Die Zeit von Prof. Erwin Knauß als Vorsitzender des Oberhessischen Geschichtsver­eins (OHG)  

 

Der Oberhessische Geschichtsverein ist unter seinem ehemaligen Vor­sitzenden Professor Erwin Knauß (1922-2013) zu einem Bollwerk geworden, dessen Funktion es ist, die Aufarbeitung und Konkretisierung der Vorgeschichte und Geschichte des Nazismus in der Region zu verhindern. Zu sehr sind die, die in diesem Verein das Sagen haben, mit den Bürgern und Familien verfilzt, in denen die Wegbereiter, Platzhalter und Statthalter des Nazismus zu suchen sind und /oder  die, wie die Familie des Gießener Rechtsan­walts Jakob Friedrich Zimmer, aber auch die des ehemaligen Hessi­schen Ministerpräsidenten  Albert Osswald, von der „Arisierung“ profitiert haben. Der OHG betreibt die ideologische Entsorgung dieser Geschichte in Form ihrer Nichtthematisierung, ihrer Invibilisierung, ihrer Relativierung. Man greift auch zu den Mitteln der Stigmatisierung und auch Denunzierung, um lä­stige Kritiker mundtot zu machen. Der OHG ist in seinen Inhalten wie seinen Personen ein gegenaufklärerischer Verein. Durch den Nachfolger von Professor Knauß im Amt des OHG-Vorsitzenden, den Universitäts­kanzler Breitbach, einem ebenso konturlosen wie unintellektuellen Büro­kraten, ist auch die Brücke zur Universität geschaffen, so daß nun in e i­ n e m Verein sowohl die Geschichte der Region wie der Universität im Sinne von Verfälschungen und Bagatellisierungen manipuliert werden kann. 

Aus dem OHG sind keine Initiativen, keine Forschungen hinsichtlich der Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte hervorgegangen. Gruhne, ein Mitgänger im OHG, mußte konzedieren, daß mit dem von Professor Reimann aus Anlaß des 375jährigen Jubiläums der Gießener Universität initiierten und von einer studentischen Projektgruppe realisierten Buch „Frontabschnitt Hochschule“ „die schon lange ausstehende Grundlagenarbeit zu den bislang eher vernachlässigten zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 angeschoben wurde.“ (Gruhne 2008, S.268) Es gibt keine vergleich­bare Initiative im Oberhessischen Geschichtsverein!

