich die Zeitschrift in "schärfster Frontstellung gegen die Feinde des deutschen Wesens"; ihre Hauptaufgabe war "Rassenforschung", sie sollte die Fundamente legen für "eine kommende Aufartung und Rassenhygiene" (vgl. Mitteilungen des Kampfbundes für deutsche Kultur, 1. Jg., Nr. 1, Januar 1929). Schon 1919 hatte Zimmer eine Kampagne ins Leben gerufen, weil sich eine jüdischen Studentenverbindung den Namen "Staufia" gab: "Wir unterzeichneten immatrikulierten Studierenden der Landesuniversität Gießen protestieren aufs Schärfste, daß eine rein jüdische Verbindung sich den Namen unseres berühmtesten Kaisergeschlechtes anmaßt..." hieß es am Anfang der von 1200 Studierenden unterzeichneten Erklärung, mit Zimmer an der Spitze! In der völkischen Zeitung "Deutsche Zeitung" schrieb Zimmer im Hinblick auf das Auftreten der "Staufia", es "sei ein starkes Stück,   sich in Oberhessen, der 'Hochburg des Antisemitismus' hervorzuwagen" (Deutsche Zeitung, 19.5.1920)

Am 20. Juli 1920 wurde in der allgemeinen Studentenversammlung (sie entsprach dem heutigen Studentenparlament) ein Antrag mit großer Mehrheit angenommen, in dem es heißt: "Die Studentenschaft der Universität Gießen fordert ...baldige energische Maßnahmen seitens der Regierung gegen die ostjüdische Zuwanderung und gegen die Überschwemmung der deutschen Hochschulen durch Ausländer." (Gießener Akademische Mitteilungen, SS 1920, 1. Juli, Heft 1)

Zu all dem hat man nie ein kritisches Wort von Eger gehört. Wieso auch, er war doch einer der Mentoren und Sozialisatoren der Gießener Studentenschaft!

 

4. Eger und die Organisation Escherich

Professor Eger war der lokale Platzhalter der republikfeindlichen und paramilitärisch operierenden Organisation Escherich, genannt auch „Orgesch“: „In der Provinz Hessen war die ORGESCH verboten, jedoch erwiesen sich die Behörden als sehr großzügig. Hier waren vor allen Dingen der Jungdeutsche Orden mit seinem Rechtsberater Trauner in Cassel und Professor Eger aus Gießen die Hauptstützen.“ (Nusser, Horst G. W.: Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. München 1973, S.184)

Diese Information ist (bislang) schmal, aber gravierend. Denn: Nach der Einschätzung des gewiß nicht linksverdächtigen, vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst getragenen „Hauses der bayerischen Geschichte“ war die „Organisation Escherich“ ein „rechtsradikaler Kampfverband“    (www.hdbg.de/basis/ pdfs/downloads/politische_geschichte.pdf). Für Joachim Petzold ist die ORGESCH eine Organisation „mehr oder minder faschistischen Charakters“ (Petzold, Joachim: Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkonservativen in der Weimarer Republik. Köln 1978, S. 143) In dieser Organisation fanden ehemalige Kapp-Putschisten Zuschlupf: „Die in Preußen als Hochverräter steckbrieflich gesuchten Putschisten wurden in Bayern von ihren Gesinnungsgenossen (der Orgesch) mit offenen Armen empfangen.“ (Historisches Lexikon Bayern, so auch David Clay Large)

Eger war auch Mitglied des Alldeutschen Verbandes, einem völkischen, nationalistischen, militaristischen und expansionistischen Agitationsverband.

 

5. Egers politische Auftritte in der Weimarer Zeit

■ Als 1923 die Leiche des von den Franzosen hingerichteten Terroristen Schlageters den Giessener Bahnhof passierte, ließ der Rektor Eger am schwarzen Brett der Universität einen Text anschlagen, schwülstig, pathetisch, ganz im Eger-Stil! Es war die Rede von einem „deutschen Helden“, der auf dem „Feld der Ehre“ „hingeschlachtet“ wurde (vgl. GA, 11.6.1923).

 

■ P. Chroust berichtet in seinen Forschungen von der „wohlwollenden“ Haltung der Rektoren Rosenberg, Herzog, Brüggemann, Eger, Vanselow gegenüber der „zunehmend antisemitisch radikalisierten Studentenvertretung“ (vgl. Chroust 1994, S.175)

■ Eger war als Platzhalter der Akademischen Rechten an so manchem Stelldichein der antidemokratischen, reaktionären Rechten beteiligt. Als die Gießener Studentenschaft, die bereits mehrheitlich nationalsozialistisch ausgerichtet war, Ende Juni 1931 eine Kundgebung gegen die "Kriegsschuldlüge" veranstalteten, war der "Rektor Prof. Dr. Eger und ein großer Teil der Professorenschaft anwesend" (GA, 1. Juli 1931). In dieser Veranstaltung kam Prof. Roloff in einem "streng wissenschaftlichen Bericht" zu dem Ergebnis, "daß von einer Schuld Deutschlands am Kriege nicht die Rede sein kann" (ebd.).

Im selben Jahr erwies der Rektor Eger der Gießener Germania bei ihrem 80. Stiftungsfest die Reverenz und schwärmte vom „guten Verhältnis zwischen Universität und Studentenschaft“ (vgl. GA, 7.7.1931).

Die Gießener Studentenschaft und auch die Burschenschaften waren zu diesem Zeitpunkt bereits faschisiert:

„Im Februar 1931 konnte ich dem Reichsführer Baldur von Schirach Gießen als nationalsozialistische Universität melden. Zwei Jahre vor der Machtergreifung bekannte sich die Mehrheit der Gießener Studentenschaft zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus.“ (Ludwig Fritz, Mitgründer des Gießener NS-Studenten-bundes, in: Hessischer Akademischer Beobachter, 6 Jg., WS 35/36, Nr. , 5.-2.1936, S.6)

Das war Egers Universität und „seine“ Studenten!

„Das Reich muß uns doch bleiben“ – Professor Eger als Redner auf zwei Reichsgründungsfeiern

 Das zweite Reich, 1871 gegründet, ist mit der Novemberrevolution von 1918 untergegangen. Für alle konservativen, nationalen und nationalisti­schen Kräfte, die sich mit der neuen modernen Staatsform der Demo­kratie nicht abfinden wollten, blieb das "Reich" der politische Fixstern, der Gipfel der Glorie. Schon bald, ab 1921, entstanden alleror­ten, in der Universität und ihrer Studentenschaft, in den Militärvereinen, den nationalen Parteien, Rituale zur Erinnerung an die Gründung des Deutschen Reichs. Die Reichsgründungsfeiern können als antidemokratische politische Demonstrationen begriffen werden; sie fanden auch in der Bevölkerung eine große Resonanz. Keine derartige Resonanz fanden dagegen die Verfassungsfeiern am 11. August eines jeden Jahres, mit denen ab 1922 an die Verkündung der deutschen Verfassung am 11. August 1919 erinnert werden sollte. Sie wurden von der Stadt organisiert, die Universität hat sich nie aktiv an diesen Feiern beteiligt, Professoren als Redner sucht man vergebens (vgl. dazu: Reimann, Bruno W.: "Das Reich muß uns doch bleiben." Die Reichsgründungsfeiern an der Universität Gießen. Initiations- und Sozialisationseffekte des nationalen Wahns. Biebertal: Cento-Verlag 2013, 2. Auflage)

In der er­sten, von der Gießener Universität veranstalteten, Reichsgründungsfeier im Jahr 1923 fiel Eger als Rektor die Rolle zu, die Feier zu eröffnen. Dem Ritual folgend, eröffnete der Rektor die Feier, danach kam ein meist sachlich gehaltener Vortrag eines Professors der Universität. Eger eröffnete mit einer Ansprache  die Feier. Aber das genügte ihm nicht. Nachdem der Festredner Emil Walter Mayer geendet hatte, ergriff er noch einmal das Wort und leistete einen Beitrag, der – wenn man die Zeitungsmeldung zugrunde legt – genau so umfangreich war wie der des Festredners. 

Egers Rede trieft von diesem schwülstigen na­tionalen Pathos, bei dem man heute nur noch das Grausen bekommt. Man kann nicht immer sagen: Das war halt die Zeit! Man konnte auch damals schon klüger sein. Obgleich es an den Universitäten der Weimarer Zeit große Ge­lehrte und aufgeklärte Geister gab, war die Universität als Institution in der Regel bestimmt von einem gegenaufklärerischen, an­timodernistischen, politisch reaktionären 'Geist'. Zu dieser Haltung gehörte die Blindheit im Hin­blick auf die Ursachen des Ersten Weltkrieges, den politi­schen und ökonomischen Imperialismus und den aggressiven Militarismus Deutschlands am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Deutschland des elenden Kaisers Wilhelm II. wurde stets als politisches Unschuldslamm dargestellt, das in den Krieg hineingezogen wurde. Es macht keinen Sinn, solche Reden und Texte im einzelnen nachzuerzählen, sondern man muß fragen, welche latenten und manifesten Funktionen diese hatten.

