Bruno W. Reimann

 

Jakob Friedrich Zimmer (1899-1979)

 

Ein Platzhalter

der deutschnationalen Rechten

 in Gießen und Oberhessen 1918-1937

 

 

 

 

 

Materialien

zur sozialen und politischen Geschichte Gießens

Nr. 3

Institut für Soziologie

Gießen 1991, 2. Aufl.

 

 

 

 

 

 

Inhalt

I         Vorbemerkung....................................................................................... 3

 

II        "Sich in Oberhessen, der 'Hochburg des An­tisemitis­mus'

          he­r­vor­z­uwage­n" .................................................................................... 5

 

III       Kapp‑Putsch.......................................................................................... 7

 

IV       "...wird mit dem Tode bestraft" ‑

          der Hitler-Putsch, eine "Notverfassung" und Zimmer ............................... 8

 

V        Der Weg durch rechte Organisationen ................................................... 9

 

VI       "Entscheidungsschlacht zwischen rechts und links" ‑

          Zimmer als Vor­s­i­t­z­e­nder der Deutsc­hnatio­nalen Volks-

          ­par­tei/­Pro­vinz Oberhes­sen................................................................... 11

 

VII      1933: "...dem Führer zu folgen"............................................................ 12

 

VIII     Zimmer als lokaler Platzhalter des Alldeutschen Verbandes.................... 13

 

IX       März 1933: Zimmer an der Spitze der "Vereinig­ten Natio­nalen

          Rech­ten"............................................................................................. 14

 

X        "Nationale Revolution" - christlicher Geist - Bekennende Kir­che.............. 15

 

XI       Jakob Friedrich Zimmer, der "Pg." Nr. 7653338..................................... 17

 

 

XII       Anhang: Zimmer, "Vereinigte Nationale Rechte" und die Gleichschaltung des

           Stadt­rates........................................................................................... 18

 

 

I Vorbemerkung

 

Im Zusammenhang mit der im November 1988 im Netanya-Saal des Alten Schlos­ses in Gießen gezeigten Ausstellung "An­tisemitis­mus und National­sozia­lismus in der Gießener Region"[1], die auch von einer Besucher-Dele­ga­tion aus der israelischen Partnerstadt Gießens Netanya besucht und positiv kommentiert wurde, kam es - wie vielfach in Deutschland, wenn die NS-Geschichte an konkreten, faßbaren Beispielen dargestellt wird - zu heftigen Kon­flikten um die Darstel­lung des politischen Wir­kens des Corpsstudenten und späteren Rechtsan­walts Jakob Friedrich Zimmer (1899-1979). An der Person Zimmers wurde ansatzweise die Ver­flech­tung einer Phalanx rechtsgerichte­ter politi­scher Sze­nen und Organisatio­nen aufgezeigt. Zimmer fungierte als deutsch­nationaler Platzhalter der rechten Szene in Gießen, später auch in Oberhessen. Er war nicht sonder­lich heraus­ragend; Seine Bedeutung liegt gerade in einer Art politischer 'Normali­tät' der Rechten, die für die Wei­marer Zeit so typisch ist. Indes: Ohne die massenweise Ver­breitung jenes un­ablässig rechtsradikal agieren­den Wühlers hätte sich der Natio­nalsozialismus politisch nicht durch­setzen kön­nen. Daher gebührt gerade jenem politischen Typus und dem politische Milieu, dem er korrespondiert, Beachtung. Typisch ist auch, daß diese deutsch­natio­nalen Mit­gänger von "natio­naler Dikta­tur" und "nationaler Revolu­tion" nach 1945 als politische Sauber­männer auf­traten, die an nichts betei­ligt waren! Man könnte das Thema „Biedermann und die Brandstifter dahingehend travestieren: der Brandstifter als Biedermann. Das gab es in Deutschland massenweise.

 

Zimmer hat 14 Jahre lang die Weima­rer Demo­kratie entschieden be­kämpft, illegal und hochverräterisch, später dann als Parteivorsitzender in den legalen Formen des Parlamentarismus, den er entschieden ablehnte. Er begann als hoch­schulpoli­tisch aktiver Corps­studen­t, der durch einen früh­zeitigen agitato­ri­schen Antisemi­tis­mus auffiel; er zündelte beim Kapp-Putsch mit und war Mit­bearbeiter einer brachialen "Notver­fassung", die nach dem Hitler-Putsch in Kraft treten sollte. Nach einer Serie rechts­radikaler Aktivi­täten stieg er zum deutsch­nationalen Partei­füh­rer in Ober­hessen auf (1931) und wurde auch ab 1927 der Platzhalter des Alldeutschen Verbandes in Gießen. Wiederholt forderte er die Ab­schaf­fung des parla­mentarischen Systems. In entscheiden­den nationalen Fragen gingen er und die DNVP "mit der NSDAP Hand in Hand". Zimmer, der 1932 eine neue "Harz­burger Front" forderte, begrüßte die "nationale Revolution" und schlug sich wenige Tage nach der "Mach­ter­greifung" öffentlich auf die Seite der Natio­nal­sozia­listen. Als Mit­kämpfer des "Kampf­blocks Schwarz-Weiß-Rot" und lokaler Anführer der "Ver­einten Nationalen Rechten" hing er der Vor­stellung an, daß es neben der NSDAP nur noch eine einzige "nationa­le Marsch­kolon­ne" geben sollte. Als die Deutsch­nationa­len beim Teilen der politi­schen Beute leer ausgegan­gen waren, wurde Zimmer in der Beken­nenden Kirche aktiv, die vielfach als politischer Schmoll­winkel enttäusch­ter Natio­nalradika­ler fungier­te.

 

Das in Deutschland ganz und gar nicht erstaunliche ist, daß Zim­mers politi­sches Wirken, der nach dem Krieg von 1952 bis 1964 F.D.P.-Stadt­verord­neter war, von einer Reihe von Gießener Honora­tioren, u. a.  dem ehemali­gen hessischen Mini­ster­präsi­den­ten Albert Osswald (SPD), dem Stadtar­chivar und Vorsitzen­den des Oberhessi­schen Geschichtsvereins Profes­sor Erwin Knauß, den "Stadt­ältesten" Friedel Eid­mann (F.D.P.) und Erich Walldorf (SPD), dem Vor­sitzen­den der Firma Gail, Dr. Walter Rumpf bagatel­lisiert oder gar schlicht verleugnet wurde. Seine politische Vita wurde reich­lich mit Persil­scheinen ausgestattet. So sagte etwa der SPD-Stadtver­ordnete Erich Walldorf: "Ich bin weiterhin als Demo­krat der Meinung, daß man Jugend­sünden eines Men­schen, der später sich eines besseren besonnen, ihm nicht noch nach dem Tode anhängen kann" (Schrei­ben des "Stadt­älte­sten" Erich Walldorf an G. Rehnelt vom 6.6.1989). Angesichts der politischen Agitationen eines 34jäh­rigen Rechtsanwalts muß man sich fragen: Was heißt hier "Jugendsün­den"? Und überhaupt: Wer hängt hier wem etwas an? Daß Erich Walldorf jüdische Vorfahren hat, gibt seiner Mohrenwäscherei eine beson­dere Note. 

