Mechterstädt und die Universität Marburg

Kein Ende des Traumas in Sicht?

 

Bruno W. Reimann

(in: FORUM Wissenschaft, 10.01.1999)

 

Eigentlich hatte dieser Beitrag eine Rezension werden sollen, und zwar des Buches von Peter Krüger und Anne C. Nagel über die Arbeitermorde von Mechterstädt.1 Aber schon der Umstand, daß das Kolloquium, welches in dem Buch dokumentiert wird, von derselben Universität ausgerichtet wurde, aus der die Mörder von Mechterstädt kamen, läßt Vorgeschichte und Hinter­gründe seiner Entstehung ebenso inhaltsvoll werden wie die Texte selbst. So wurde aus einer Rezension ein Diskussionsbeitrag über Bemühungen, diesen Teil der Marburger Universitätsgeschichte zu entsorgen.

 

Die erste demokratische Republik in Deutschland, die Weimarer Republik, befand sich von Anbeginn in einem strukturellen Dilemma. Die neue politi­sche Ordnung stieß in großen Teilen entscheidender gesellschaftlicher Grup­pierungen (Reichswehr, Professorenschaft, Studentenschaft, Rechtsparteien) auf Mentalitäten, Einstellungen und Interessen, die der Idee und dem Modell der Demokratie feindlich gegenüberstanden. Insbesondere in der Reichswehr und in der Studentenschaft gab es Kräfte, die von Anbeginn darauf aus wa­ren, der Demokratie den Garaus zu machen. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch vom 13. März 1920 war die erste Probe aufs Exempel. Hier zeigte sich sehr deut­lich, worunter die Republik von Anfang an litt und was ihr schließlich zum Verhängnis wurde: Aktionen von rechts wurden vom tonangebenden Bür­gertum in Politik, Universität, Justiz vielfach mit nationalem Wohlwollen be­trachtet; dagegen gingen Regierung und Militär mit großer Härte gegen Ak­tionen von links, vor allem gegen aufständische kommunistische Arbeiter, vor. Der Kapp-Lütt-witz- Putsch vom 13. März 1920 scheiterte am General­streik der Arbeiter. Der Hochverrat von Teilen der Reichswehr im Kapp-Putsch brachte allerdings die politische Situation zum Sieden. Er führte im Ruhrgebiet und in einigen Regionen Thüringens, in denen sich Teile der Reichswehr für Kapp erklärt hatten oder undurchsichtig taktierten, zu bewaff­neten Konflikten zwischen linken Arbeitern und Einheiten der Reichswehr, bei denen auf beiden Seiten Blut floß. Diese Konflikte kamen auch dann nicht zur Ruhe, als die Reichswehr überall ihre Loyalität gegenüber der alten, der de­mokratisch gewählten Regierung bekundete. Wie berechtigt das anhaltende Mißtrauen der Arbeiter nicht nur gegen das Militär, sondern gegen das Insti­tutionensystem überhaupt war, zeigt sich daran, daß keiner der hochverräte­rischen Offiziere, die Kapp beisprangen, je verurteilt wurde. Diese Entwick­lungen zeitigten in der Arbeiterschaft eine über den Anlaß hinausgehende Eigendynamik und radikale Fraktionen, die teils der USPD, teils der KPD an­gehörten, sahen die Chance gekommen, die fehlgeschlagene Revolution von 1918 nachzuholen.

 