Die Funktion dieser Reichsgründungsreden war in erster Linie die nationale und machtpolitische Mobilisierung. Diesem Hauptziel dienten Argumentationsmuster, die immer wiederkehrten: die Preisung der "Helden" des Weltkriegs, die Anpreisung der Opfer-„Ethik“, das Pathos von der überlegenen Nation/"Rasse", die Konstruktion von Feindbildern, Aufrufe zum Zusammenstehen und die Beschwörung der Wiederherstellung einer starken Nation. Im Hinblick auf die Ruhrbesetzung spricht Eger von "Farbigen minderer Kultur", die dort als "Büttel" fungieren - ein deutlicher Hinweis auf den Rassismus Egers:

„Mit ihrer Leiber lebendigem Wall haben sie (die deutschen Soldaten – B.W.R.) die deutsche Erde vor feindlichem Einbruch geschützt; sie sind gefallen unbesiegt, vom Siegen ermüdet, ein ganzes Heer. Was aber unser welscher Nachbar mit all seinen Verbündeten in offenem Kampf nicht vermocht, das sucht er jetzt im ‚Frieden’ zu verwirklichen …. In diesen bangen Stunden gehen unsere Gedanken vor allem hin zum Rhein, zu den deutschen Brüdern und Schwester im besetzten Gebiet, zu ihnen, die gemartert werden mit der schlimmsten geistigen Folter, von Farbigen minderer Kultur als Büttel bewacht.“ (Reichsgründungsfeier am 18.1.1923, vgl. Gießener Anzeiger, 20.1.1923)

Bei Eger finden sich alle diese Muster wieder und können anhand der beiden Reden im einzelnen nachvollzogen werden: Es sind die mit nationalem Pathos vorgetra­genen Parolen obstinater  Nationalisten! Schließlich werden zwei patheti­sche Botschaften an die deutschen „Brüder und Schwestern im besetz­ten Gebiet“ - gemeint ist die Ruhr-Besetzung - versandt, die genau so verquast sind wie alles andere. Solche Reden wie die von Eger manifestierten den institutionellen "genius loci", den Geist der Institution, der ein Ungeist war. Die Univer­sität als Korporation ist so klug wie die Leute, die sie an die Spitze stellt.

Dem gleichen Strickmuster folgt die Vorrede Egers zur Reichsgrün­dungsfeier 1931. Eger war wieder Rektor der Universität. Sie charakterisiert deutlich sein politisches Profil. Der Te­nor: Mag kommen, was will, das Reich wird uns bleiben. Das Reich wird zur mystischen, metahistorischen Größe. Da ist im Rückblick auf die 60 Jahre seit der Reichsgründung die Rede von der „Arbeit des Friedens“, von der„heldenhaften Abwehr im großen Kriege“. Die Gegenwart er­scheint von „wahnwitzigem Hader“ bestimmt, der das Zusammenste­hen und das "Zusammenhandeln" verunmöglicht. Da darf auch der Topos vom geschundenen Volk nicht fehlen: entwaffnet, seiner Kolonie beraubt, „eingepreßt zwischen waffenstarren­den Nachbarn“, sogar vom kleinen Polen mißachtet. So verbindet sich die Mystifizierung des Reichs, von dessen Gründung Nietzsche sagte, sie sei die "Exstirpation des Geistes", mit der Konstruktion von Feindbildern, die doch viel­fach nichts anderes war als die Projektion der eigenen Destruktion und Angriffsbereitschaft. Wie es denn auch kam! Die ausgegebene Parole lautete: „wir wollen ge­meinsam gehen durch Sturm und Ungemach, einer gestützt durch den anderen und alle gestärkt durch den unerschütterlichen Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes“. Da ist wieder dieser  fürchterliche, verquaste nationale Kauderwelsch, auf den sich die Mehrheit der Professoren in dieser Zeit so gut verstand! 

Drei Tage vor dieser Reichsgründungsfeier wurde von der studentischen Kammer ein Be­schluß verabschiedet, demzufolge an sämtlichen Hochschulen ein „Numerus clausus für Studierende der jüdischen Rasse“ eingeführt werden sollte. Und das waren die Kräfte, die hier am Werk waren. Die Kammer hatte zu diesem Zeitpunkt 25 Sitze: 12 Vertreter der „großdeutschen Arbeitsgemeinschaft“, 9 Vertreter des Na­tionalsozialistischen Studentenbundes, 4 Vertreter der „Republikani­schen Arbeitsgemeinschaft“. Der Beschluß wurde mit 20 Stimmen gegen 2 Nein-Stimmen und 1 Enthaltung angenommen. Der Rektor Eger hat den Beschluß weder beanstandet noch kommentiert. Er war vermutlich damit einverstanden! Das war sein Deutschland, dessen Heraufziehen er nicht nur in den Reichsgründungsreden, sondern bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschwor!

 

6. NS-Dissertationen unter dem Professor für Rechtswissenschaft Otto Eger

Eine Reihe von Doktorarbeiten, die der Professor für Rechtswissenschaft Otto Eger betreut oder mitbetreut hat, stellten sich explizit in den vorgegebenen ideologischen Rahmen des Nationalsozialismus.

Die erste einschlägige Dissertation, die von Eger betreut wurde, ist die von Werner Kaufmann, ihr Titel "Der Firmenzusatz >Deutsch<". Kaufmann wurde am 20. Dezember 1935 promoviert. Die Arbeit zielt auf die Klärung der Frage ab, ob und wer berechtigt sei, den Firmenzusatz „deutsch“ zu verwenden und wie ein solcher Zusatz inhaltlich-politisch zu begründen wäre. Die Fragestellung ist fundiert in einer nationalistisch-völkischen Grenzziehung: das Deutsche soll vom Nichtdeutschen abgegrenzt werden. Kaufmann verweist darauf, daß während des Krieges von jüdischer Seite halbstaatliche Unternehmungen gegründet wurden, die nach dem Krieg, als sich der Staat aus den Unternehmungen zurückzog, das Etikett „Deutsch“ usurpierten. So habe vor allen in den Zeiten der „nationalen Erhebung“ dieser „Zusatz dem Juden ermöglicht, seine Firma bzw. sein Kapital als in arischem Besitz befindlich erscheinen zu lassen.“ Er diente zur „Tarnung des jüdischen Kapitals“, aber auch zur Tarnung ausländischer Unternehmungen, die in Deutschland Tochtergesellschaften gründeten. Vor allem nach der „nationalen Revolution“ sei der Zusatz enorm angeschwollen; von drei Neugründungen sähen zwei den „Zusatz“ deutsch vor. Der Verfasser klopft die Urteile zu dieser Frage ab, konstatiert, daß diese bislang nicht geregelt wurde, vermutlich um Beunruhigungen im wirtschaftlichen Austausch zu vermeiden. Zwar sei diese Frage in der Rechtssprechung und in den juristischen Diskussionen noch offen, doch sei die Politik bereits einen Weg gegangen, an dem sich auch die Rechtssprechung orientieren müsse: Durch den "historischen Vorgang des gesetzlich angeordneten Boykotts jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 zur Abwehr der Greuelpropaganda – insbesondere durch die an den nicht-jüdischen Geschäften angebrachten Zettel „Deutsches Geschäft“ – (wurde) eindeutig als Akt der legalen Revolution herausgestellt .., was unter der Bezeichnung „Deutsches Geschäft“ zu verstehen ist.“ Kaufmanns Votum kann nicht eindeutiger sein: „Wenn durch die Aufklärungsarbeit der NSDAP und ihrer Organisationen die Volksauffassung (nicht nur die Verkehrsauffassung!) den Zusatz „Deutsch“ in erster Linie auf die Deutschstämmigkeit des Inhabers bezieht, dann muß die Rechtssprechung dieser Auffassung Rechnung tragen. Die Rechtssprechung als Instrument des Staates hat auch den volkspolitischen Gesichtspunkten zu dienen.“

Mit der Promovierung einer solchen ‚Doktorarbeit’, die sich offen in den Dienst des Nationalsozialismus stellte, avancierte Eger zu einem Professor, von dem man nun wußte, daß bei ihm auch nationalsozialistisch ausgerichtete Arbeiten angenommen werden. 