 

Diese Persil-Kampagne wurde initiiert durch die Tochters Zimmer, einer gewissen Gaby Rehnelt. Als ich 1982, aus Anlaß des 375jährigen Universitätsjubiläums,  mit Studenten eine Ausstellung machte und ein Buch (Frontabschnitt Hochschule. Die Gießener Universität im Nationalsozialismus) vorlegte, schrieb diese Dame ins Kommentarbuch der Ausstellung: „Der Schoß ist fruchtbar noch…! (bzw. schon wieder) Es gibt noch braune Ehrensenatoren an der JLU > nagelneue! G.R.“

                                                          

Als es dann um ihren Vater ging, dann war es – wie üblich in Deutschland – aus mit dem kritischen Bewußtsein.

Zu den zynischen Aspekten dieser Zimmer-Geschichte gehört, daß die Zimmer-Nachkommen, auch die geharnischt auftretende Gaby Rehnelt, davon profitierten und profitieren, daß ihr Vater, der ehrbare Rechtsanwalt Zimmer, 1938 ein Haus arisierte: Er kaufte ein großes repräsentatives Haus im Jugendstil, daß Nathan Hoddes und seiner Ehefrau, geb. Haas gehört hatte. Das war ein Akt der sog. „Arisierung“, der staatlich organisierten Ausplünderung der Juden, an denen sich viele Deutsche mit Eifer beteiligten (siehe den Artikel „Arisierung Gießen“ auf dieser Homepage). So auch Zimmer!

In dem Haus wohnt  immer noch ein Sohn von Zimmer:

 

Alle, die sich für Zimmer ins Zeug legten, von Albert Osswald bis zu Erich Walldorf haben wider besseres Wissen gelogen. Das ist so, in Deutschland, in dem Land, das mit dem Nationalsozialismus nie fertig wurde!

 

II "Sich in Oberhessen, der 'Hochburg des Antisemitismus', hervorzuwa­gen..."

 

Zimmer gehörte dem antisemitischen Corps Hassia seit 1919 an. Auf­grund dieser ein­schlägigen akademischen Sozialisation trat Zimmer, der im Som­merseme­ster 1918 an der Gießener Ludwigs‑Universität sein Jurastudi­um aufnahm, mit antise­mitis­chen Aktio­nen und Agitatio­nen hervor:

 

■ Als Anfang des Jahres 1920 1200 Studierende der Gießener Uni­versität vom "deutschras­sigen Standpunkt" aus gegen die jüdische Studentenver­bin­dung STAU­FIA zu Felde zogen, schrieb Zimmer in der Zeitung des Alldeut­schen Ver­ban­des über diese Gründung: "Es ist schon ein starkes Stück, sich in Oberhessen, der "Hochburg des Antisemitismus" hervor­zuwagen.­.." (Deutsche Zeitung 19.5.1920).

 

■ In der allgemeinen Studentenversammlung am 10. Juni 1920 hielt Zimmer einen von antisemi­tischen Äußerungen nur so strotzenden Vortrag (Deutschlands Erneue­rung H.9, 1920, S.553 ff.); an­schließend wurde eine "Entschließung Zim­mer" gegen die "ostjüdi­sche Zuwan­derung und gegen die Über­schwem­­­­­­­­mung der deutschen Hoch­schulen durch Aus­länder" angenom­men (Gießener Akade­mische Mittei­lungen, 1. Juli 1920). Der Antrag des Mitglieds der jüdischen Ver­bindung Staufia Rei­fen­berg, betreffend eines "Mißtrauens­votums gegen Herrn stud. jur. Zimmer wegen seines Refe­rats", wurde abgelehnt (Schrei­ben des Ausschusses der Gießener Studen­ten­schaft, 12. Juni 1920, UAG PrA 1327). Zim­mers Referat erschien in "Deutsch­lands Erneuerung" (Deutsch­lands Er­neuerung H.9, 1920, S.553 ff.).

 

■ Zimmer setzte seine antisemitische Agitation im Corps Hassia fort, das seinen Antisemi­tismus oft genug demonstrativ bekundete: "Für Hassia hat es eine Juden­frage nicht gegeben. Dank unsrer völkischen Einstellung haben wir weder Juden­stämmlinge noch nichtarisch versippte. Wurden doch schon seit über 70 Jahren nur Studenten rein arischer Abstammung von uns aufgenom­men und Bewer­ber, die dieser Voraussetzung nicht entsprachen, ausnahmslos abgelehnt" (Corps-Zeitung der Hassia zu Gießen, Nr.113, Sommer­semester 1935, S.5). Diese Äuße­rung aus dem Jahr 1935 ist alles andere als eine Konzes­sion an die Nazis. Auf dem Kösener Congreß 1921, an dem u.a. auch J.Fr. Zimmer teilnahm, wurde die "Judenfrage" (Ge­schichte des Corps Hassia Gießen zu Mainz 1815-1965. Gießen: Selbstverlag 1965, S. 426) wieder aufge­rollt. Auf diesem Kongreß "wurde be­schlossen, nicht auf die Religion, sondern auf die Rasse abzustellen und bei einem jüdischen Großeltern­teil den Misch­ling als Juden anzusehen" (ebd.). So mußte vor der "Renoncierung" der "zukünftige Hessenfuchs" u.a. erklären, daß er "nicht jüdischer Ab­stammung sei" (ebd.). Hier wurde bereits die Ideologie und Praxis der faschistischen Aus­schluß­praxis vorweg­genommen. Es steht zu vermuten, daß die neuerliche Debatte der "Judenfrage" auf den Scharfmacher Zimmer zurück­ging. Sie war auf dem "vorjäh­rigen Kösener bereits lange debat­tiert" (ebd.) worden. Auch an diesem Kongreß hatte Zimmer teil­genom­men (vgl. ebd., S. 421). Dieser Kon­greß fand am 7. Juli 1920 statt, also nur wenige Wochen nach­dem der Asta Gießen auf Initiative Zim­mers die Ent­schließung gegen die "ostjüdi­sche Zuwanderung" an­genommen hatte. In seinem Vortrag hatte J.Fr. Zimmer erklärt: "Die Judenfrage ist keine Religions-, sondern in erster Linie eine Rassen­frage." (Zimmer, J.Fr., Zur Ausländerfrage an den deutschen Hoch­schu­len. In: Deutschlands Erneuerung 1920/IX, S. 557) Damit fiel Zimmer hinter alle neuzeit­lichen, aufkläreris­chen Eman­zipa­tionsbestre­bungen, etwa hinter das preußische Emanzipation­sedikt "betref­fend die bürgerlichen Ver­hältnisse der Juden" von 1812, zurück. In seiner Formulie­rung kündigt sich der faschis­tische Wahn bereits an.

Daß es sich bei den Debatten auf den Kösener Congressen von 1920 und 1921 um eine Diskussion handelte, die auf der Demonstration symbo­lisch-politi­scher Momen­te beruhte, zeigt der Kommentar in der Hassia-Ge­schichte von 1965 zu der Ent­schei­dung von 1921: "Für Hassia waren diese Bestimmungen ohne Bedeutung, weil sie bereits seit 1865 konsequent in diesem Sinne ver­fahren war" (Geschichte des Corps Hassia Gießen zu Mainz 1815-1965. Gießen: Selbstverlag 1965, S.426).

 

■ Ende des Jahres 1920 traten auch in Gießen Zimmer und der Asta gegen den jüdischen Medizin‑Professor Georg Friedrich Nicolai, einen über­zeugten Pazifi­sten, an, gegen den in Berlin deutschna­tio­nale Studenten und ein natio­nalisti­scher Univer­sitätssenat zu Felde zogen (Schreiben der Studen­tenschaft der Universität Gießen v. 13.12.1920, UAG PrA). Für den Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter ist Nicolai noch 1986 "innerhalb meiner Zunft eines der bedeu­tendsten Vorbil­der" (Richter, Horst Eberhard: Die Chance des Gewissens. Hamburg 1986, S.11).