In dieser Situation ließ die SPD-Reichsregierung (Ebert, Bauer, Noske, Müller u.a.) das Marburger Studentenkorps (StuKoMa), das nur wenige Tage vorher bereitstand, auf Seiten Kapps loszuschlagen, als Zeitfreiwilligen- Verband der Reichswehr rekrutieren und entsandte sie nach Thüringen. Die Brigade Rum­schöttel, samt des 1., ausschließlich aus Marburger Verbindungsstudenten bestehenden Bataillons, rückte zu einem Zeitpunkt nach Thüringen vor, als die gemäßigten Kräfte in der USPD das politische Heft wieder in die Hand bekommen hatten und eine politische Lösung der Konflikte greifbar nahe war. Mit der vielfach übergroßen Härte, mit der Reichswehrtruppen und die ihr an­geschlossenen Zeitfreiwilligen- Verbände gegen die aufständischen Arbeiter vorgingen, sollte - mit Zustimmung und schließlich auch nachträglicher Billi­gung der SPD-Regierung - ein politisches Exempel statuiert werden. In Thal in Thüringen wurden Arbeiter nach Listen, die vor Ort erstellt wurden, plan­mäßig verhaftet; 15 von ihnen wurden ausgewählt, um von einer schwer be­waffneten Begleitmannschaft, die aus Mitgliedern des StuKoMa bestand, nach Gotha verbracht zu werden. Im Morgengrauen des 25. März 1920 wur­den alle 15 Arbeiter auf der Landstraße nach Gotha, nahe bei dem Ort Mechterstädt, von Marburger Zeitfreiwilligen ,,auf der Flucht" erschossen.

 

Fast alle hatten bis zur Unkenntlichkeit zertrümmerte Schädel, die auf Nah­schüsse verwiesen. 14 Studenten wurden angeklagt und in zwei aufsehener­regenden Prozessen freigesprochen. Die Freisprüche erhielten Applaus nicht allein von der Universität und den Bürgern in Marburg, sondern reichsweit von konservativen Gruppen, insbesondere aber von der rechtsstehenden Presse. Die vielfach als ,,Tragödie von Mechterstädt" (Wilhelm Röpke) apo­strophierte Ermordung der 15 gefangengenommenen, unbewaffneten und wehrlosen Arbeiter kann als blutiges Menetekel angesehen werden. Die un­gesühnte Tat rechnet zu den ,,großen Justizskandalen der Weimarer Repu­blik" (Friedrich Facius). Carl v. Ossietzky warnte mit Blick auf die Ereignisse von Mechterstädt und die Reaktionen darauf vor der ,,Balkanisierung Deutschlands".

Schuldigkeit getan?

 

Als in Marburg 1990 - 70 Jahre nach dem ,,massacre at Mechterstädt" (J.J. Weingartner) - die Debatte um die Mechterstädter Morde wieder auflebte, äußerte sich die Marburger Universitätsspitze in der Person des damaligen Präsidenten, Prof. Dr. Dietrich Simon, in einem offenen Brief an die Ge­meinde Thal erstmalig nach 1945 zu diesen Vorgängen.2 Unter Bemühung abgetragener Floskeln und betulicher Versicherungen hieß es da: ,,Die Phil­ipps-Universität gedenkt dieses schrecklichen Geschehens und seiner Opfer mit Trauer und Betroffenheit." Mit Formulierungen wie ,,Das Ereignis des Jah­res 1920 zeigt einmal mehr" schrieb der Uni-Präsident lapidar darüber hinweg, daß die Verbindungsstudentenschaft der Universität Marburg ein - im negativen Sinne - einzigartiges Faktum geschaffen hatte. So fehlte im Brief des Präsidenten jeder Hinweis darauf, daß Verbindungsstudenten die Täter waren. Sätze wie: ,,Was die Geschichtswissenschaft anhand der ihr bisher zur Verfügung stehenden Quellen ermitteln konnte, vermag die Vorfälle in Mechterstädt vor 70 Jahren nicht völlig zu erklären", und: ,,Was immer die intensive Erforschung der Vorgänge an den Tag bringt", sollten den Ein­druck erwecken, die Universität Marburg und ihre Historiker hätten sich inten­siv um die Erforschung der Mechterstädter Ereignisse bemüht. Nonchalant ging der Uni-Präsident über den Skandal hinweg, daß die Universität Marburg und ihre Historiker es in der langen Zeitspanne nach 1945 nicht für nötig gehalten hatten, die Ereignisse und Vorgeschichten der Mechterstädter Morde zu erforschen bzw. erforschen zu lassen. Der Uni-Präsident Simon, von dem bekannt ist, daß er gerne Marburger Verbindungshäuser und Katho­likentage besucht, hielt es auch nicht für angebracht, sich bei den noch le­benden Nachkommen der Ermordeten zu entschuldigen. Unter den Mechterstädter Opfern waren  drei Brüder Karl (* 3.12.1883), Ernst (* 1.12.1888) und Fritz Füldner (* 15.3.1899). Mit dem Sohn von Karl Füldner, dem mittler­weile verstorbenen Alfred Füldner, führte der Verfasser am 29.6.1993 in Ruhla/Thüringen ein Gespräch. Alfred Füldner bedauerte es, daß nie ein Vertreter der Stadt oder der Universität Marburg den Kontakt und das Ge­spräch gesucht habe. Mit ihrem ,,Offenen Brief" meinte die Philipps-Univer­sität jedoch, ihre Schuldigkeit getan zu haben.