Obgleich der ehemalige OHG-Vorsitzende Knauß seinerzeit unsere Ausstellung und unser Buch von 1982 emphatisch begrüßte und gegen Kritiker verteidigte, ist sein Verhältnis, vermutlich aufgrund familienge­schichtlicher Erfahrungen, zur NS-Geschichte gebrochen. Für ihn ist die Geschichte ein Insgesamt strukturell wirkender Mächte. Wenn Personen in dieser Geschichte vorkommen, dann dürfen dies keine Personen sein, die in einer Region öffentlich bekannt sind. Das sind seit Knauß die Maximen dieses Vereins, und diese Maxime bestimmt auch den Artikel von Gruhne. Als ich eine zweite Ausstellung zur NS-Geschichte in der Gießener Region gemeinsam mit einer Postgraduate-Gruppe im No­vember 1988 im Alten Schloß aufbaute, tauchte ganz zufällig der OHG-Vorsitzende Knauß auf, betulich interessiert. Bei einer Tafel, die den Asta-Aktivisten und späteren DNVP-Parteiführer Jakob Friedrich Zimmer zeigte, stutzte er. Kurz und gut: Knauß wollte, daß wir diese Tafel nicht in der Ausstellung zeigen, weil er – so Knauß wörtlich – „mit der Familie Zimmer befreundet sei“. So also funktioniert die lokale Faschismus­forschung im Oberhessischen Geschichtsverein. Wir nahmen die Tafeln nicht aus der Ausstellung heraus. Obgleich Knauß noch eine Rede zur Eröffnung der Ausstellung gehalten hatte, blies er in der Folge, unterstützt durch die obstinate Zimmer-Tochter Gaby Rehnelt, eine Nutznießerin der „Arisierung“ ihres Vaters, zum Sturm. Knauß ist, wie alle institutionellen Menschen, feige, er tritt nicht offen auf, er wühlt im Hintergrund. Die einzige Verlautbarung, die der OHG, sprich: Knauß, gegenüber einer Gießener Zeitung machte, las sich folgendermaßen: "Der Verein ist außer­dem der Ansicht, daß der erwähnte "Fall" (gemeint ist die Dar­stellung der rech­tsradikalen Aktivitäten des Jakob Friedrich Zimmer von 1920 bis 1933 - B.W.R.) einen Verstoß gegen das Archivgesetz dar­stellt, weil der Gießener Student keine Person der Zeitge­schichte gewe­sen sei." (GAZ 20.12.1988). Nun wurde in bewußt manipulativer Absicht das Archivgesetz benutzt, um einen mit der Familie Knauß befreundeten Rechtsradikalen und Seitengänger des Nationalsozialismus in seinen ersten beiden Jahren zu schützen. Meine kleine Schrift „Jakob Friedrich Zimmer (1899 - 1979): ein Platzhalter der deutschnationalen Rechten in Gießen und Oberhessen 1918 – 1937“ (Gießen: Institut für Soziologie 1991)  dokumentiert  Zimmers öffentliche politische Aktivitäten von 1918 bis 1937, von seinem Studium bis zu seinem Auftre­ten als hessischer DNVP-Vorsitzender und Vorsitzender des Alldeut­schen Verbandes.  Diese Aktivitäten gipfelten wenige Tage nach der Machtergreifung in dem öffentlichen Ausspruch: „Man bejahe auch den Führer­gedanken, müsse verspre­chen, dem Führer zu fol­gen, hinter der Regie­rung stehen, auch dann, wenn es einmal hart auf hart gehe" (Zimmer lt. GA 8.2.1933).

Es ist nicht davon auszugehen, daß der Gießener Erwin Knauß, zudem „Freund“ der Familie Zimmer, alles dies nicht gewußt hat. Insofern hatte Knauß nicht nur gelogen („keine Person der Zeitgeschichte“), er hat auch seinen Vereinsvorsitz im Oberhessischen Geschichtsverein mißbraucht, um sich schützend vor einen Antisemiten, Rechtsausleger und Wegbereiter des Dritten Reichs zu stellen. Das liegt ganz auf der Linie der Praxis des OHGs und des OHG-Vorsitzenden,  alte Faschisten aus der Region mit ehrenvollen Nachrufen zu bedenken.

Als dann am 15.12.1988 im Gießener Stadtparlament auf Initiative der SPD über die Erstellung eines Katalogs über die Ausstellung diskutiert wurde, hatte Knauß die drei Redner der Alt-Fraktionen SPD, CDU, F.D.P. munitoniert. Als Formel galt nun die Mär vom "rechtsradikalen Studenten" Zimmer, der sich schon vor 1933 gewandelt haben sollte. Knauß hatte also auch, um einen Freund oder Gesinnungsgenossen oder was auch immer zu schützen, die Fraktionsvorsitzenden dieser Parteien systematisch belogen. 

 So hat Knauß z.B. 1971 aus Anlaß des Todes von Carl Walbrach, einem loka­len Exponenten des Nazismus in der Gießener und hessischen Burschenschafterszene, der von 1924 bis 1939 Schrift­führer des OBERHESSISCHEN GESCHICHTS­VEREINS und von 1933 bis 1940 Mither­ausgeber der Mit­teilungen dieses Vereins war, das geschrieben, was man gemeinhin einen "ehrenvollen" Nachruf zu nennen pflegt. Knauß im O-Ton: "Mit seinem Tod hat die Stadt Gießen einen bedeutenden Sohn, die hessische Geschichtsforschung einen hervorragen­den Gelehrten und der Oberhessische Geschichtsverein einen lieben Freund und rüh­rigen Förderer verloren." (GAZ 19.1.1971; zu Walbrach siehe Reimann: Avantgarden des Faschismus, Teil 1, 2007, S.154-159)