 

■ Im Wintersemester 1920/21 gründete Zimmer in Gießen den Hoch­schulring Deutscher Art (HDA) (Corps Teutonia zu Gießen 1839‑1935, S.129f.), dessen Satzung nach dem konser­vativen Gutachter Prof. Schian einen "antise­miti­schen Einschlag" aufwies (Bericht von Prof. Schian für den Engeren Senat v. 2.2.1921, UAG PrA Nr. 754). Zimmers Wirken im HDA ist bis 1925 nach­weis­bar (GA 2.7.1925). Zimmer wurde 1922 von studentis­cher Seite massiv ange­griffen: er "degra­diere" den HDA, der ohnehin bereits rechtsra­dikal ausgerich­tet war, zu einer "Studen­ten‑Ortsgruppe des Deutsch‑völkischen Schutz‑ und Trutzbundes" ‑ das war eine der radikalsten Vor­feldgrup­pen der national­sozialistis­chen Bewe­gung. Einer der Hauptpun­kte der Kritik an Zimmer und dem Gießener HDA: "Antisemi­tis­mus bis ins vierte Glied schnüf­felnd... Deutschtum ist politi­s­cher Programma­tismus gewor­den und im übrigen Ellbogen­frage" (Gießener Univer­sitäts‑Zeitung, 2.2.1922).

 

III Kapp‑Putsch

 

Zimmers Name wird in einer Publikation als Mitglied einer studenti­schen Grup­pe genannt, die sich anläßlich des Kapp-Putsches, den "Originalaufrufen der Regierung Kapp" folgend, bewaffnete, um aktiv auf seiten der Putschisten ein­zugrei­fen:

"Nachdem unser Überrumpelungsplan (der Gießener Kaserne - B.W.R.) geschei­tert war, wurde von uns be­schlos­sen, die Bewaffnung mit Hilfe des Marburger Studentencorps (Bogislaw v. Selchow) durchzuführen. In derselben Nacht fuhr ich mit Herrn Sieben (Landsmannschaft Chattia) nach Marburg. Das Ergebnis unserer Verhandlun­gen war die Zusage, am folgenden Tage einen Wagen mit 200 Gewehren nach Gießen abzusenden. In Marburg landete an diesem Tage ein Flugzeug im Auftrage von Ehrhardt und Kapp und brachte Originalaufrufe der Regierung Kapp. Mit einem solcher Aufrufe und der Zusage der Waffenlieferung fuhr ich am Nachmittage (18.3.20) wieder nach Gießen. Am Abend sollte eine Besprechung im Hotel Großherzog stattfinden. Als wir dort eintrafen, fanden wir alle Teilnehmer mit bestürzten Gesichtern vor, da soeben die Nachricht von dem völligen Scheitern des Kapp-Putsches eingetroffen war. Wir kamen alle mit unseren guten Nachrich­ten zu spät. Angewidert von der völligen Hilflosigkeit des Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei und einiger anderer alter Herren zogen wir jüngeren, zu denen die Corpsstudenten Otto und Hermann Sievers, Teutoniae, Zimmer und Dietz, Retzlaff, Hassiae (jetzt Kommandeur des Hambur­ger Schutzpolizei) zählten, ab und beschlossen zunächst das Studentencorps zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu erhalten" (Corps Teutonia zu Gießen 1839‑1935, S.133).

In Gie­ßen stand zum Kapp-Putsch, und dann später auch zum Hitler-Putsch, ein Studenten­corps, das alle schlagen­den Korporationen um­faßte, zum Ein­satz bereit (vgl. ebd., S. 126).

Wenig später erklärte Zimmer für den Asta, "daß die Gießener Studen­tenschaft an einen gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse nie gedacht hat und nie denkt..." (Darm­städter Zeitung 12. 4. 1920). Auch gegen den Vorwurf des Landesbildungs­ministers Strecker, "in der Studenten­schaft werde in uner­hörter Weise gewühlt", wehrte sich Zimmer Ende des Jahres 1920 als Asta‑­Vor­sitzender im Brustton von Unschuld ‑ und unter Rekurs auf Humboldt und die "unbedingte Wahrhaftig­keit" (GA 6.12.1920).
IV "...wird mit dem Tode bestraft" ‑ der Hitler-Putsch, eine "Notverfas­sung"     und Zimmer

 

■ J.Fr. Zimmer (Corps Hassia) und Hermann Sievers (Corps Teuto­nia) über­arbeiteten eine "Notverfassung", die nach dem Hitler‑ Putsch in Kraft treten sollte ‑ darauf verweisen zwei voneinander unabhängige Quellen von histori­schen Akteu­ren (vgl. Heinz, F.W.: Spreng­stoff, Berlin 1930. S. 240; Corps Teutonia zu Gießen 1839 ‑ 1935, S. 139).

 

■ Der Alldeutsche Verband, der sich um die "Einheitsfront der natio­nalrevo­lutionären Gruppen" bemühte, stellte im Rahmen des "Hitler‑Putsches" der Gruppe Kahr‑Los­sow-­Seisser und der Ehr­hardt-Gruppe seine "Notver­fas­sung" zur Verfügung (vgl. Heinz, F. W.: Die Nation greift an. Berlin 1933, S. 217), welche "keiner­lei staats­schöpfe­rische Ideen" enthielt, sondern sich darauf beschränkte, "den neuen Machthabern die dik­tatorische Staatsge­walt zu übertra­gen" (ebd.). Die "Notver­fas­sung" ‑ so Heinz ‑ sei das "maßge­bende und kennzeichnende Doku­ment des Jahres 1923" (ebd.). Nach seiner Dar­stellung über­arbeitete der "politi­sche Leiter der oberhessischen Wehrver­bände" Zimmer die "Not­ver­fassung" (vgl. Heinz, F.W.: Spreng­stoff. Berlin 1930, S. 240), der zu Heinz sagte: "Ich mußte diese "Notver­fassung" zuerst einmal ordnen. Anordnun­gen, Verbote, Erlasse, Bestimmungen, Strafandro­hungen gingen heillos durcheinander. Wie kann uns Mün­chen solche Stümpe­rei schicken? Alles Unausführbare wie die Zwangsein­schließung der Juden in Gefangenen­lagern habe ich rück­sichtslos gestrichen. Mit meiner Verordnung können wir jetzt etwas anfan­gen" (ebd.). Zimmer hielt "die Zwangs­ein­schlie­ßung der Juden" für "unausführbar" ‑ wohlgemerkt für "unaus­führbar", nicht aber für unmoralisch.

Dieser Verfassungsentwurf sah für eine Fülle von "Vergehen" die Todes­strafe vor, so für

■ die weitere Teilnahme an den aufgelösten parlamentarischen Kör­perschaf­ten (§ 3),

■ die Vornahme von Amtshandlungen durch entlassene, par­teimäßig "unzuver­läs­sige und unfähige" Beamte, sowie Amtsver­weigerung (§ 4),

■ die Verweigerung der Arbeitsdienstpflicht (§ 8),

■ Arbeitseinstellungen und Aussperrungen (§ 13).