 

Als der Verfasser im November 1993 an die Universität Marburg mit der Bitte herantrat, für eine geplante Ausstellung zum Thema Mechterstädt die übli­cherweise für wechselnde Ausstellungen genutzte Vorhalle in der Universi­tätsbibliothek zur Verfügung zu stellen, ging die Universität trotz mehrfacher Nachfragen der Beantwortung der für sie offenbar brenzligen Frage lange aus dem Weg. Die ganze Geschichte eskalierte in der Folgezeit zum offenen und öffentlichen Konflikt.3 Schließlich wies der damalige Uni-Präsident Simon die Bitte ab und erklärte in einer unangemessenen hoheitlichen Manier: ,,Inzwischen haben wir uns aber ausreichend sachkundig machen können, um zu beurteilen, daß wir dieses für die Philipps-Universität wichtige Thema in jedem Falle der Bearbeitung der Wissenschaftler unserer Universität über­lassen wollen. Wie Sie wissen, gibt es hierzu seit längerem gezielte Vorar­beiten".4

 

Das ist der Hintergrund, auf dem im Jahre 1995 ein Kolloquium stattfand, das sich 1997 in der Buchveröffentlichung ,,Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik" niederschlug. Die Uni­versitätsspitze hatte ihren Neuhistoriker Prof. Peter Krüger gebeten, sich der Mechterstädt-Geschichte anzunehmen. Dieser hat lediglich einen Publikati­onsprozeß koordiniert, er selbst hat weder vor noch nach 1990 über Mechter­städt geforscht. Überhaupt hat bislang kein Marburger Geschichtsprofessor zu diesem mit der Universität Marburg so dramatisch verknüpftem Thema gearbeitet. Krügers Beitrag zu dem Ganzen ist denn auch schmal: ein Vor­wort und eine Einleitung von fünf Seiten. Er hatte aber einen Mitarbeiter der Marburger Geschichtswerkstätte samt des von diesem recherchierten Materi­als sozusagen "eingekauft", der nun die Hauptarbeit über Mechterstädt be­sorgte. Gleichwohl erklärte Krüger im Vorwort, mit dem Buch sei ,,das Thema keineswegs erschöpfend behandelt", aber Kolloquium wie Buch sollten dazu beitragen, dem ,,Trauma ein Ende zu bereiten helfen", das der Marburger Historiker Hellmuth Seier als Folge des ,,Meinungsstreits um Mechterstädt" in der Weimarer Zeit diagnostiziert hatte. Auch Krüger mußte in seinem Vorwort konstatieren: ,,Mechterstädt war für lange Zeit aus der Erinnerung gestri­chen." Er sagte aber nicht, wer dafür in erster Linie verantwortlich war, näm­lich die Universität Marburg und ihre Historiker, die sich gründlich an Mech­terstädt desinteressierten. Dagegen gab es in der DDR - neben vielfach ideologisch Überfrachtetem - durchaus ernstzunehmende Beiträge zu Mech­terstädt.