Für Walter Arnold, der am 15. Dezember 1936  bei Otto Eger über ein schuldrechtliches Thema promovierte („Die Eingliederung in die Gemeinschaft als Verpflichtungsgrund im künftigen Schuldrecht“), war der von ihm behandelte juristische Aspekt nur ein Aspekt einer umfassenden politischen Perspektive: Der Gedanke der „Einordnung“ habe weit über das Arbeitsrecht hinaus Bedeutung; er verkörpere die „Grundvorstellungen des Nationalsozialismus“ über das Wesen einer jeden Gemeinschaft. Nun war diese Bemerkung von Arnold nicht nur eine Art Floskel, ein Tribut an den Zeitgeist. Die Arbeit ist durchgängig dem NS-Gedankengut verpflichtet. Arnold pries die „nationalsozialistische Revolution“: Sie verkörpere sich nicht nur in der Neugestaltung des öffentlichen Rechts, sondern habe eine „grundlegende Neuordnung des gesamten Aufbaus des Staates geschaffen.“ Die nationalsozialistische Revolution wird als „geistige Revolution“, als „Revolution des Denkens“, als „Revolution des Rechtsdenkens“ gefeiert. Von nun an gelte der Vorrang der „Volksinteressen“ vor den Privatinteressen. Die Rekonstruktion traditioneller Rechtsverhältnisse, wie z.B. der Vertrag, erfolgt durchgängig unter dem leitenden ideologischen Motiv des Vorrangs der Volksinteressen. Der Gedanke der Eingliederung in die Volksgemeinschaft wird ausgeweitet: Er umfaßt nach Arnold auch die „Pflicht zur Teilnahme an Kundgebungen bei den N.S.Gemeinschaften, wie Rechtswahrerbund, Ärztebund usf.“ Arnolds Qualifikationsarbeit, von Eger als Dissertation abgesegnet, ist ein nationalsozialistisches Machwerk.

Bei der Dissertation von Helmut Diemer „Der Geist des Judentums im sowjetrussischen Eherecht“ (5.10.1937) war erster Berichterstatter der Nazi, Prof. Erich Bley[40]; Eger war Mitberichtserstatter. Die Arbeit ist durchgängig rassistisch und antisemitisch. Eines der Ziele der Arbeit ist es darzutun, daß es sich bei der kommunistischen Revolution um ein jüdisches Faktum handelt (so spricht er von den „jüdisch-bolschewistischen Machthabern“, der „jüdischen Herrschaftsclique“); es handle sich nicht um „die Diktatur des Proletariats“, sondern um eine „jüdische Diktatur über das Proletariat“, basierend auf den Lehren des „Volljuden“ Karl Marx. Die Revolution stützte sich nach Diemer vor allem auf das in Rußland entstandene „Untermenschentum“ und habe zu einer „jüdischen Unterdrückung des russischen Volkes“ geführt. Im Gefolge der sozialen Umschichtungen nach 1917 sei es dahin gekommen, daß, ähnlich wie im Weimarer Staat, alle wichtigen Posten mit Juden besetzt worden sind. Die Dissertation will in den Einzelregelungen des Eherechts die Disziplinierung der Russen nachweisen, die als Ausdruck der „Gier des jüdischen Geistes nach der Weltherrschaft“ zu begreifen ist. Auch wenn Eger hier nur Zweigutachter war, gab es zwischen ihm und Bley eine große Schnittmenge an Überzeugungen, ohne die eine solche Promovierung nicht zu vollziehen ist. 

 Die Doktorarbeit von Wilhelm Lindner aus dem Jahr 1939 trägt den etwas schwerfälligen Titel „Die Haftung des Staates für unrechtmäßige Handlungen von Wehrmachtsangehörigen und seine Entschädigungspflicht aus rechtmäßigen Militärhoheitsakten. Die Arbeit setzt das nationalsozialistische System als selbstverständlich und fraglos gegeben voraus und stellt juristische Teilelemente auf diese Wirklichkeit ein. Strukturbestimmende Elemente des nationalsozialistischen Staates sind: die Parteiorganisation, der Staatsapparat und die Wehrmacht. In minutiöser und auch differenzierter Weise werden einzelne juristische Konstellationen erörtert, in denen der Staat für die Handlungen seiner Soldaten einstehen muß. Die Legitimität der öffentlichen Gewalt selbst wird nicht erörtert. Durchgängig wird, wie nicht anders zu erwarten ist, das Primat des Staates, als „Gesamt der Volksgenossen“, vorausgesetzt. Wieder und wieder wird betont, daß durch die „nationale Revolution“ sowohl die Stellung des Einzelnen sich ebenso geändert habe wie der Begriff des Eigentums. Solche Erwägungen tangieren die Frage der Entschädigung unmittelbar. Einen breiten Raum nimmt in dieser doch eher militär-/staatsrechtlichen Arbeit die Frage des „gemeinschaftsgebundenen Eigentumsbegriffs“ ein. Deduziert wird unter Rekurs auf die Verlautbarungen der nationalsozialistischen Ideologie, ähnlich wie in der Arbeit von Lind, ein völkischer Eigentumsbegriff. Daraus resultieren weitgehende „Eigentumsbeschränkungen“, Entziehungs- und Enteignungsrechte. Das Recht wird hier, wie in den anderen Dissertationen, auf das politische System des Nationalsozialismus eingestellt. In diesem Zusammenhang erfährt ein im Kern nichtjuristisches Phänomen eine rechtlich-ideologische Aufwertung: die „Aufopferung von Vermögenswerten für die Verteidigung des Vaterlandes“. Sie wird zur nunmehr Pflicht.

Mit solchen eher spröden juristischen Arbeiten wurde eine Art „Normalität“ des Rechts im nationalsozialistischen Staat geschaffen, eine Art undramatische Anpassung des Rechts an die politische Lage vollzogen.

Auch die Dissertation „Eigentumsschutz im Dritten Reich“ von Helmut Lind aus dem Jahr 1941 steht voll und ganz auf dem Boden der nationalsozialistischen Ideologie. Prof. Gmelin hatte die Arbeit ursprünglich betreut. Als dieser vor Abschluß der Doktorarbeit starb, übernahm Eger die Betreuung, die der Doktorand als „liebevoll“ und „herzlich“ preist. Nach Lind muß die Wissenschaft, somit auch die Rechtswissenschaft, wieder „deutsch werden“; „nur dann kann sie dem nationalsozialistischen Deutschland dienen…“. Sie muß von „artfremden Gedankengängen“ gereinigt werden. Auch in dieser Arbeit werden die ‚Errungenschaften’ der „nationalsozialistischen Revolution“ gepriesen. Von nun an stehen die „Lebensbedürfnisse der Gemeinschaft“, „unseres völkischen Lebens“ im Zentrum, die nicht durch die Rechte einzelner beeinträchtigt werden dürfen. Die Doktorarbeit ist manifest antisemitisch: die Juden werden, unter Rekurs auf Hitlers „Mein Kampf“, für den ausbeuterischen Charakter der wirtschaftlichen Vorgänge im Kapitalismus verantwortlich gemacht: Das „anonyme Ausbeutertum“, welches sich im Liberalismus herausgebildet habe, sei „vorherrschend beeinflusst vom Judentum und seinem zersetzenden Geist“ und habe zur „Entwicklung des Klassenkampfgedankens geführt“. Zum ‚Eigentumsschutz’ im Nationalsozialismus gehört u.a. auch die „entschädigungslose“ Enteignung des kommunistischen Vermögens. Die Dissertation endet mit einer Zusammenfassung, in der, unter Heranziehung von NS-Quellen, die Suprematie des nationalsozialistischen Staates über alle Lebensvorgänge begründet und die „Mission des Nationalsozialismus“ als „einzigartig“, „konsequent“ und „gerecht“ gefeiert wird. Was der Professor Eger hier  als Dissertation annahm, war keine wissenschaftliche Arbeit, sondern schlicht ein ideologisches Machwerk! 

Mit diesen Dissertationen wurde Otto Eger selbst einer jener Juristen, welche auf dem Wege der Promotionsförderung und Promotionsbetreuung die Anpassung und Umformulierung alter Rechtsgrundsätze an das NS-System mitsteuerten und mitbetrieben.