 

Trotz dieser Bemerkung von Zimmer enthält die 1933 von Heinz als Verfas­sungs­entwurf des Alldeutschen Verban­des veröf­fentlichte "Notver­fas­sung" (ebenso wie eine bereits 1926 in der Stan­darte, deren Redakteur Heinz war, veröf­fentlichte identische Fassung) jenen besagten Passus. Offensichtlich konnte sich Zimmer mit seiner Streichung des § 17, der die "Zwangs­ein­schließung der Juden" vorsah, nicht durchset­zen.

Es exi­stiert noch eine weitere Version der "Notverfas­sung", die bei dem am 9. Novem­ber 1923 vor der Feldherrnhalle erschos­senen Oberlan­desge­richtsrat von der Pford­ten gefunden wurde. Hanns Hubert Hofmann, ein Historiker, der über den "Hitler‑­Putsch" gear­beitet hat (Der Hitler‑Putsch, München 1961), hält allerdings aufgrund nachgewiesener personaler Bezie­hungen der Beteilig­ten eine "innere Ab­hängig­keit" beider Entwürfe für gesi­chert. Er führt aus: "Bei der inneren Abhängig­keit beider Texte, von denen der von der Pfordtens zweifel­los der jüngere ist, kann als sicher gelten, daß der Rat am bayri­schen Obersten Landes­gericht (gemeint ist von der Pfordten ‑ B.W.R.) den Berliner Entwurf (d.i. der Entwurf des Alldeut­schen Ver­bandes ‑ B.W.R.) ‑ vermutlich durch seinen Freund und Kollegen Pöhner, den ja Kahr wiederholt ins Ver­trauen gezogen hatte ‑ zur Grundla­ge seines eigenen gemacht hatte..." (Hofmann, a.a.O., S.154). Diese aus­führlichere Fassung sieht zwar von der Zwangs­ein­schließung von Juden ab, enthält aber einen Passus, demzu­folge "sicher­heitsgefähr­liche Personen" und "unnütze Esser" in Sam­mel­lager gebracht werden sollen (ebd., S. 288). "Wer sich der Über­führung entzieht oder zu entziehen versucht, wird mit dem Tode bestraft. Die gleiche Strafe trifft den, der dabei Vorschub oder Hilfe leistet" (ebd., S. 289). Der sozialde­mokratische "Volks­freund" sah in der bei von der Pfordten gefunde­nen "Notverfas­sung", "das blutrünstig­ste Doku­ment, das die poli­tische Ges­chichte überhaupt kennt." (Volks­freund. Organ der so­zialdemok­ratischen Partei Deutschlands, 17.12.1927)

 

V Der Weg durch rechte Organisationen

 

■ Zimmers politischer Weg führten ihn durch eine Fülle von rechtsgerichte­ten Organisatio­nen, in denen er meistens auch aktiv tätig war: Nationaler Stu­den­tenbund ‑ Hoch­schulring Deut­scher Art ‑ National­ver­band Deut­scher Offiziere ‑ Deutsch­natio­nale Studen­ten­grup­pe ‑ Verein für das Deutschtum im Ausland (Quelle: Gießener Univer­sitäts-­Zeitung, Jg. 1921, 1922).

■ Im Dezember des Jahres 1923 versammelten sich die Vaterländi­schen Ver­bände Oberhes­sens in Gießen: "Wehrhaftmachung, Freiheits­kampf; gegen Parla­mentaris­mus, Marxismus und Judentum, für nationale Diktatur und Schwarz‑weiß‑rot waren die billigen Schlag­worte des Abends" (Darm­städter Zeitung 18.12.1923). Es zogen auf: der national­revolutio­näre Wiking­bund, der Bund Ober­land, Stahl­helm, studentische Kor­poratio­nen, der Hoch­schulr­ing Deutscher Art u.a. (Darm­städter Zeitung 25.9.1924) ‑ und "Zimmer ‑ Gießen als Vertreter der Gießener Jugend" (GA 10.12.1923). Die Darmstädter Zei­tung schrieb zu dieser Bezeich­nung: "eine etwas großzügi­ge Benennung, wozu ihn ein gut Teil der Gießener Jugend sicher nicht ermächtigt hat" (Darmstädter Zeitung 18.12.1923). Am Schluß der Ver­anstaltung wurde als "nationales Bekenntnis das Ehrhardt­lied" abgesun­gen (vgl. ebd.).

 

■ Zimmer gab zu dieser Zeit für die Hessische Wehrgemein­schaft die "Blätter der Wehr­gemeinschaft" (Polizeiberichte und Politi­sche Lageberichte, Bd.2, 1925) heraus. Als 1925 aus den vaterländischen Verbän­den und der Hessi­schen Wehr­gemein­scha­ft der Hes­sisch-Va­terlän­dische Block als Sam­mel­organi­sation der "nation­alen Be­wegung" entstand, gehörte Zimmer neben dem Grafen Georg Fried­rich zu Solms‑­Laubach und Werner Best (1935 Ge­heimes Staatspoli­zeiamt, 1936‑1940 Reichsministerium des Innern, Hauptamt Sicher­heits­polizei; SS‑Brigadeführer) der Landes­leitung an (Bad Nauhei­mer Zei­tung/Wette­rau­er Anzeiger 8.3.1927).

 

■ Zimmer war Mitglied des Wiking‑Bundes, der auf "revolutio­näre" Weise den Weimarer Staat beseitigen wollte. Zimmer über sich selbst: "Als Wi­kingmann habe er mit Heinz auf dem Standpunkt gestanden, daß man u.U. die Form des Staates opfern müsse" (Darm­städter Zeitung 28.3.1927).

 

■  Im Gießener Fememordprozeß spielte Zimmer eine dubiose Rolle. Zei­tungs­berichten zufolge hatte er als Gerichtsreferendar einem der Hauptange­klagten, F.W. Heinz, prozeß­relevante Informationen zugespielt:

         

■ Die Volksstimme schrieb am 13.1.1927, "daß bei einem Gerichts­refe­rendar in Gießen namens Zimmer wegen verdäch­tiger Korrespon­denz mit Heinz eine Haus­suchung statt­gefunden hat."

 

■ Die Darmstädter Zeitung schrieb am 26.3.1927:

"Es marschieren noch eine Reihe von Zeugen auf, die abwech­selnd Kern und Heinz ein Loblied singen. Darunter auch der Referendar Zimmer aus Gießen, gegen den ein Ver­fahren wegen Begünstigung schwebt. So soll er Heinz nach dessen Freilas­sung über Schmidt‑ Halbschuh und Prozeßan­gelegenheiten unter­rich­tet haben."

         

■ Die Hessische Volksstimme schrieb am 28.3.1927:

"Als Heinz in Magdeburg wegen des Bad Nauheimer Mordfalls verhaf­tet wer­den sollte und der Kriminalkommissar bei ihm eintrat, empfing ihn Heinz mit den Worten: "Ich weiß schon, was Sie wol­len, ich weiß, was gegen mich ausgesagt ist." Gleich­zeitig steck­te Heinz einer in seinem Zimmer anwesen­den Dame eine Briefta­sche zu. Der Kriminal­kom­missar bemerkte dies und be­schlagnahmte diese Brief­tasche. Darin fand man später einen Brief des oben genannten Referen­dars Zim­mer, der mit der Angele­gen­heit dienstlich beschäf­tigt war und in welchem von ihm dem Heinz genau über alle Aussa­gen in der Vorunter­suchung Mitteilung gemacht worden war, ebenso wie von seiner bevorste­henden Verhaf­tung."

         

■ Dieser Zeitungsbericht führte unter direkter Bezugnahme auf diesen zur fol­-

genden Anfrage der Sozial­demokraten im Hessischen Landtag:

"1. Ist der Regierung das vorstehend gekennzeichnete Verhalten des Gerichts­refe­ren­dars Zimmers in Gießen bekannt?