 

Ging der Historiker Krüger in einem Schreiben unter Kollegen5 5 davon aus, daß kaum mehr Zweifel bestehen, ,,daß es sich bei der Erschießung der fünfzehn Arbeiter um Mord gehandelt hat", so spricht er als Herausgeber des Buches zurückhaltend und neutralisierend von ,,Erschießung". Mord oder nicht ist jedoch eine der zentralen Fragen der Mechterstädter Geschehnisse, die heute beantwortet werden kann und muß. Obgleich die Universität Mar­burg Mittel für Kolloquium wie Buchveröffentlichung bereitstellte, sucht man vergeblich ein Vorwort, sei es des früheren Universitätspräsidenten Prof. Si­mon, sei es des gegenwärtigen, Prof. Werner Schaal! Mit Sicherheit kann man aber davon ausgehen, daß für die Philipps-Universität Marburg das Thema "Mechterstädt" nunmehr endgültig erledigt ist.

 

Verkürzte Darstellung

 

Der Beitrag von Michael Lemling ,,Das "Studentenkorps Marburg" und die "Tragödie von Mechterstädt"" wie auch der von ihm zusammengestellte Do­kumententeil bilden die Achse des Buches; ohne sie wäre das ganze Unter­fangen nicht tragfähig gewesen. Lemling hatte die Thematik im Rahmen der ,,Marburger Geschichtswerkstatt" aufgerollt. Er veranstaltete 1990 eine histo­rische Exkursion nach Thal und Mechterstädt und schrieb einen bemerkens­werten Aufsatz ,,Unsere Anatomie braucht Leichen. Zur Geschichte des "Studentenkorps Marburg"".6 Die Marburger Geschichtswerkstätte ist, wie andere Unternehmungen dieser Art, im Zuge der Geschichtsschreibung von unten entstanden und verstand sich als "Gegen-Institution" zu der universitä­ren Geschichtsschreibung, die - wie beim Historikertag 1998 in Frankfurt wie­der vielfach bestätigt wurde - viele Themen der NS-Zeit und ihre Verankerung in langen Vorgeschichten schlicht ausklammerte oder apologetisch eineb­nete. Lemling hatte, für viele MarburgerInnen durchaus überraschend, sich und sein Material Prof. Krüger im Rahmen eines Werkvertrags zur Verfügung gestellt.

 

Lemlings Beitrag wie auch der von ihm zusammengestellte Dokumententeil stützen sich ausschließlich auf Quellen aus dem Staatsarchiv Marburg und dem Bundesarchiv Koblenz. In Koblenz befinden sich die Akten des Rechts­anwaltes Walter Luetgebrune, der die angeklagten Studenten verteidigte und aufgrund des "Erfolgs" seiner Verteidigung zum "Starverteidiger" der Rechten avancierte. Akten aus den Archiven in Eisenach, Gotha, Weimar, Ruhla, Thal, Berlin und Freiburg hat Lemling nicht herange zogen. Er verkürzt damit die Mechterstädter Geschehnisse um wichtige Dimensionen. Lemlings eher hi­storiographisch gehaltener Beitrag beschreibt ausführlich, mit vielen interes­santen Detailinformationen, die politische Entwicklung der Marburger Stu­dentenschaft von der Novemberrevolution bis zum Kapp-Putsch, insbeson­dere die Gründung des StuKoMa und seine politischen und paramilitärischen Machenschaften. Anders als Weichlein, der in dem Band zu demselben Thema schreibt, stellt Lemling die politischen Hintergründe und Verflechtun­gen des StuKoMa mit anderen Rechtsszenen heraus. Die Studentenschaft in Marburg stand, wie vielerorts, der neuen Regierung feindlich gegenüber, ließ sich aber auf Formen der taktischen Zusammenarbeit ein, die vielfach sehr zum Schaden der SPD-Regierung ausschlugen. Frappierend bleibt dabei die Tatsache, daß das StuKoMa, das Marburg für Kapp besetzen wollte, wenig später zum Schutz der Republik eingesetzt wurde. Lemling bestätigt auch den politischen Hintersinn des militärischen Einsatzes des StuKoMa: obgleich die ,,Reichsregierung die studentischen Zeitfreiwilligen-Formationen mittler­weile als unzuverlässig einstufte, griff sie auf sie zurück, wenn es galt, links­revolutionäre Unruhen zu unterdrücken." Im Hinblick auf die beiden Prozesse deckt Lemling Unzulänglichkeiten, Widersprüchlichkeiten der Prozeßführung und schließlich die Parteilichkeit des Gerichts selbst auf. Er hat Dokumente ausgegraben, die am Komplottieren von Verteidigung und Anklage keinen Zweifel mehr lassen. So etwa belegt ein Briefwechsel zwischen dem Anklä­ger Staatsanwalt Sauer und dem Verteidiger der Studenten, Luetgebrune, in welcher Weise in einem der Prozesse Strategien und Argumente abgespro­chen wurden.