 

7. Eger und die "Kerckhoff-Klink"

Die Behauptung ist: Eger sei in die NSDAP eingetreten, um den Vorsitz in der Kerckhoff-Stiftung behalten zu können und das Institut vor Nazifizierung zu bewahren. Dazu kann man bei Gruhne folgendes lesen: "Seit 1930 war  Eger stellvertretender Vorsitzender der Kerckhoff-Stiftung in Bad Nauheim. 1933 fiel ihm de facto die Leitung zu, nachdem der Vorsitzende Franz Groedel, weil er Jude war, in die Vereinigten   Staaten übersiedelt war. Im Spruchkammerurteil der Stadt Gießen vom 2. 9. 1946 wird Otto Eger – unter anderem wegen seines Engagements für die renommierte Stiftung und das aus ihr 1931 hervorgegangene Herzforschungsinstitut – in die Gruppe V der Entlasteten eingereiht. Zur Begründung heißt es dort, er sei in die Partei eingetreten, „um das Institut von einem Nazivorsitzenden zu verschonen undP dieses durch die Nazizeit im nichtnazistischen Sinne durchzusteuern, getreu seinem Versprechen, das er Frau Kerckhoff gelegentlich ihres Besuches 1937 in Deutschland gegeben hat“." In der Geschichte der Kerckhoff-Klinik ist zu lesen, daß Professor Franz Groedel 1931 die Leitung abgegeben hatte (vgl.http://www.kerckhoff-linik.de/wirueberuns/unsere_klinik/ge-schichte). Demnach wäre ab diesem Zeitpunkt, wenn man Gruhne folgt, de facto die Leitung zugefallen, die er 1935 formell übernahm. 1935 übernimmt Eger also die Leitung, 1941 tritt er in die Partei ein. Das stimmt alles nicht zusammen. Man kann davon ausgehen, daß die Geschichte mit der Kerckhoff-Klinik eine Schutzbehauptung war und ist, um sich von dem Makel des Parteieintritts zu befreien. Dieser Schutzbehauptung ist das Spruchkammer-Urteil, das Gruhne zitiert, aufgesessen, waren doch die von Deutschen über Deutsche gefällten Spruchkammer-Urteile vielfach geschönt; sie verharmlosten, spielten herunter, schonten.

Schauen wir doch, was unter der „de facto“-Leitung Egers nach 1933 in der Kerckhoff-Klinik möglich war. Die medizinische Nazi-Ideologie feierte fröhliche Urständ! Unter Egers Ägide fand 1934 ein "rassenhygienischer" Fortbildungskursus statt: "Rassenmischung und Rassenpathologie" (Prof. Ankel), "Rassenpathologie" (Prof. Boehm), "Erblichkeitsstatistik (Prof. von Verschuer), "Praktische Eheberatung" (Prof. Kranz) - das waren einige der Themen! 

Egers Beitritt in die Partei sollte weder über- noch unterschätzt werden. Es gab Nazis, die nicht in der Partei waren, und es gab Zeitgenossen, die nur aus Opportunismus in die Partei eingetreten sind und dem Nazismus innerlich fern standen. Das entscheidende Kriterium zur Einschätzung von Egers politischer Vita ist nicht sein Parteieintritt, sondern sein politisches Auftreten insgesamt seit 1920 bis in die 40 er Jahre.

 

8. Egers politische Auftritte nach 1933

■ 1934 übergab der "Führer" der Studentenschaft, der "Pg. Adam", Eger als dem "Führer des Studentenwerks" ein Hitler-Bild für das "Studentenhaus" (das heutige Otto-Eger-Heim). Eger übernahm es mit dem "Gelöbnis, sich dafür einzusetzen, daß stets ein wahrer Sozialismus der Tat im Gießener Studentenhaus herrsche." (OT, 17.2.1934, vgl. auch GA, 17.2.1934).

■ Eger war Mitglied in einer Reihe von rechten Verbänden, NS-Organisationen und auch „bürgerlichen“ Vereinen: NS-Volkswohlfahrt, NS-Rechtswahrerbund, Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA, seit 1920); er war u. a. auch Mitglied des Oberhessischen Geschichtsvereins, Vorsitzender des Akademischen Gesang- und Konzertvereins, stellvertretender Vorsitzender der Gießener Hochschulgesellschaft (vgl. Jatho 2008), Kreisführer der Ortsgemeinschaften des Deutsches Roten Kreuzes. Zu seinen sozialen Verdiensten gehört auch die Gründung des Gießener Studentenwerks.

Angesichts dieser vielfältigen Tätigkeiten kommt Jatho zu dem Schluß, daß Eger der „vermutlich einflußreichste Gießener Honoratior dieser Epoche“ war (Jatho 2008, S.83). Wie richtig diese Einschätzung ist, zeigt die Tatsache, daß Eger 1935 auf einer "Gefallenen-Ehrung" eine Rede hielt und einen Kranz niederlegte: "Mit einem dreifach "Sieg-Heil" auf den Führer, in das jedermann kräftig einstimmte, schloß Prof. Eger seine Ansprache." (GA, 24. Juni 1935).

1939 am "Tag der Luftwaffe" trat Eger als "Vertreter der Universität" auf (vgl. GA, 1. März 1939).

Jathos Einschätzung erklärt auch, warum und daß Eger auch in der Gegenwart noch als unangreifbar scheint und sich weder die Gießener Universität noch die Presse in der Region mit Egers Rechtsradikalismus auseinandersetzen wollen.

Nebenbei sei bemerkt, daß Egers Frau Ortsgruppenleiterin des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) war und auch öffentlich auftrat (vgl. OT. 21. März 1935).

 

Eger, der Konzertverein Gießen & die Gießener Persilschein-Kompanie

Als Eger 1942 als Vorsitzender des Gießener Konzertvereins die Partei- und Unigrößen aus Anlaß des 150jährigen Bestehens des Vereins begrüßte (u. a. den Rektor Prof. Kranz, den Vertreter des Gauleiters, den Kreisleiter, den Oberbürgermeister), sagte er:

„Ja, gerade in dieser Zeit ist eine solche Erinnerung angebracht. Steht doch das deutsche Volk im Kampfe um die Erhaltung seiner höchsten Kulturgüter gegen den Bolschewismus. Wir danken dem Führer als dem Obersten Befehlshaber und seiner Wehrmacht, daß sie Deutschland vor dem Hereinbrechen der bolschewistischen Flut bewahrt haben. (…) Unsere heißen Wünsche gehen auch in dieser Stunde zu ihnen in dem unerschütterlichen Glauben an den Endsieg und damit der Erhaltung unserer Kultur.“ (Oberhessische Tageszeitung, 11. Mai 1942, zit. in: Jatho 2008, S.84 – Herv. B.W.R.))

In einer Arbeit über diesen Verein, den Eger für Nazi-Propaganda instrumentalisierte, heißt es:

"Gegen die These von Bruno W. Reimann und Jörg-Peter Jatho, wonach Eger ein überzeugter Nationalsozialist war, ist anzumerken, dass er schon viel früher seine Überzeugung mit einem Eintritt in die Hitlerpartei zum Ausdruck hätte bringen können. Zudem wurde er von der amerikanischen Militärregierung in Friedberg nach Ende des Krieges in der Funktion des stellvertretenden Stiftungsvorsitzenden belassen." (Sonkeng, Katja: "Und montags geht es zur Probe". Gießen 2009, S. 91/92)

Das ist wirklich ein oberflächliches, apologetisches und insofern auch dummes Gefasel. Niemand hat am Parteieintritt Egers allein die politische Dimension von Egers Wirken festgemacht. Es geht um eine Vielzahl von Äußerungen und Aktionen über einen Zeitraum von 20 Jahren. Eger war ein Repräsentant der rechten Universität und hat sich schlußendlich ideologisch dem Nazi-System zur Verfügung gestellt. Dazu gehört auch sein Eintritt in die NS-Partei.

Mit Sicherheit wird man noch mehr Zeugnisse finden, die ausweisen, wie sehr sich Otto Eger in seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten ideologisch für das Nazi-System ins Zeug legte und insofern ein Tei von ihm war.

 

9. Fazit

Wie geht die Universität Gießen mit diesen und anderen Rechtsauslegern um? Sie übergeht, klammert aus, bagatellisiert, schönt. Sie will von alledem nichts wissen. Die Universität hat auch nicht im Ansatz einen Versuch gemacht, die Argumente wahrzunehmen. Schließlich hätte man nach einer gründlichen Prüfung abwägen können: Egers Verdienste um die Gießener Studentenhilfe einerseits, Egers rechte Vita und sein vielfaches Eintreten für die NS-Ideologie andererseits. Nichts von alledem!

Jörg-Peter Jatho verweist darauf, daß aus Anlaß des 375jährigen Jubiläums in der großen Edition „Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ „ein großer Teil der hierin ihre Lehrer preisenden Lobredner .. selbst noch Mitglieder der NSDAP (waren)“ (Jatho 2008, S.17. Fußn. 6) Den Beitrag für Otto Eger verfaßte Max Kaser. Von all dem hier Vorgetragenen findet sich nichts in dem Beitrag von Kaser. Wie auch? Kaser, der 1931 von Eger habilitiert wurde, hatte selbst in dem nationalsozialistischen Universitätssystem Karriere gemacht, war 1934 in den Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund, 1937 in die NSDAP eingetreten. Er hätte einen Teufel getan und alle Fakten auf den Tisch gelegt. So kam eine von allem Politischen gereinigte ‚akademische’ Vita zustande. Eine Schande ist es, daß dies 1982 noch möglich war! Das Ganze fällt auf die Herausgeber, Hans Georg Gundel, Peter Moraw und Volker Press, zurück, die mit und in dieser systematisch verdrehten Gelehrtengeschichte überhaupt ein weiteres Mal den Raum eröffnet haben für ‚intellektuelle’ Schönfärber, Faktenverdreher, Faktenverschweiger!

