Bruno W. Reimann: "Goethe - Liebesfuror und Liebeswahn" - Inhaltsangabe

 

Über Goethes Liebesleben ist viel geschrieben worden. Die meisten Darstellungen verharren in der bekannten Goethe-Ikonisierung, verklären bewundernd die verschiedenen Amouren und deren Akteure (nicht nur Goethe, sondern auch die Frauen selbst). Im Sommer 1771 sei in Sesenheim "eine der schönsten Liebesgeschichten seit Romeo und Julia zu Ende gegangen" (gemeint ist die Affäre mit Friederike Brion) - so schreibt ein Autor (Siegfried Schütt: Liebe, Liebe, lass mich los). Goethes vielfach vertracktes Verhältnis zur Liebe und zum Sexus kommt gelegentlich peripher zur Sprache, wird aber nicht grundsätzlich aufgegriffen. Zu groß ist der Wunsch, die Diskrepanzen zwischen dem Werk, seinem Humanismus, und der Person und ihren vielfachen Defiziten zu schließen.

 

Goethes Liebesleben ist - je nach Lebensalter - eine Geschichte überschreitender Offensiven (Charlotte Buff), verbaler Obsessionen (Charlotte Stein), selbstproduzierter Dilemmata (Anna Catharina Schönkopf, Lili von Schoenemann), überraschender Rückzüge (Friederike Brion, Marianne von Willemer), schließlich auch einer Mesalliance zu seinem Vorteil (Christiane Vulpius), heimlicher Leidenschaft (Marianne von Willemer) und völlig neben der Realität liegender Vorstöße (Ulrike von Levetzow). Es manifestiert als Gegenbild zum Menschenbild der klassischen Literatur eine "fragmentarischen Persönlichkeit" (Georg Simmel).

 

In dieser Studie ziehe ich literarische Konstruktionen ("Liebesfuror", "amour fou") und psychoanalytische Erklärungsmodelle ("Liebeswahn", "Liebe des Hysterikers") heran, um der Dynamik von Goethes erotischem Verhalten auf die Spur zu kommen. Die Arbeit knüpft damit u.a. an eine ältere Tradition der Goethebetrachtung an, den "pathogra-phischen" Blick auf Goethe, um Goethes vielfach auffälliges "Agieren" sichtbar zu machen und zu erklären. Aus vielen Briefkommunikationen von und über Goethe, auch unter Heranziehung seiner Selbststilsierungen in "Dichtung und Wahrheit", werden Kommunikationsmuster herausgeschält, die Goethe in einer ernüchternden Perspektive erscheinen lassen. Er erscheint nicht als "Olympier", sondern als ein Mensch, der vielfach mit sich im Widerstreit lag. Grund genug, das Verhältnis von Werk und Person mit durchaus verallgemeinernder Perspektive zu überdenken.

 

Es stellt sich die Frage: warum so tief in das private Leben eines Menschen eindringen? Nun ist Goethe nicht einfach nur ein Mensch wie andere, sondern er ist über alle Maßen hinausgehoben worden und hat sich selbst herausgehoben und in seiner Bedeutung inszeniert, ist nicht nur ikonisiert, sondern auch idealisiert worden. Menschlichen Makel sind vielfach getilgt worden. Das rechtfertigt es, einmal genauer hinzusehen und die Züge freizulegen, die Goethe als einen Menschen mit immensen Schwierigkeiten, Widersprüchen, Unzulänglichkeiten zeigen, zumindest was sein kommunikatives Verhalten im Bereich von Liebe und Sexus anbetrifft.