 

Aufgrund seines eingeschränkten Quellenstudiums kommt Lemling nur zu einem Teilbild des Geschehens. Die politischen und militärischen Vorgänge in Thüringen werden anhand von sparsamen Informationen aus der Sekun­därliteratur nur flüchtig gestreift. Auf diese Weise erschließen sich weder die politischen Konflikte in Thüringen noch überhaupt das politische und soziale Gesamtgefüge, dessen mikrohistorisches und mikropolitisches Abbild die im Zusammenhang mit Mechterstädt stehenden Ereignisse sind. Nur die Rekon­struktion dieses Gesamtgefüges kann den exemplarischen Charakter dessen, was 1920 in Thüringen geschah, sichtbar machen. Der Beitrag des Emeritus für Rechtsgeschichte Bernhard Diestelkamp, ,,Justiz in der Weimarer Repu­blik" geht in sehr allgemeiner Manier vor allem den rechtsgeschichtlichen Wurzeln der Weimarer Justiz nach. Auf eine knappe, am Forschungsstand orientierte Bilanz zur Justiz der Weimarer Republik, vor allem ihres latent und oft genug auch manifest politischen Charakters, wartet man vergebens. Die massive politische Schlagseite der Weimarer Justiz wird in der Formel ,,konservativ-autoritär" eher verhüllt als enthüllt.

 

Eigentümliche Komplizenschaft

 

Siegfried Weichlein analysiert in seinem Aufsatz ,,Studenten und Politik in Marburg" die politische Atmosphäre und das politische Treiben in der Mar­burger Studentenschaft unter Stichworten wie Homogenisierung, Politisie­rung, Radikalisierung, Militarisierung. So gelungen die materialreiche mikro­politische Analyse auch ist, sie bleibt zu immanent; sie schneidet die Stu­denten aus ihren sozialen und politischen Milieus heraus, als seien diese vom Himmel gefallen. Kein Wort über das bürgerliche Herkunfts- und reaktionäre Universitätsmilieu, dessen sozialisatorische Produkte die Studenten in alle­rerster Linie waren. Kein Wort auch über die Verflechtung des studentischen Rechtsmilieus mit protofaschistischen Organisationen wie der ,,Organisation Consul" oder ,,Organisation Escherich" und auch darüber, daß das StuKoMa geschlossen in den Jungdeutschen Orden überführt wurde. Schließlich kann man nicht über den militärischen Einsatz des StuKoMa sprechen, ohne auf die eigentümliche Komplizenschaft der SPD-Regierung unter Friedrich Ebert mit den Zeitfreiwilligen-Verbänden einzugehen. Berlin war mehrere Male von dem republikanischen Studenten Ernst Lemmer über die reaktionären Mar­burger Umtriebe, z.B. über Waffensammlungen in den Verbindungshäusern informiert worden. Aber wenn es darum ging, gegen die links von der SPD stehende Arbeiteropposition vorzugehen, waren sich SPD und rechte Kom­mandos einig. In diesen Zusammenhang gehört auch das 1985 von Erhard Lucas-Busemann mitgeteilte Faktum, über das nachgedacht werden muß: Am 25. März 1920, also am Tag der Mechterstädter Morde, unterzeichnete der Reichspräsident Ebert eine Verordnung, in der es heißt: ,,Ich bestätige die von General v. Stolzmann erlassene Verordnung, betreffend die zur Wie­derherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung für das Gebiet der Reichswehrbrigade 11 nötigen weiteren Maßnahmen, mit rückwirkender Kraft vom Zeitpunkt ihrer Verkündigung an." V. Stolzmann, der die Brigade 11 be­fehligte, in der das StuKoMa militärisch eingegliedert wurde, hatte am 13. März, also am Tage des Putsches und noch b e v o r er sich erklärte, auf welcher Seite er stehe - das geschah erst am 14. März 1920 -, eine martiali­sche Ordnung erlassen, die den ,,verschärften" Ausnahmezustand erklärte und die ausschließlich gegen die Linke gerichtet war. Sie verbot den ,,Druck und Vertrieb kommunistischer, spartakistischer und SPD-Zeitungen, Schrif­ten, Handzettel, sowie jede Aufreizung der Bevölkerung, Aufforderung zu Gewalttaten und Streiks in Zeitungen, Flugschriften, Handzettel usw." Die Verordnung konnte durchaus als prokappistisch verstanden werden. Eberts Bestätigung gab den militärischen Einsätzen in Thüringen die legale Rücken­deckung. Ohne die Herstellung solcher politischen Kontexte ist das, was in Mechterstädt geschah, nicht zu begreifen. Der Beitrag von Weichlein stellt solche Zusammenhänge nicht her; die politische Dimension des Geschehens bleibt völlig ausgespart.