Der Fall „Eger“ ist typisch für die deutsche Universität der Nachkriegszeit. Wo sonst in den Disziplinen die Worte ernst genommen, sachlich abgewogen und feinsinnig interpretiert werden, wird alles, was im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gesagt worden ist, heruntergespielt, bagatellisiert. Da sind dann NS-Bekenntnisse auf einmal vernachlässigbare Größen, die von denen, die die Institution leiten, mit einem Achselzucken quittiert werden. Die Universität, die immer elitär und arrogant auftrat und auftritt, ist, wenn es um diese Dinge geht, dumpf und reaktionär-borniert.

Die Gießener Universität nimmt ihre historische Verantwortung gegenüber ihrer Geschichte nicht wirklich wahr. Die Haltungen der Uni- Präsidenten Bauer und Hormuth in puncto Otto Eger sind schlicht borniert. Sie stellen keine Fragen, wollen nichts wissen! Schon in der SESAM-Straße konnte man hören: wer nicht fragt, bleibt dumm! Sie kultivieren das, was Oliver Storz einmal „Kultur der Ahnungslosigkeit“ genannt hat.

Wir begegnen hier einem Typus von Uni-Präsidenten, der weder über die Leidenschaft zur Wissenschaft noch die zur Wahrheit verfügt. Es sind abgehalfterte Wissenschaftler, die keine Lust mehr auf Wissenschaft haben, den Sprung auf die bürokratische Ebene machen, weil es dort Macht, eine höhere Besoldungsstufe und – einen Dienstwagen gibt. Auch von dem jetzigen Universitätspräsidenten Joybrato Mukherjee (seit 2009), dem Sohn indischer Einwanderer, der überhaupt keine Ahnung von deutscher Zeit- und Universitätsgeschichte hat, ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten!

Wenn zur Idee der Erinnerungskultur nicht auch die praktisch folgenreiche Frage gehört, an wen man sich wie erinnern sollte, wer durch Erinnerung geehrt oder besser nicht geehrt werden sollte, dann ist sie nichts anderes als ein akademischer Schmarren! Eine Gemeinschaft ist soviel wert wie die, die sie für ehrungswürdig hält. 

 

Nachwort

10. Hitlers Nachhut

 

So wie es eine Avantgarde, eine Vorhut des Nationalsozialismus gab, so gab und gibt es noch immer das, was ich Hitlers ideologische Nachhut nennen möchte. Der Begriff „Nachhut“ umfaßt - ähnlich wie der Begriff „Avantgarde“ - ein breites Spektrum von politischen Aktivitäten und mentalen Haltungen: von der dezidierten Verleugnung des Geschehenen („Holocaustlüge“) über die vielfältigen Formen des stillschweigenden Ausklammerns oder expliziten Herunterspielens und Marginalisierens bis hin zu abenteuerlichen Umdeutungen im Stile Ernst Noltes und anderer. Alle, die hieran beteiligt sind, wollen das Faktum des Nationalsozialismus und seine vielfältigen Vorgeschichten bagatellisieren und minimalisieren. Offenbar ist der kollektive Narzißmus auch bei Menschen, die keine NS-Sympathisanten sind und ihm fern stehen, größer als der unbestechliche Blick auf die Geschichte. So gibt es ein vielfältig beobachtbares Phänomen, welches vermutlich in der kollektivnarzißtischen Besetzung der eigenen Gruppe, der eigenen Nation gründet, die Untaten zurechtzubiegen und zurechtzuflicken. Auch von Zeitgenossen, die eher sozialkritisch eingestellt sind, hat man schon das defensive Argument gehört, daß auch andere Nationen Verbrechen begangen haben. Diese Nachhut umfaßt NS-Sympathisanten, verkappte Nazis, aber auch Nichtnazis; die letzteren unterliegen dem kollektiven Narzißmus, der zur Verleugnung, Beschwichtigung und Beschönigung, Relativierung führt. Hinsichtlich der objektiven Wirkungen dessen, was sie tun, bilden sie eine ideologische „Nachhut“ des Nationalsozialismus. Es handelt sich um eine heterogene Gruppe: Universitäten, die sich nicht entschließen können, eine Selbstaufklärung ihrer Geschichte zu veranlassen; Historiker, die den lokalen Nahbereich in ihren Forschungen chronisch ausklammern; Politiker (aus allen Parteien, die GRÜNEN in diesem Punkte ausgenommen), die sich durch ein Netz von Rücksichtnahmen hindurchwinden (wobei der politische Anspruch stets auf der Strecke bleibt); Angehörige der „zweiten Generation“, welche ihre Eltern rechtfertigen (und schönfärben), auch wenn sie Nazis oder NS-Seitengänger waren; lokale Geschichtsvereine, die sich um alles Mögliche kümmern, nur nicht um die NS-Geschichte einer Region. Schließlich und endlich sind die Burschenschaften zu nennen, die stets so auftreten als seien sie die Garanten demokratischer Traditionen.

In den Argumentationen wird häufig heruntergespielt, daß der Nationalsozialismus ein kollektives Projekt war, an dessen Vorbereitung, Durchsetzung und Realisierung sich viele Gruppen und Einzelne auf unterschiedlichste Weise beteiligten. Vielfach macht man alles Mögliche für den Nationalsozialismus verantwortlich, nur nicht die Deutschen selbst. Wird auf das historische Faktum Bezug genommen, dann ist oft die Rede von einem obwaltenden „Schicksal“, das die Deutschen überraschend ereilt habe, quasi wie eine Naturkatastrophe. Oder es wird ontologisierend von den „Schattenseiten“ der Geschichte gesprochen, als seien diese eine Art unabwendbares Fatum. Es wird der Eindruck erweckt, als habe sich „die“ Geschichte selbständig gemacht, sich der Menschen blind und naturwüchsig als ihrer Werkzeuge bedient. Damit wären alle der Verantwortung entbunden[41], alle unterschiedslos Opfer „der“ Geschichte. So ist es eben nicht. Der ganze Nazismus war eine von deutschen Menschen aktiv produzierte Geschichte; die Protagonisten und Akteure wußten, was sie wollten und was sie taten, konnten sich auf den überwältigenden Zuspruch vieler funktionaler Eliten und fast der Hälfte der Bevölkerung stützen.

 

11. Nachwort zur zweiten Auflage

 

Die Universität hat sich frühzeitig, als die Studentenschaft 1989 die Umbenennung des Otto-Eger-Heims aufgrund der rechten politischen Vita von Otto Eger und seines aktiven Eintretens für die Ideologie des Nationalsozialismus forderte, auf eine Formel festgelegt: Da "nationalsozialistische Verfehlungen" nicht erkennbar seien, bleibe alles beim Alten. Der Uni-Präsident Heinz Bauer hatte Anfang 1990, lt. einer Zeitungsmeldung in der Gießener Allgemeinen Zeitung, folgendes erklärt:

"Prof. Bauer dagegen sieht keine Veranlassung für eine Umbenen­nung des Otto-Eger-Heims. Zwar sei es richtig, daß Eger 1941 der NSDAP beigetreten sei; dieser Schritt sei aber erfolgt, um der Kerckhoff-Stiftung, deren stellvertretenden Vorsitz Eger seit 1930 übernommen hatte, beibehalten zu können. Darüber hin­aus existiere ein Schreiben des Gießener Rektors und über­zeugten Nationalsozialisten Kranz von 1939, in dem dieser dar­auf hinweist, daß Eger zwar kein Parteigenosse, dafür aber ein Professor von großer Sachkenntnis und demzufolge als Dekan geeignet sei. ... Insgesamt seien nationalsozialistische Verfeh­lungen nicht ersichtlich." (lt. GAZ, 20.1.1990; der syntaktisch falsche, zweite Satz findet sich so in dem Zeitungsartikel!) .

Diese Formel bestimmt seit dieser Zeit den Umgang mit der Angelegenheit, auch seitens der Stadt Gießen, von der die "DIE LINKE-Fraktion" im Stadtparlament 2013 forderte, sich für eine Umbenennung des Otto-Eger-Heims einzusetzen.