2. Hat die Regierung Schritte getan, um dieses Verfahren eines hessi­schen Ge­richts­referen­dars abzustellen?

3. Was gedenkt die Regierung zu tun, um die hessische Rechts­pflege von solchen Elemen­ten zu befreien ?"

(Oberhessische Volkszeitung, das genaue Datum der Zeitungs­meldung ist nicht auszuma­chen, die Meldung selbst stammt vom 30. März 1927, die Zeitungsnotiz befindet sich in der Akte GIGG 194 des Stadt­archivs Gießen.)

         

■ Nach dem Freispruch von Heinz "wegen nicht ausreichender Be­weise" (Urteil, zit. in: Knauß, E.: Der Gießener Fememord­prozeß von 1927. In: Zur Ge­schich­te Gießens und seines Um­landes. Aufsät­ze und Reden von Erwin Knauß. Gießen 1987, S. 141) wurde die Zimmer betreffende Anfrage im hes­sischen Landtag ebenso "hinfäl­lig" wie die Ermitt­lun­gen gegen ihn wegen Begünstigung (vgl. Knauß, E., a.a.O., S.124). Das Fazit von Knauß: "Die Sache ist nicht restlos aufge­klärt worden" (ebd.; vgl. auch: Darmstädter Zei­tung vom 28.3.1927, Oberhessischer Anzeiger 1.4.1927, Bad Nauheimer Zeitung ‑ Wetterau­er Anzeiger 31.3.1927).

 

 

VI "Entscheidungsschlacht zwischen rechts und links" ‑ Zimmer als Vorsitzender der Deutschnatio­nalen Volks­par­tei/Provinz Oberhes­sen

 

 

■ Zimmer war seit 1918 Mitglied in der deutschnationalen Volkspar­tei (DNVP), die bei der nationalsozialistischen Macht­übernahme eine entschei­den­de Rolle spielte. Schon 1923 trat er auf einem Hessischen Partei­tag auf. 1931 wurde er Vorsitzender der DNVP/Provinz Oberhes­sen (Adreß­buch der Stadt und des Kreises Gießen 1931). In den Endjahren der Weima­rer Repu­blik trat er als entschiedener Anhänger der "Harzburger Front" auf und fungierte, trotz beste­hender partieller Differenzen von DNVP und NSDAP, als Verfechter einer Zusam­menarbeit mit den National­sozialisten.

 

■ In den hessischen Landtagswahlen 1931 verfocht er den "Kampf gegen links und gegen die Mitte" und sah in der Wahl die "Ent­schei­dungssch­lacht zwi­schen rechts und links" (GA 16.6.1931).

 

■ Im Rahmen des Kampfblocks Schwarz‑Weiß‑Rot, eines Zusam­men­schlusses von DNVP und Stahlhelm (Broszat: "eine schwäch­lichere Aus­gabe der natio­nal­soziali­stischen Propa­gan­da", in: Der Staat Hitlers, Mün­chen 1983, S.95), erklärte Zim­mer: "In entsche­idenden nationalen Fragen gingen sie (Deutsch­na­tionale und Stahlhelm ‑ B.W.R.) mit der NSDAP Hand in Hand, in wirt­schaftspo­litischen Fragen seien sie infolge ihrer konservati­ven Ein­stellung anderer Meinung" (Bad Nauheimer Zeitung ‑ Wetterauer Anzei­ger 12.3.1932).

 

■ Bei den hessischen Landtagswahlen im Juni 1932 gingen auch in der Pro­vinz Oberhessen DNVP und NSDAP eine "enge Listen­ver­bindung" ein (GA 20.6.1­932).

■ 1932 sprach sich Zimmer für eine "autoritäre Staats­führung" und die "Her­stel­lung einer neuen Harzburger Front" (Bad Nauheimer Zeitung - Wetterauer Anzeiger 1.11.1932) aus, und, bezogen auf das Kabinett Papen, sagte er: "Eine parlamen­tarisch‑demokratische Regierung dürfe nicht wieder ans Ruder kommen, die Macht des Reichstags müsse zurück­geschraubt wer­den" (GA 4.11.1932).

 

 

VII 1933: "...dem Führer zu folgen..."

 

■ Nach der Machtergreifung schlug sich Zimmer in mehreren öffentlichen Vor­trägen ideologisch auf die Seite der National­soziali­sten.

 

■ Wenige Tage nach der Machtergreifung, am 7. Februar 1933, sprach er zu dem Thema: "Was erwarten wir von der neuen Reichs­regie­rung?" Zimmer sagte u.a.:

         

"Das parlamentarische System müsse liquidiert werden. Dem Mar­xismus in jeder

Form werde man energischen Widerstand entgegen­setzen... Nicht Mehr­heit dürfe

allein das Bestimmende sein. Das Natio­nale stehe im Vordergrund. Das deutsch­

natio­nale Element in der Regie­rung müsse stark und kräftig erhalten bleiben. Man

dürfe nicht in parlamentarisch‑demokra­tische Spielerei­en zurückfallen. Die DNVP

bejahe Volkstum, Bodenver­bundenheit, sie bejahe Groß‑ Deutschtum und Aus­-

lands­deutsch­tum als Selbstver­ständ­lichkeit. Aber die Fesseln der Wirtschaft

müßten fallen. Man wolle in der DNVP sozial, aber nicht sozialistisch sein. Man

fühle sich christlich allen verbunden, bejahe Konfessionen und wolle Ver­söhnung

im christli­chen Sinne. Das sei gleichzeitig kon­servative Auffassung, die in der

Reichsregie­rung durchzudrücken sei. Dafür gelte es zu arbeiten. In der Arbeit an

der deutschen Zukunft müsse das konserva­tive Element mit­bestimmend sein.

Man bejahe auch den Führer­gedanken, müsse verspre­chen, dem Führer zu fol­-

gen, hinter der Regie­rung stehen, auch dann, wenn es einmal hart auf hart gehe."

(Zimmer lt. GA 8.2.1933)

 

■ Nachdem am 1.4.1933 auch in Gießen die jüdischen Geschäfte durch SA-Posten 'boykot­tiert' wurden, trat Zimmer im Stahlhelm­heim auf und erklärte u.a. unverdrossen: in Deutsch­land werde "wieder eine Politik der Selbst­achtung getrie­ben", "Hitler gebühre das Ver­dienst, eine gewaltige Volks­menge für den nationa­len Gedan­ken begeistert zu haben" und: "Neben den Bataillonen der SA und SS müsse der Stahlhelm und der konservative Geist der Deutschnatio­nalen stehen" (GA 4.4.1933).

 

 

VIII Zimmer als lokaler Platzhalter des Alldeutschen Ver­bandes

 

Als Mitglied des Alldeutschen Verbandes begrüßte Zimmer den "Auf­schwung der NSDAP" und reklamierte für den Verband Mit­wir­kungsver­dienste an der "na­tionalen Revo­lution": er habe die "Grund­lagen zu dem heutigen nationalen Aufbau mit geschaffen", "Die jetzige nationale Revolution sei nicht zuletzt auch ein Ver­dienst des Alldeutschen Verbandes" (GA 5.4.1933).

