Hitlers Nachhut

So wie es eine Avantgarde, eine Vorhut des Nationalsozialismus gab, so gab und gibt es noch immer das, was ich Hitlers ideologische Nachhut nennen möchte. Der Begriff „Nachhut“ umfaßt - ähnlich wie der Begriff „Avantgarde“ - ein breites Spektrum von politischen Aktivitäten und mentalen Haltungen: von der dezidierten Verleugnung des Geschehenen („Holocaustlüge“) über die vielfältigen Formen des stillschweigenden Ausklammerns oder expliziten Herunterspielens und Marginalisierens bis hin zu abenteuerlichen Umdeutungen im Stile Ernst Noltes und anderer. Alle, die hieran beteiligt sind, wollen das Faktum des Nationalsozialismus und seine vielfältigen Vorgeschichten bagatellisieren und minimalisieren. Offenbar ist der kollektive Narzißmus auch bei Menschen, die keine NS-Sympathisanten sind und ihm fern stehen, größer als der unbestechliche Blick auf die Geschichte. So gibt es ein vielfältig beobachtbares Phänomen, welches vermutlich in der kollektivnarzißtischen Besetzung der eigenen Gruppe, der eigenen Nation gründet, die Untaten zurechtzubiegen und zurechtzuflicken. Auch von Zeitgenossen, die eher sozialkritisch eingestellt sind, hat man schon das defensive Argument gehört, daß auch andere Nationen Verbrechen begangen haben. Die Mehrheit derer, die allerorten ungeplant in Aktion treten und die NS-Geschichte neutralisieren, besteht nicht aus verkappten Nazis oder Nazi-Sympathisanten. Aber hier findet sich ein  Syndrom des kollektiven Narzißmus, das zur Verleugnung, Beschönigung und Relativierung führt. Es geht Hand in Hand mit einem gesteigerten und unreflektierten Verhältnis zur Nation. Hinsichtlich der objektiven Wirkungen dessen, was sie tun, bilden sie eine ideologische „Nachhut“ des Nationalsozialismus. Es handelt sich um eine heterogene Gruppe: Universitäten, die sich nicht entschließen können, eine Selbstaufklärung ihrer Geschichte zu veranlassen; Historiker, die den lokalen Nahbereich in ihren Forschungen chronisch ausklammern; Politiker (aus allen Parteien, die GRÜNEN und DIE LINKE in diesem Punkte ausgenommen), die sich durch ein Netz von Rücksichtnahmen hindurchwinden (wobei der politische Anspruch stets auf der Strecke bleibt); Angehörige der „zweiten Generation“, welche ihre Eltern rechtfertigen (und schönfärben), auch wenn sie Nazis oder NS-Seitengänger waren; lokale Geschichtsvereine, die sich um alles Mögliche kümmern, nur nicht um die NS-Geschichte einer Region. Schließlich und endlich sind die Burschenschaften zu nennen, die stets so auftreten als seien sie die Garanten demokratischer Traditionen.

In den Argumentationen wird häufig heruntergespielt, daß der Nationalsozialismus ein kollektives Projekt war, an dessen Vorbereitung, Durchsetzung und Realisierung sich viele Gruppen und Einzelne auf unterschiedlichste Weise beteiligten. Vielfach macht man alles Mögliche für den Nationalsozialismus verantwortlich, nur nicht die Deutschen selbst. Wird auf das historische Faktum Bezug genommen, dann ist oft die Rede von einem obwaltenden „Schicksal“, das die Deutschen überraschend ereilt habe, quasi wie eine Naturkatastrophe. Oder es wird ontologisierend von den „Schattenseiten“ der Geschichte gesprochen, als seien diese eine Art unabwendbares Fatum. Es wird der Eindruck erweckt, als habe sich „die“ Geschichte selbständig gemacht, sich der Menschen blind und naturwüchsig als ihrer Werkzeuge bedient. Damit wären alle frei von Verantwortung, alle unterschiedslos Opfer „der“ Geschichte. So ist es eben nicht. Der ganze Nazismus war eine von deutschen Menschen aktiv produzierte Geschichte; die Protagonisten und Akteure wußten, was sie wollten und was sie taten, konnten sich auf den überwältigenden Zuspruch vieler funktionaler Eliten und fast der Hälfte der Bevölkerung stützen.