Die Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz hat am 5.11.2013 in diesem Sinne in einem Schreiben folgendes ausgeführt:

"Insgesamt gilt zu sagen - und hier waren sich sämtliche Gesprächsteilnehmer (Magistrat, Uni-Präsident, weitere Vertreter der Universität und des Studentenwerks Gießen  - B.W.R.) einig - daß die immer wieder in ähnlicher Weise geäußerte Kritik bislang nicht durch neue Belege, die speziell nationalsozialistische Verfehlungen erkennen lassen, untermauert wird. Aus diesem Grund wird auch an der Benennung des Otto-Eger-Heims festgehalten."

Dieses Finale paßt angemessen zum Geist dieser Universität, dieser Stadt und auch der Gießener SPD. Damit ist die Angelegenheit für die Stadt, für die Universität , für das Studentenwerk erledigt.

Ich will im folgenden zeigen, was diese Feststellung "nationalsozialistische Verfehlungen" seien nicht zu erkennen, impliziert. "Nationalsozialistische Verfehlungen", damit meinen die Schöpfer dieser Formel wohl: Eger hat keine Juden deportieren oder umbringen lassen, er hat keinen Kommentar zu den Rassegesetzen geschrieben, er war nicht Mitglied in der SS u ä.. Und positiv: er war doch nur ein guter Nazi! Daß er seit 1920 ein  chronischer Rechtsausleger war, wird nicht wahr genommen. Das heißt also: Rechtsausleger und bekennender Nazi zu sein, das ist doch nicht schlimm, er ist und bleibt eine Vorzeigefigur und eine Symbolfigur dieser Universität, gehört also in dieser Sichtweise insgesamt zur deutschen Tradition und zum deutschen Kulturgut, das wollen wir uns nicht nehmen lassen von Linken, Intellektuellen und NS-Forschern. Es wird nun insgesamt auch deutlich, warum die Bekenner-Front zu einer Nazi-Figur nicht auf die vielen Fakten von Egers rechter Vita eingehen. Sie halten das einfach nicht für problematisch; sie gelten offenbar wie bei vielen Deutschen, die nichts begriffen haben, als ganz "normal".

Eine Bemerkung zu der Debatte um Egers Parteieintritt, die sophistisch heruntergespielt wird. Es gab Leute, die in der Partei waren, sich nie zu irgend etwas geäußert haben, dem Nationalsozialismus innerlich denkbar standen und in diesem Sinne eigentlich keine Nazis waren. Und es gab solche, die nicht oder - wie Eger - spät in die Partei eintraten, immer wieder mit öffentlichen Bekenntnissen zum "Führer", zum Nazi-System, zur Nazi-Ideologie hervorgetreten sind. In diesem Sinne war Eger ein Nazi, gleichgültig, ob er spät in die Partei eingetreten ist oder auch nie in die Partei eingetreten wäre. Aber bekennender Nazi zu sein, das ist in den Augen der Stadt, der Universität, nichts Schlimmes. Das hindert nicht, ihn für 'ehrungswürdig' zu halten!

Die Stadt Gießen hat sich - im Gegensatz zu anderen Städten (z. B. Stuttgart unter dem kürzlich verstorbenen OB Manfred Rommel) - nie mit ihrer NS-Geschichte auseinandergesetzt. Sie existiert für sie offenbar gar nicht. Von den beiden Gießener Zeitungen (Gießener Allgemeine Zeitung, Gießener Anzeiger) ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Obgleich das beim Gießener Anzeiger unter dem Redakteur Dr. Andreas Emmerich (der Uni-Präsident Bauer hatte ihn Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre aufgrund seiner kritischen Berichterstattung einmal aus einer Polen-Delegation der Uni ausgeladen; man hat beim Anzeiger aus dieser Aktion 'gelernt') vor Jahren einmal anders war, ist in den letzten Jahren zu beobachten, daß alle diese Themen unter den Tisch fallen. In dieser kleinen Stadt existieren viele Rücksichten, alle sind irgendwie miteinander verbandelt, die Redakteurinnen und Redakteure wollen es sich nicht mit der Universität verderben, also wird über unbequeme Fakten, welche den Geschichtsausblendungen in die Parade fahren könnten, nicht berichtet.  Gießen war, ist und bleibt seit den Tagen Georg Büchners ein reaktionäres Nest!

Alles in allem verweist die Auseinandersetzung darauf, daß in der kollektiven Erinnerung oder Nichterinnerung die Nazi-Zeit noch immer präsent, noch nicht vorbei ist! Die Auseinandersetzung um Otto Eger ist eine Stellvertreter-Auseinandersetzung. Es geht um Otto Eger und zugleich um mehr: um die in Gießen, in der Stadt, in der Universität, nie statt gefundene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seiner Geschichte und Vorgeschichte, seinen Folgen. Es ist eine Auseinandersetzung, ein Konflikt zwischen denen, welche diese Geschichte übergehen und denen, die auf eine gründliche Klärung all der Vorgänge insistieren. Während die Medien (z.B. Phoenix) dankenswerterweise sich dieser Themen allerdings auf  einer überlokalen Ebene annehmen, herrscht in vielen Regionen - Gießen steht dabei an der Spitze der Charts -, also dort, wo es um Konkretisierung geht,  Schweigen im Walde.

 

 

 

 

 

12. Otto Eger, der "herzensgute" Nazi der Universität Gießen oder: ein Vorbild, das uns trägt.

Eine Satire von Bruno W. Reimann

 

Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.

Personen: ein(e) beliebige(r) Oberbürgermeister(in) (OB), ein beliebiger Universitätspräsident (UP) (beide sprechen unisono), ein Interviewer (I)

I: Wissen Sie, daß der Professor Otto Eger 1920 in Gießen eine Studentenkompanie gründete, die beim Kapp-Putsch und dann auch beim Hitler-Putsch zum Einsatz kommen sollte?

UP/OB: Na, das waren jungen Leute, die meisten hatten als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gekämpft. Die wollten halt das Reich, für das sie gekämpft hatten, wiederhaben und ihren großen Kaiser Wilhelm II. Das kann man doch verstehen. Außerdem wollten die Deutschen doch gar keine Demokratie. Und: die Kompanie Egers kam nicht zum Einsatz!

I: Großer Kaiser? Wissen Sie, daß der "große Kaiser", im Exil, am 15. August 1927, in einem Brief an seinen amerikanischen Freund Poultney Bigelow schrieb: “Die Presse, die Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muß – I believe the best would be gas.”

UP/OB: nie gehört? stimmt das?

I: Am 25. März 1920 wurden im Zusammenhang mit den Arbeiteraufständen in Thüringen von dem "Marburger Studentencorps (StuKoMa)" 15 Arbeiter gefangen genommen, die auf einem Gefangenentransport nach Gotha ermordet wurden. Eger stellte sich schützend vor diese Studenten und sprach von "unwahren Angaben"!

UP/OB: Also, das waren "Rote", die in Thüringen die Novemberrevolution von 1918 erneut anzetteln. Die haben sich das doch selbst eingebrockt. Außerdem: von Mord zu reden!! Es hat halt keiner überlebt! Zudem: auch der "Verband der deutschen Hochschulen" stellte sich schützend vor die Studenten!

I: Kennen Sie nicht die satirische Zeichnung von Georg Grosz mit der Unterschrift: "Oh Marburg, oh Marburg, Du wunderschöne Stadt, darinnen mancher Mörder gute Freunde hat!"

UP/OB Nein, nie gesehen!

I: Dann wissen Sie auch nicht, was Tucholsky darüber geschrieben hat?

UP/OB: Nein, sollten wir?

I: Als die Leiche Schlageters 1923 den Gießener Bahnhof passierte, ließ der Rektor Eger einen Text am Schwarzen Brett der Universität anschlagen, in dem er schrieb: Schlageter war ein "deutscher Held", der auf dem "Feld der Ehre" "hingeschlachtet" wurde. Ist Ihnen das bekannt?

UB/OB: Nein! Aber die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen war rechtswidrig und nach allgemeiner Auffassung der Deutschen war Schlageter ein "deutscher Held"! Eger sprach nur aus, was die meisten, zumindest viele Deutsche dachten!

I: Der Rektor Eger machte 1931 der Gießener Burschenschaft "Germania" auf ihrem Festkommers seine Aufwartung! Wußten Sie, daß die Gießener Studentenschaft zu diesem Zeitpunkt schon faschisiert war?

UP/OB: Faschisiert oder nicht! Das waren Egers Studenten, wie er oft genug betonte: "seine" Studenten!

I: Wissen Sie, daß die Studentenschaft kurz vorher eine Resolution gegen die Überfüllung der deutschen Hochschulen durch jüdische Studenten verabschiedet hatte und einen Numerus clausus für diese Studenten forderte? Hätte der Rektor Eger da 1931 nicht einschreiten müssen?

UP/OB: Ach wissen Sie, das hat man doch damals gar nicht ernst genommen! Das waren junge Leute!