Unter der Versammlungsleitung von Zimmer bekräftigte Reith den Antise­mitis­mus des Verbandes:

"Hierauf beschäftigte er (gemeint ist Reith - B.W.R.) sich mit der Stellung­nahme der Alldeut­schen zur Juden­frage, wobei er in unveränderlicher Fort­setzung der bisherigen Haltung der Alldeut­schen Stellung der Juden unter Fremdenrecht und ihre Ausschal­tung aus der Regie­rung und der Justiz forder­te, da die natür­lichen Interessen des jüdischen Volks­tums immer im Gegen­satz zu den Interessen des deut­schen Volks­körpers stünden. Ferner forderte der Redner scharfes Vorge­hen nicht nur gegen jüdische Warenhäuser, sondern die Warenhäu­ser überhaupt, da der Warenhausgedanke jüdischen Ursprungs sei und als solcher entschie­den abgelehnt werden müsse" (GA 5.4.1989).

Der Alldeutsche Verband gehörte bereits in den frühen 20er Jahren "zu den einflußrei­chen Verbindungen, die sich dem erfolgrei­chen Demago­gen (ge­meint ist Hitler ‑ B.W.R.) jetzt öffneten" (Bra­cher, K., Die deutsche Dikta­tur, 1979, S. 110). In diesem Verband gab es für Süd­osteuropa bereits früh­zei­tig "detaillierte Ver­skla­vungs‑, Vertrei­bungs‑ und Ausrottungspläne" (Mer­ker, R.: Die bildenden Künste im Nationalsozialis­mus, Köln 1983, S.14). Der Emigrant Rudolf Olden schrieb in seinem 1935 erschienen Hitler-Buch:

"Der Alldeutsche Verband konnte sich an Mitgliedszahl mit dem Flotten­verein und der Kolonialgesellschaft, den großen imperia­li­stischen Propa­gandaver­einen, nicht vergleichen. Aber er be­herrschte sie, das war besser. Die Minister liebten ihn nicht. Aber er ter­rorisierte sie. Er hatte keine Wähler und keine Ab­geord­neten, aber er lenkte die großen bürger­lichen Parteien... Class machte ihn völ­kisch. Er setzte es auch durch, daß der Verband seinen an­tisemitischen Charakter schroff hervorkehrte und daß die Juden aus ihm vertrieben wur­den... Hitlers "neue Wel­tanschauung", wir finden sie vertreten in den Beschlüs­sen dieses Ver­bands, in den Aufsätzen ihrer Zeitschrift, der "All­deutschen Blätter", und in Classens viel gelesenen unter Pseudo­nym erschie­nenen Bü­chern... Fassen wir zusammen, was diese alte oder neue Welt­anschauung ist: sie ist der Ausdruck des brutalen Herrschaftswillens einer unnach­giebigen nationalen Her­renklasse" (Olden, a.a.O., S.148).

In einer Parteiengeschichte heißt es über die Politik des All­deutschen Ver­bandes:

"P. Bang bezeichnete es als selbstverständliche Aufgabe des ADV, die hit­lerfaschi­sti­sche »Bewegung auf Bahnen zu halten, die nicht im Marxismus auslaufen«. Gerade deshalb müsse man Hitler als Garanten einer richtigen Linie unterstützen, nicht den National­sozialismus als solchen, sondern diejeni­gen Kräfte bekämpfen, die von der durch Hitler repräsen­tier­ten Richtung abzugleiten droh­ten." (Lexikon zur Parteienges­­chichte, hrsg. von Dieter Fricke und Werner Fritsch, Bd.1, Köln 1983, S.41).

Die Anfänge des Faschismus, so J. Petzold, sind "vornehmlich im Alldeut­schen Verband zu suchen" (Petzold, J. Wegbereiter des deutschen Faschismus. Köln 1958, S.25).

Zimmers Wirken in diesem Verband ist bis 1937 nachweisbar. Er war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der Gießener Ortsgruppe des Alldeut­schen Verban­des. Zu den denkwür­digen Widersprüchen Zimmers gehört, daß er in dieser Zeit einer­seits Ortsgrup­penvorsit­zender eines antise­mitischen Ver­bandes war und sich offenbar gleichzei­tig weigerte, seine jüdi­sche Bürovor­steherin zu entlassen. Dies geht aus einer "Eides­statt­lichen Ver­sicherung" hervor, die der Grünberger Rechtsan­walt Willi R. Koch am 27. April 1989 abgab. Koch begann um 1934 seine Ausbildung als Referendar im Rechtsan­walts­büro Zimmer.

 

 

IX März 1933: Zimmer an der Spitze der "Verei­nig­ten Natio­nalen Rechten"

 

Mit dem "Vorläufigen Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" vom 31. März 1933  wurden gem. § 12 die "gemeindlichen Selbstverwal­tungs­körper" aufgelöst und gleichge­schaltet. Sie sollten nach § 12 (2) neu gebildet werden, jedoch unter Ausschluß der Kom­munistischen Partei, "nach der Zahl der gültigen Stimmen, die bei der Wahl zum Deut­schen Reichstag am 5. März 1933 im Gebiet der Wahlkörperschaft abgege­ben worden sind." So zog denn nach der national­sozialisti­schen Gleich­schaltung des Stadtrats Zimmer an der Spitze der "Ver­einigten Nationalen Rechten" ‑ einem Zu­sammenschluß aus der Kampf­front  "Schwarz‑­Weiß‑Rot" (=DNVP und Stahl­helm), Zen­trum, Deut­scher Volks­partei und Christlich‑Sozialem Volks­dienst ‑ in den Stadtrat (GA 22.4.1933) ein.

In der Eröffnungssitzung des Stadtrates bekundete Zimmer für die "Ver­ei­nig­te Nationale Rechte" den Willen zur Mitarbeit. Die NS‑Fraktion beschloß mit den Stimmen der "Ver­einigten Natio­nalen Rechten", somit auch mit Zimmers Stimme, Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Gießen zu ernennen (GA 27.4.1933, GA 28.4.1933).

Bei der Bildung der Ausschüsse wurde die "Vereinigte Nationale Rech­te" von der Mitwirkung ausgeschlossen. Daraufhin `protestierte` Zimmer in zwei Schreiben (11. Mai 1933, 23. Mai 1933, Stadtarchiv Gießen, Akte 5044) gegen die Ausschaltung der "Ver­einigten Natio­nalen Rechten" bei der Beset­zung der Ausschüsse ‑ und nicht gegen die "Gleich­schaltung" des Stadtrats! Die Deutsch­nationalen und auch Zimmer hatten in vielfacher Hinsicht ge­meinsame Sache gemacht, um den Weimarer Staat zu zerstören ‑ jetzt waren die Deutschnationa­len beim Verteilen der Beute leer ausgegangen. Die Folge war ein verhaltener `Protest`.

Zwei Mitglieder dieser Gruppe (Appel und Goerz) legten ihr Mandat nieder ‑ Zimmer blieb im Stadtrat.

 

 

X "Nationale Revolution" - christlicher Geist - Bekennende Kirche

 

So erweist sich Zimmer, der nicht nur eine Fokusfigur der rechten Szene, son­dern in vielfacher Hinsicht auch ihr lokaler Protago­nist war, und der 14 Jahre gegen die Weimarer Republik gekämpft hatte, in der Spätphase der Weimarer Republik als ein mit dem National­sozia­lismus kooperierender Deutschnationaler, der schließlich auch Hitler und der "nationalen Revolu­tion" zujubel­te. Zimmers ideologisches Vokabular unterscheidet sich kaum von dem des National­sozialis­mus: "Kampf gegen links und gegen die Mitte", Führer­denken, "Ordnung und Sauber­keit", Kampf gegen den Parlamentaris­mus, "autoritäre Staats­führung", "neue Harz­burger Front", "Ertüch­tigung der Jugend", Aus­schaltung des Mar­xismus, Liquidierung des parlamenta­rischen Systems, "Bodenverbundenheit", "Groß­Deutschtum", "Wille zur Tat", "Zucht und Ordnung".