 

Aufgrund der prätentiösen Ankündigung des Universitätspräsidenten Simon, das ,,wichtige Thema (gemeint ist das Thema Mechterstädt - B.W.R.) in je­dem Falle der Bearbeitung der Wissenschaftler unserer Universität überlas­sen (zu) wollen", hätte man eine gründlichere und erschöpfendere Rekon­struktion erwarten dürfen. Das Ergebnis ist, insbesondere angesichts der Tatsache, daß Lemlings Beitrag nicht genuin aus der Universität stammt und insofern auch nicht auf ihre Pflichtschuld angerechnet werden kann, ausge­sprochen mager und unbefriedigend.

 

Unbefriedigende Analysen

 

Die in dem Buch vorgelegten Analysen greifen in wenigstens fünf Dimensio­nen, an deren Bearbeitung sich jede Analyse zu Mechterstädt messen lassen muß, zu kurz:

 

1. Die Mechterstädter Ereignisse sind im Spannungs- und Schnittfeld einer Reihe von konflikthaften sozialen und politischen Gegebenheiten zu begrei­fen. Der Kapp-Putsch als Gegenrevolution zu den demokratischen Errungen­schaften von 1918 ist zwar der Ausgangspunkt der Ereignisse, aber er ist der Ausdruck eines tiefer liegenden Spannungsgefüges. In ihm konfrontieren sich die Kräfte des alten und neuen Zeitalters: auf der einen Seite die Gegner der neuen politischen Ordnung, große Teile der Reichswehr, Bürger und Mitglie­der der Universität, studentische Aktivisten; auf der anderen Seite die Arbei­terschaft mit ihren unterschiedlichen politischen Flügeln, die mit neuem Selbstbewußtsein die politische Bühne betritt. Was theoretisch, etwa von Marx, längst prognostiziert war, tritt jetzt politisch unabweisbar in Erschei­nung. So konstatierte der junge Marburger Student Gustav Heinemann, der als Zeitzeuge der Marburger Szene und der Mechterstädter Ereignisse ebenso wie Ernst Lemmer und Henning Duderstadt entscheidendes zur Auf­klärung der Vorgänge beigetragen hat: ,,die Arbeiterschaft, die Masse ist endgültig mitbestimmend, vielleicht gar ausschlaggebend in die Geschichte eingetreten." Auch antisozialistisch gesonnene Zeitgenossen, wie z.B. Ernst Jünger, diagnostizierten dies als eine der entscheidenden Veränderungen in der Konstellation der sozialen und politischen Kräfte der Weimarer Zeit. Das neue Selbstbewußtsein der Arbeiter und Arbeiteropposition führte zum ver­schärften Austrag der sozialen und politischen Konflikte. Vor allem der Gene­ralstreik der Arbeiterschaft, an dem der Kapp-Putsch gescheitert war, hatte einen enormen Schub in der Bildung des politischen Bewußtseins in der Ar­beiterschaft bewirkt. Zum Hintergrund der Mechterstädter Ereignisse gehören daher eine Reihe sozialer und politischer Konfliktkonstellationen zwischen Mehrheitssozialisten einerseits und Minderheitssozialisten, Kommunisten an­dererseits; zwischen linken Arbeitern und rechten Studenten sowie rechten Teilen der Reichswehr, schließlich zwischen dem nach rechts tendierenden Bürgertum und der sozialistischen bzw. kommunistischen Arbeiterschaft. Die im Kaiserreich repressiv unterdrückten und stillgesetzten politischen Konflikte entwickelten sich nun explosionsartig.