I: Kennen Sie die die beiden Reden, die Eger bei den Reichsgründungsfeiern gehalten hatte und in denen er sich als Nationalist ordentlich ins Zeug legte?

UP/OB: Nein, kennen wir nicht! Außerdem: es war doch nichts Schlechtes, ein kämpferischer Nationalist zu sein, der gegen die "Kriegsschuldlüge" und das Friedensabkommen von Versailles kämpfte!

I: Dann kennen Sie auch nicht die Studie von Reimann über die Reichsgründungsreden?

UP/OB: Nein, kennen wir nicht und wollen wir auch nicht kennen. Von Nestbeschmutzern lesen wir nichts! Der hält Universitätspräsidenten nur für Leute, die im Dienstwagen einher fahren wollen!

I: Kennen Sie das Flugblatt von Jatho über Eger, das er vor einer Sitzung des Stadtparlament verteilte?

UP/OB: Nein, von dem lesen wir auch nichts! Wir lesen nur Gruhne, in einer ordentlichen Zeitschrift des hiesigen Geschichtsvereins!

I: Und was ist mit den nationalsozialistischen Dissertationen unter Eger?

UP/OB: Jetzt hören Sie aber einmal auf! Eger war ein ordentlicher Professor, ein ordentlicher nationalsozialistischer Professor an einer ordentlichen nationalsozialistischen Universität. Da war es für ihn, als ordentlichem nationalsozialistischen Professor nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht, nationalsozialistische Dissertationen zu betreuen? Hätte er denn kommunistische Dissertationen betreuen sollen? Darin sehen wir nichts Falsches!

I: Aha! Aufschlußreich!

I: Eger war seit 1930 stellvertretender Vorsitzender der Kerckhoff-Kinik in Bad Nauheim. Um, wie man immer wieder sagt, die Klinik vor Schaden zu bewahren, sei er 1941 in die NSDAP eingetreten. Wissen Sie, daß unter seinem stellvertretenden Vorsitz rassenhygienische Fortbildungskurse abgehalten worden, mit berüchtigten Rassenhygienikern wie Kranz.

UP/OB: so?

I: 1934 wurde dem "Führer" des Studentenwerks Eger ein Hitler-Bild für das Studentenhaus übergeben. Eger übernahm das Bild mit dem - wie es in der Gießener Zeitung heißt - "Gelöbnis, sich dafür einzusetzen, daß stets ein wahrer Sozialismus der Tat im Gießener Studentenhaus herrsche."

UP/OB: Ist uns nicht bekannt. Das wollen wir auch gar nicht wissen!

I: Es versprach auch, daß in diesem Haus "der Geist unseres Führers Adolf Hitler walten solle."

UP/OB: Ach wissen Sie, das sind doch alles "olle Kamellen" !

I: Eger legte 1935 auf einer "Gefallenen-Ehrung" einen Kranz nieder, hielt eine Rede, in der Zeitung heißt es: "Mit einem dreifachen "Sieg-Heil" auf den Führer, in das jedermann kräftig einstimmte, schloß Eger seine Ansprache." Eger also kein Nazi?

UP/OB: Nazi oder nicht. Das ist keine "Verfehlung", sich öffentlich für der Führer Adolf Hitler auszusprechen und zu bekennen! Das war halt so!

I: Eger sagte 1942 aus Anlaß des 150jährigen Bestehen des Gießener Konzertvereins, ich lese aus der "Oberhessischen Tageszeitung" vor:

„Ja, gerade in dieser Zeit ist eine solche Erinnerung angebracht. Steht doch das deutsche Volk im Kampfe um die Erhaltung seiner höchsten Kulturgüter gegen den Bolschewismus. Wir danken dem Führer als dem Obersten Befehlshaber und seiner Wehrmacht, daß sie Deutschland vor dem Hereinbrechen der bolschewistischen Flut bewahrt haben. (…) Unsere heißen Wünsche gehen auch in dieser Stunde zu ihnen in dem unerschütterlichen Glauben an den Endsieg und damit der Erhaltung unserer Kultur.“

UP/OB: Eger war ein "herzensguter Mensch", er hat seinen "Führer" geehrt wie alle guten Deutschen in dieser Zeit. Das sind insofern keine "Verfehlungen"! Das ist alles kein Grund , ihn zu verdammen, wie es diese Linken da machen. Eger war im Grunde ein Demokrat, auch wenn man das damals nicht gemerkt hat. Er verkörpert eine Tradition, auch wenn es eine rechte ist, die uns trägt, Er ist und bleibt ein Vorbild für die Universität, für die Stadt. Wir werden ihn ehren und seiner gedenken bis das Sonnensystem zusammenkracht!

I: Ich danke Ihnen für dieses aufschlußreiche Gespräch!

 

 

13. Literatur:

●  Chroust, Peter (1994): Gießener Universität und Faschismus. Studenten und Hochschullehrer 1918-1945. Bd. 1. Münster 1994

● Gruhne, Peter: Otto Eger: "herzensguter Mensch", Mitläufer oder "Nazi"? Zur Kontroverse um den Gießener Juristen. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 93, 2008 (eine gekürzte Fassung erschien 2010 in den Gießener Universitätsblättern, 43/2010)

● Jatho, Jörg Peter; Simon, Gerd: Gießener Historiker im Dritten Reich. Gießen 2008

● Reimann, Bruno W.: Die Morde bei Mechterstädt. 25. März 1920. Erfurt 1997 (Thüringen, Blätter zur Landeskunde, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung)

● Reimann, Bruno W. (Hg.): Faschismus und Vorfaschismus in der Provinz. Gießen als Beispiel. Region – Universität – Studentenschaft. Gießen: Cento Verlag 2007 (CD- ROM)

● Reimann, Bruno W.: Avantgarden des Faschismus. Studentenschaft und schlagende Verbindungen an der Universität Gießen 1918 - 1937. Frankfurt u. a. 2007

 

[1] vgl. Walbrach, Carl (Hg.), Geschichte der Gießener Burschenschaft Alemannia. Gießen 1961, S. 112 f.; Die Gießener Burschenschaft Frankonia 1872-1972. Gießen: Selbstverlag 1972, S. 90; v. Selchow, Bogislaw: Hundert Tage aus meinem Leben. Leipzig 1936, S. 355. v. Selchow: "Am schnellsten gelang es, in dem nahen Gießen ein Studentenkorps aufzustellen, dessen Führung der Universitätsprofessor Dr. Eger übernahm."

[2] Egers Brief und die Antwort des Marburger Rektors befinden sich im Staatsarchiv Marburg: Akte 305 a, acc. 1954/16, Nr. 77

[3] vgl. Reimann, in: Bruno W. Reimann; Angelika Albach; Heiko Boumann; Ralf Fieberg, Susanne Meinl: Antisemitismus und Nationalsozialismus in der Gießener Region. Katalog zur Ausstellung, Gießen 1991 (Materialien zur sozialen und politischen Geschichte, Bd.2). Gießen: Privatdruck 1991, S.69*f.

 [4]  "Rundschreiben des Verbandes der Deutschen Hochschulen" vom 15.April 1920 (UAG PrA). Auf dem Zweiten Deutschen Hochschultag stellte sich Prof. Schenck erneut hinter die Marburger Studenten (vgl. Bleuel, Hans Peter: Deutschlands Bekenner. Professoren zwischen Kaiserreich und Dikta­tur. Bern - München - Wien 1968, S.142f.). Die Marburger Studenten wurden in zwei Instanzen freigesprochen. Jedoch handelte sich um den Fall einer abge­karteten politischen Justiz. Der Vertreter der Staatsanwalt­schaft Dr. Sauer schrieb zwei Wochen vor Beginn der Revisionsverhandlung, am 6.2.1921, an den Verteidiger Walter Luetgebrune, den Staranwalt der Weimarer Rechten, u.a.: "Die Strafkam­mer, der Landgerichtsdirektor Keiser vorsitzt, steht schon jetzt auf dem Standpunkt, daß die Sache unter die Kapp-Amnestie fällt, wenn nicht in der Haupt­verhandlung besondere Roheit erwiesen wird. Die Haupt­verhand­lung muß aber deshalb und mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit durchgeführt werden. Ich selbst habe die Weisung, die Anklage tunlichst zu halten und deshalb die Amnestie als nicht anwendbar zu erklären, falls nicht besondere Gründe gegen diese Stellungnah­me spre­chen. Ebenfalls habe ich die Weisung, tunlichst eine Freiheitsstrafe in Antrag zu bringen." (zitiert aus dem Nachlaß von Luetgebrune im BA Koblenz in: Lemling, Michael: "Unsere Anato­mie braucht Leichen..." Zur Ges­chichte des 'Studentenkorps Marburg', S.14, Ms.). Wie abgekartet das Spiel war, zeigt auch die folgende Bemerkung: "Die Maskerade der kühlen Begrüßung müssen wir auf dem Amt ja wieder in Kraft setzen." (zit. ebd.)