Das alles ging einher im Gewande christlichen Geistes: "Man fühle sich christlich allen verbunden, bejahe Konfessionen und wolle Versöhnung im christlichen Sinne. Das sei gleich­zeitig konser­vative Auffassung" (GA 8.2.1933).

1934 gehörte der Befürworter der "nationalen Revolution" Zimmer dem Kreis­bruderrat Oberhessen/Gießen der Beken­nende Kirche an (vgl. Heyne, K.: Wider­stand in Gießen  und Umgebung 1933 ‑ 1945, in: Mitteilun­gen des OHG Bd. 71, Gießen 1986, S.191). In der häufig mytholo­gisierten Bekennen­den Kirche und auch in dem aus sieben Mitgliedern bestehenden Gießener Bruderrat waren eine Reihe von Verfechtern der "nationa­len Revolu­tion", die "eine Ver­bin­dung von Nationalsozialis­mus und Christen­tum er­strebten" (ebd.): Der Stand­ortpfarrer Aus­feld, der bei den national­soziali­stischen Macht­inszenie­rungen das priesterliche Ritual beisteuerte (GA 22.3.1933); Cordier bejahte die "nationale Revolu­tion" (Stum­mann‑Bovert: Theologi­sche Fakultät, in: 375 Jahre Universi­tät 1607 ‑ 1982. Gießen 1982, S.66); Schlink beteuerte wieder­holt, daß er mit "Ent­schlos­sen­heit und Hingabe hinter dem Führer steht" (Lic. Dr. Schlink, UAG ‑ Theol. H 1, Akte 149).

 

XI Jakob Friedrich Zimmer, der "Pg." Nr. 7653338

 

 

■ Am 15.11.1988 meinte eine Zimmer-Tochter, Beate Hlawica Zimmer, sich für die Zimmer-Nachkom­men in einem Punkt öffentlich erklären zu müssen, der in der Ausstellung gar keine Rolle spielte, nämlich ob Zimmer Mitglied der NDSDAP war oder nicht:

 

"Seine studentischen Auffassungen führten nicht in eine aktive Tätig­keit in         der NSDAP. Er (Zimmer ‑ B.W.R.) war vielmehr nicht Mitglied dieser   Partei" (GA 15.11.1988).

 

Wenig später mußte die andere Tochter, Gaby Rehnelt, in einer mir gewid­meten polemischen Schrift in einem "wichtigen Nachtrag" berichtigen:

"... wurde J.Fr.Zimmer am 1.6.1940 unter der Nr. 7653338 in die Kartei (sic!) der NSDAP aufgenom­men" (Rehnelt, Gaby: Dokumenta­tion über die Arbeits­weise des Gießener Universitätsprofes­sors Dr. Bruno W. Rei­mann. Gießen, April 1989, "wichtiger Nachtrag"). Jakob Friedrich Zimmer hatte den Antrag am 16.11.1939, wenige Wochen nach Kriegsbeginn ge­stellt.

 

Anhang

 

Jakob Friedrich Zimmer und die "Vereinigte Nationale Rechte" oder: Der Mythos vom Widerstand gegen die Gleichschaltung des Stadtrates

 

1989 fand in der Gießener Stadtöffentlichkeit eine kontroverse und erregte Diskus­sion über den deutschnationalen fellow traveller des Hitler-Faschis­mus, Jakob Friedrich Zimmer, statt. Aus diesem Anlaß erschien in dem in der studen­tisch-univer­sitären Szene gerne gelesenen Stadtmagazin "Gieße­ner Magazin Ex­preß" ein gutgemeinter Artikel "Moh­renwäscher? Geschichtsverein und heimi­sche Nazis" (Nr. 13/1989), der in einigen Punk­ten den gezielten Falschdar­stellungen der Zimmer-Nachkommen aufsaß. Bezogen auf eine von der Zimmer-Tochter Gaby Rehnelt verfaßten Broschü­re, die in den Räumen des Oberhessi­schen Geschichts­ver­eins vertrieben wurde, "Doku­mentation über die Arbeits­weise des Gießener Universitäts­professors Dr. Bruno W. Reimann", heißt es: "Daß Zimmer als Vor­sitzender der Vereinigten Nationa­len Rechten im Mai 1933 gegen die Gleich­schaltung protestierte, wird aber in der Broschüre belegt." Solche Darstel­lun­gen kommen vom flüchtigen Lesen von Sachverhalten, die sich nicht ohne weiteres erschließen. Die Aussage liegt auf der Linie der politi­schen Fa­milien-Saga, welche die Nach­kommen Zimmers verbreiten. In diesem Sinne behaup­tete die besagte Gaby Rehnelt: "Im Entschei­dungs­jahr 1933 jedoch verteidigte er (Zimmer ‑ B.W.R.) Rechte und Errun­genschaften dieser Repu­blik gegen die Gleichschal­tung durch die Nazis" (Schrei­ben von Gaby Rehnelt an die Arbeits­gruppe "Soziale und politische Ge­schichte Gießens v. 31.5.1989). Dies wäre - wenn es sich so verhielte - ein gewich­tiges Argument; es würde sich dann um Wider­stand gegen die politische Gleich­schal­tung handeln und als solcher um einen Akt des politischen Wider­stands.

Da eine differenzierte Gegen-Darstellung vom Gießener "Expreß" nicht gedruckt wurde, wird hier kurz auf die Sachlage, die sich nur beim genauen Lesen der Dokumente entschlüsselt, eingegangen.

 

Wenn also der Teufel im Detail steckt, so muß man sich die Mikroges­chichte dieses 'Protestes' genauer an­schauen, denn sie ist sehr aufschluß­reich. Sie belegt eindrucks­voll, wogegen J. Fr. Zimmer in Wirklichkeit protes­tierte.

Eine kurze Bemerkung zur historischen Rolle der Deutschnationa­len Volkspartei (DNVP) muß vorangeschickt werden, denn ihr gehörte der besagte J. Fr. Zimmer seit 1918 an, seit 1931 war er Vorsitzender der DNVP/Provinz Oberhes­se­n. 1929 kam es zu einem Kartell der nationalen Opposition, bestehend aus DNVP (Hugen­berg!), Stahlhelm und NSDAP, das 1931 gemeinsam mit rechtsstehenden Vertretern von Wirtsch­aft und Finanz in der Harzburger Front bekräftigt wurde. Hitler gelang "im Bund mit Hugenberg der große Einbruch in die deutsche Öffentlichkeit." (Bracher, K-D., Die deutsche Diktatur, S.182) Im Januar 1933 war die DNVP am Regierungs­kabinett beteiligt: "Der Durch­bruch vom Januar 1933 erfolgte nicht zuletzt über eine Wiederkehr der Harzbur­ger Front" (ebd., S.208). Auch die DNVP wurde, wie andere Gruppen, die Hitler unterstützt hatten, aber Sonderor­ganisatio­nsrec­hte beanspruch­ten ( wie z.B. die Korporatio­nen), ausgeschal­tet: Hitler hat "zuletzt im Juni 1933 die DNVP vernichtet, nach­dem sie ihre verhängnis­volle Rolle bei der 'Machter­greifung' erfüllt hatte" (ebd., S.183). Es gab in der DNVP neben den antidemok­ratischen und elitären Ver­fechtern eines starken "Zucht- und Ordnungs"-Staa­tes  bei gleichzeitig "freier" Wirtschaft auch Illusioni­sten, Opportuni­sten, rechts­natio­nale Christen und es gab auch warnende Stimmen (vgl. Broszat, M., Der Staat Hitlers, S.85). Das ändert nichts daran, daß diese Partei in den ent­scheidenden Jahren vor 1933 vielfältige Ver­bindungen und Allianzen mit der NSDAP hatte und objektiv die Rolle des Steig­bügel­halters spielte. Auch in der Provinz Ober­hessen waren die DNVP und die NSDAP bei den hessischen Landtagswahlen im Juni 1932  eine "enge Listen­verbindung" eingegan­gen (vgl. GA 20.6.1932), um "mit vereinten Kräften die jetzige Regierung zu stürzen" (Boehm, s. GA 13.6.1932).   