 Auch der Studiendirektor Szczech gehörte mit zu dem OHG-Ge­schichtskartell der Sauberhalter. Er schrieb einen Nach­ruf für den am 15.12.1986 in Gießen verstorbenen Karl Fried­rich EULER (vgl. "Mit­teilungen des Oberhes­sischen Geschichts­vereins", Neue Folge, 71. Band, Gießen 1986, S. XIII-XV). In diesem wird mit keinem Wort auf Eulers 'wissenschaft­liche' Aktivitäten im Dritten Reich eingegangen. Statt dessen heißt es da euphemistisch: "Der Zusammen­bruch 1945 beendete auch seine Hochschul­laufbahn". Der Artikel schließt mit der Eloge: "Karl Friedrich Euler hat sich nicht nur um den Oberhessi­schen Geschichtsverein, sondern auch um unsere Stadt und ihr Umland verdient gemacht."  Dazu die  Kontrastinformation: Im Sommer des Jahres 1944 wurde der Gießener Professor für Theologie, Georg BERTRAM, Leiter des "In­stituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben", das "dem Kampf gegen das Judentum dient(e)" (Schreiben von Prof. Bertram, Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben,  vom 21.4.1944 an das Postamt Gießen, Universitätsarchiv Gießen, PrA; vgl. dazu auch Wein­rich, Max: Hitler's Professors. The Part of Scholarships in Germany's Crimes against the Jewish People. New York 1946, S. 67), das bis zu diesem Zeitpunkt der Jenaer Theologie-Professor Walter GRUNDMANN geleitet hatte. Über die Zielsetzun­gen des Institutes, das ursprünglich "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirch­liche Leben" heißen sollte, schrieb Grundmann: "The activities of the Institut tend to develop the scientific conclu­sions from the race and folk conceptions of the National Socialist Weltanschauung for the religious sector of German life. The men united in the Institut, as National Socialists, from the very outset took this stand as opposed to the previous theology and science of religion, which do not accept these conceptions and therefore are barren for the religious future of the German people."(Grundmann, zit in: Weinrich, a.a.O., S. 63). Auch Karl Friedrich EULER (1909-1986), der sich 1935 an der Univer­sität Gießen habilitierte, 1936 Dozent für Theologie (Altes Testament) wurde, nahm an Konferenzen dieses Instituts teil, so etwa an der zweiten Konferenz des Institutes im März 1941 in Eisenach. In der Publikation von Weinrich, dem Direktor des "Yiddish Scientific In­stitute", aus dem Jahr 1946 (!), wird Karl Friedrich Euler als "author of several publications against Jewry" (ebd., S.227) ausgewiesen. Frühzeitig waren also die Amerikaner bestens über die deutschen Verhältnisse informiert. Euler schrieb zusammen mit Walter Grundmann das Buch "Das religiöse Gesicht des Juden­tums, Ent­stehung und Art", das 1942 in Leipzig veröffentlicht wurde. Über das Buch schreibt Weinrich folgendes: "To the same year belongs a book by Professors Grund­mann and Karl Friedrich Euler on "The Religious Face of Judaism", which was prepared explicitly for >>the historical vindication and justifi­cation of Germany in the struggle against Jewry.<< This justifi­cation, as we shall later see, fell in a time when the annihila­tion of the Jewish people was already in full swing." (ebd., S. 66; bei dem Zitat im Zitat handelt es sich ohne Zweifel um ein Zitat aus dem erwähnten Buch, das Weinrich ins Englische übertrug.)  Euler wurde nach Ende des Kriegs, ebenso wie Prof. Bertram, von der Militärregierung aus dem Hochschuldienst entlassen. – Wieder einmal hatte sich der OGH als Institution der ‚Rufwäsche’ für Nazis bewährt!

Man darf sicher sein, daß man noch mehr solcher Beispiele finden wird.