[5]     Imgram, Leopold: Geschichte der Verbindung katholischer deutscher Studenten Hasso-         Rhenania zu Gießen. Groß-Steinheim 1933, S.152

[6]     ebd.

[7]     ebd., S.418

[8]     Corps Teutonia 1939, S. 132. Auch Bogislaw v. Selchow, Fregattenkapitän a.D., Student an der Universität Marburg und Führer des berüchtigten Studentenkorps Marburg (StuKoMa) verweist in seinem Logbuch, einer Art Autobiographie, auf die Existenz eines Gießener „Studentenbataillons“ (vgl. Selchow, Bogislaw v.: Logbuch. Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg i. Br., Bestand: N 428/41, S.7994)

[9]  vgl. Walbrach, Carl (Hg.), Geschichte der Gießener Burschenschaft

     Alemannia. Gießen   1961, S.112f. (im folgenden zitiert als: Alemannia 1961); Die Gießener Burschenschaft   Frankonia 1972-1972. Gießen: Selbstverlag 1972, S.90 (im folgenden zitiert als: Frankonia

      1972); v. Selchow, Bogislaw: Hundert Tage aus meinem Leben. Leipzig 1936, S.355 (zitiert im folgenden als: v. Selchow 1936)

[10]    Corps Hassia 1965, S.418

[11]    Die Gießener Burschenschaft Frankonia 1872-1972. Gießen 1972, S. 90 (im folgenden zitiert      als: Frankonia 1972)

[12]    ebd.

[13]    Imgram, Leopold: Geschichte der Verbindung katholischer deutscher Studenten Hasso-         Rhenania in Gießen. Groß-Steinheim 1933, S.156

[14]    vgl. Corps Teutonia 1939, S.126, vgl. auch S.75ff. dieser Arbeit

[15]  ebd., S. 132 f.

[16]  ebd., S. 133

[17]   ebd., S. 137

[18]   vgl. GA 26.11.1921

[19]  vgl. Gießener Universitäts-Zeitung v. 30.6.1921. Auch J.Fr.Zimmer war in dieser Gruppe politisch aktiv.  Der Deutschnationale Jugendbund war eine der frühesten organisatorischen Manife­stationen der Bündischen Jugend: "Noch unter dem Donner der Kanonen entstand der erste neue Bund, der Deutsch­nationale Jugendbund. (Damals gab es noch keine Deutschnationale Partei!) Sein Gedanke war, daß der Verlust eines Krieges noch nicht die Aufgabe des Zieles Groß­deutschland bedeutet, und daß der Geist des preußi­schen Offiziers und Soldaten damit noch nicht verloren ist." (Fabrizius, Wilhelm: Der Aufstand der bündischen Jugend. In:  Deutscher Aufstand. Die Revolution des Nachkriegs. Hrsg. von Curt Hotzel. Stuttgart 1934, S. 231) Der Deutschnationale Jugendbund soll schon im Jahre 1921 über 70000 Mit­glieder gehabt haben (Hoegner, Wilhelm: Die verratene Republik. Geschichte der deutschen Gegenrevolu­tion. München 1958, S. 119)

[20]  vgl. GA 15.3.1933

[21]  Corps Teutonia, S. 133

[22]  ebd.

[23]  DZ 23.3.1920

[24]  vgl. Lemmer, Ernst: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt a. M. 1968, S. 62

[25]  ebd., S. 70

[26]  ebd., S. 66

[27]  DZ 12. April 1920

[28] Über Reinhard Strecker in "Wikipedia": Von Jugend an politisch interessiert und links-liberal engagiert, ließ sich Strecker nach Kriegsende 1918 für die SPD in den Landtag des Volksstaates Hessen wählen. Bereits im darauffolgenden Jahr berief man ihn kurzfristig zum Kultusminister im Kabinett Ulrich II. Vorgänger wie Nachfolger in diesem Amt war Otto Urstadt. Dieses Amt hatte er vom 22. Februar 1919 bis zum 1. Oktober 1921 inne. Aus dem Landtag schied er am 22. Februar 1925 aus. Adam Lang rückte für ihn in den Landtag nach. Ihn führte seine Karriere 1923 über die Ernennung zum Oberschulrat und 1924 als Honorarprofessor an die Universität Jena. Später erhielt er einen Lehrauftrag für Naturphilosophie an der Forsthochschule in Eberswalde. Als Mitglied des Reichsrates nahm er an der Ausarbeitung der Weimarer Verfassung teil. Er bekämpfte den Antisemitismus, war Angehöriger der Deutschen Friedensgesellschaft und Leiter des Guttemplerordens in Deutschland. 1925 ließ sich Strecker in Berlin nieder, um seinen vermehrten politischen Engagements Rechnung zu tragen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde er 1933 seiner Ämter und Ehrenämter enthoben. Dennoch unterzeichnete er im November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler. Mit seinem früheren hessischen Ministerkollegen Wilhelm Leuschner und anderen nahm er in vorsichtiger Distanz 1944 an Vorbereitungen zum Sturz Hitlers teil. 1945 wurde er Stadtschulrat und Honorarprofessor für Pädagogik in Leipzig und kam kurz darauf mit Hilfe der Amerikaner nach Westdeutschland. 1946 wechselte er an die Universität Gießen. Strecker wurde 1947 außerdem Leiter der neugegründeten Gießener Volkshochschule. Seine Honorarprofessur für Staatsphilosophie in Gießen hatte er noch fünf Jahre inne. Als Mitglied des Nauheimer Kreises, der für ein neutrales Deutschland eintrat, wurde er aus der SPD ausgeschlossen.

[29] Erklärung Steckers in der Darmstädter Zeitung, 12.4.1920

[30]  Rürup, Reinhard: Revolution und demokratische Neuordnung 1918/19. Zum 60. Jahrestag des 9. November 1918. In: Zeitschrift für Württem­bergi­sche Landesgeschichte, Jg. XXXVII (1978). Stuttgart 1981, S. 298

[31]  Krüger, Gabriele: Die Brigade Ehrhardt. Hamburg 1971, S. 96

[32]  ebd.

[33]  ebd., S. 97

[34]  Geschichte des Corps Hassia Gießen zu Mainz 1815-1965. Gießen: Selbstverlag 1965, S. 418

[35]  vgl. Corps Teutonia, S. 125

[36]    ebd.

[37] Noch 1965, nachdem es nicht mehr den Schatten eines Zweifels am Arbeitermord von Mechterstädt gibt, heißt es in der Geschichte des Corps Hassia, daß die An­gehörigen des Marburger Studen­ten-Bataillons "sich zum Dank für ihre Einsatzbereit­schaft noch öffentlich beschimpfen lassen" mußten (Geschichte des Corps Hassia Gießen zu Mainz 1815-1965. Gießen: Selbstverlag 1965, S. 418). Das zeigt, wie sehr im Corps Hassia Gießen, wie in den Corps und auch Burschenschaften, derselbe Geist weiterlebt, der die Mehrheit ihrer Mitglieder für den Rechtsaktivismus und schließlich für den Nazismus prädisponierte.

[38]  ebd., S. 68

[39] vgl. Reimann, Bruno W.: Avantgarden des Nationalsozialismus. Studentenschaft und schlagende Verbindungen an der Universität Gießen 1918-1937. Frankfurt a. M. u.a. 2007, S.164 f.; Reimann, Bruno W.: Jakob Friedrich Zimmer (1899-1977). Ein Platzhalter der deutschnationalen Rechten in Gießen und Oberhessen 1918-1937. Gießen: Institut für Soziologie 1991

[40] Bley, Erich (1890-1953), 1920-1925 Richter, 1922 Habilitation Universität Leipzig, 1925 o. Prof. Universität Greifswald, 1932 Universität Gießen, 1939-1942 auch Feldkriegsgerichtsrat, 1940 Universität Graz, 1942 Universität Bonn, nach 1945 nicht mehr zur Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit zugelassen, 1947 von der Fakultät geschlossen abgelehnt, 1948 Entnazifizierung Stufe 5, 1949 Emeritierung, 1951 Ruhestand nach Vergleich, 1951 Emeritus bei Verzicht auf Vorlesungen und Teilnahme an Fakultätssitzungen, politisch: 1.5.1933 NSDAP, 1.10.1933 Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, 1.1. 1934 Nationalsozialistischer Lehrerbund, nach 1940 gottgläubig, in Graz Kreishauptstellenleiter der NSDAP, Beauftragter des NS-Studentenbundes für weltanschauliche Schulung, Autor im Nationalsozialistischen Handbuch für Recht und Gesetz von Hans Frank.

 

 

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