 

Mit dem "Vorläufigen Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" vom 31. März 1933 wurden auch die "gemeindlichen Selbstver­waltungskörper" gleich­ge­schal­tet, d.h. sie wurden aufgelöst, verkleinert, die KPD umgehend ausgeschaltet, die Ver­teilung der Mandate durch eine "Gemeindewahlkommis­sion" (!) auf der Basis der Wahlergebnisse v. 5.3.1933 festge­setzt. Die Parteien, die am 5.3.1933 zur Wahl angetreten waren - mit Ausnahme der KPD -, wurden aufgefordert, "Wahlvor­schläge" einzureichen; Zu­sammen­schlüsse der Parteien waren möglich. In Gießen schlossen sich die Kampf­front Schwarz-Weiß-Rot (d.h. Stahlhelm und DNVP), Zen­trum, Deutsche Volks­partei und Christlich-sozialer Volksdienst zur "Ver­einigten nationalen Rechten" zusammen. An ihrer Spitze stand der Rechts­anwalt Jakob Friedrich Zimmer. Es war ja die politische Idee der DNVP, das es neben der NSDAP nur noch einen "nationalen Kampfblock" geben sollte, der "alle übrigen Kräfte der natio­nalen Front umschließt" (Deutsche Zeitung 7.2.1933).

Gaby, die Tochter, ver­kürzt gerne die Rechts­auslegerp­hase des Vaters auf die Torhei­ten eines "munter­en rechten Studen­ten", der schon bald "ver­nünftig" wurde (so etwa am 27.4.1989 im HR4). Indes: 1933 begegnet uns kein Student, sondern ein Rechts­anwalt und Parteifüh­rer, der ganz genau wußte, was er wollte: mit den National­soziali­sten zusammenarbeiten, mit ihnen die politi­sche und auch andere Beute zu teilen. Die lokale DNVP hatte sich zum Zusammen­schluß mit anderen Parteien und zur Mit­arbeit im gleichge­schalte­ten Stadtrat ent­schlossen, "um die Möglichkeit zu erhalten, in den einzelnen Ausschü­ssen mit­zuarbeiten" (GA 21.4.1933).

Die "Vereinigte nationale Rechte" legte ohne jeden Anflug eines Protestes ihre "Wahl­vorschläge" für den gleichgeschalteten Stadtrat vor (vgl. GA 19. 4. 1933). Sie zog denn am 27.4. 1933 ebenso wie die SPD mit sechs Sitzen in den neuen Gießener Stadtrat ein. Mit ihren und auch mit Zimmers Stimme erhielt, als einem der ersten politischen Akte, Hitler auch in Gießen die Ehren­bürger­schaft; die SPD dagegen enthielt sich der Stimme! Die Reden des NS‑Frak­tionsführers Hahn und des Vorsitzenden der "Vereinigten nationalen Rechten" Zimmer gaben zu erkennen, "daß sie sich in vollstem Ausmaß mit ihren Kräften und denen ihrer Bewegung in opfer­voller Weise dem Dienst für das Gemeinwohl unserer Stadt zu widmen gewillt sind" (GA 27.4.1933). Auch über die Rede Zimmers wurde am 28.4. 1933 ausführlich im Gießener Anzeiger berichtet. 

Als dann die städtischen Aus­schüsse (z.B. Bau-Aus­schuß, Betriebs-Aus­schuß, Finanz-Ausschuß, Rechts-Ausschuß u.a.) besetzt wurden, es also um die Verteilung von Einfluß und Macht ging, ist nicht nur die SPD, sondern auch die "Ver­einigte nationale Rechte", die beileibe etwas anderes erwartet hatte, über­gangen worden (vgl. GA 20.5.1933). In den "Rechts-Ver­waltungs-Ausschuß" wurde der Landgerichtsrat und spätere Ober­staatsan­walt und Univer­sitätsrichter Gustav Knauß 'gewählt' (vgl. GA 20.5.1933), der Vater des ehemaligen Vor­sitzenden des Oberhessischen Geschichtsvereins und ehemaligen Stadtarchivars Prof. Erwin Knauß.

Mit Schreiben vom 11. Mai 1933 legte Zimmer seinen sog. Protest ein: "Die Tagesordnung enthält Anträge, die darauf hinaus­laufen, unsere Gruppe von der Mitarbeit in den Ausschüssen auszu­schal­ten. Die Anträge werden nach Lage der Ver­hältnisse angenom­men werden. Wir müssen es uns versagen, bei unserer Ausschaltung irgendwie mi­tzuwirken und bleiben deshalb der heutigen Stadt­rats­sitzung fern" ( Herv. - B.W.R.).  Bei diesem Protest handelte es sich nicht um einen Protest gegen die politi­sche Gleich­schaltung des Stadt­rates ( diese war ja längst voll­zogen worden!); er richtete sich gegen die Ausschaltung der rechten Gruppe, die im Kartell der nationalen Opposition und in der Harz­bur­ger Front mitausgezogen war, um sich die Weimarer Beute ein­zuver­leiben und die sich jetzt um die Beute geprellt fühlte. In Gießen, wie anders wo, sind rechte Gruppen, die den Nazis ideolog­isch und praktisch-politisch die Stange gehal­ten hatten (wie etwa die Korporationen), politisch ausge­schaltet worden.

Die "Vereinigte nationale Rechte" stellte denn auch die  Entschei­dung, betref­fend der Bildung und Besetzung der Ausschüsse, in Frage und der Rechts­anwalt J.Fr. Zimmer verlegte sich im Namen der Vereinten Rechten aufs formale Finassieren. Die formalen Einsprüche blieben ohne Erfolg.

Die nächste Sitzung des Stadtrates am 7. Juli 1933 markiert die politische Lage. Die Sitze der SPD-Vertreter blieben leer, denn die SPD war mitt­lerweile ver­boten worden. In der Gruppe der "Vereinigten nationalen Rech­ten" hatten der Oberreal­leh­rer Appel (Deutsche Volks­partei) und der Real­schullehrer Goerz ihr Mandat niedergelegt. Wer politisch immer noch mit von der Partie war, war der "Wider­ständler" J. Fr. Zimmer! (vgl. GA 8.7.1933)

 

     [1] vgl. Reimann, Bruno W.; Albach, Angelika; Boumann, Heiko; Fieberg, Ralf; Meinl, Susanne: Antisemitismus und Nationalsozialismus in der Gießener Region. Katalog zur Ausstellung. Gießen 1990; 2. Aufl. 1991 (Materialien zur sozia­len und politischen Geschichte Gießens, Bd.2)