 

2. Die tiefen politischen Gräben zwischen Mehrheitssozialisten und Minder­heitssozialisten/ Kommunisten führten auf der Reichsebene zu eigentümli­chen temporären Allianzen von Mehrheitssozialisten und rechten paramilitärischen Kadern. Die SPD-Regierung zögerte nicht, sich dieser Or­ganisationen zu bedienen, wenn es darum ging, gegen die Opposition von links mit den Mitteln der militärischen Gewalt vorzugehen. Auch dies ist eine der Lehren von Mechterstädt. Diese Linie setzte sich vielerorts fort, z.B. im "Blutmai" von 1929.

 

3. Zu bedenken ist die folgenreiche Unterstützung der rechten Studenten­kommandos durch Bürgertum und Universitätsrepräsentanten. So stellte sich der Verband der Deutschen Hochschulen noch vor aller justitieller Verhand­lung der Mechterstädter Erschießungen demonstrativ vor das StuKoMa. In einem Rundschreiben vom 15.April 1920 fragte er bei den einzelnen Hoch­schulen an, ob ,,die Beobachtung gemacht ist, daß man die akademischen Zeitfreiwilligen verunglimpft und zu verdächtigen sucht. Gegen systematische derartige Bestrebungen würde vom Vorstand des Verbandes der Deutschen Hochschulen energisch Stellung genommen."

Das StuKoMa als eine paramilitärische Einheit der Gegenrevolution steht nicht für sich selbst, sondern ist Teil eines sozialen Ensembles. Der Frei­spruch der angeklagten Studenten und seine reichsweite positive Resonanz bei Konservativen und Rechten stärkte den antirepublikanischen und antiso­zialistischen Kräften in der Studentenschaft enorm den Rücken und wirkte als symbolische Initiation. Dies war die Geburtsstunde eines militanten studenti­schen Männerbundes, dessen Kombattanten man ab 1926 in den "volkspoli­tischen" Organisationen, dann als Gründer und Mitglieder des Nationalsozia­listischen Deutschen Studentenbundes, schließlich auch in der SA findet. Dieser studentische Männerbund war der ideologische Vor- und Stoßtrupp des Nationalsozialismus auf den Universitäten. In diesen Bünden wurden die Kader und Eliten geschmiedet, auf die der Nationalsozialismus nach seiner Machtergreifung zurückgreifen konnte.

 

4. Obgleich viele Fakten zu den Mechterstädter Morden bekannt sind, ist die Dimension lokaler politischer Konstellationen und Konflikte - abgesehen von einigen informativen DDR-Veröffentlichungen, die oft aber wissenschaftlichen Standards nicht standhalten - noch wenig ausgeleuchtet. Kolloquium wie Buch liefern auch hierzu keinen Beitrag.

5. Zu Mechterstädt gab es nicht nur Applaus und Beschwichtigung seitens des politischen und akademischen "Establishments", sondern auch massive Kritik vieler prominenter Intel­lektueller. Man denke hier z.B. an die Zeichnung von Georg Grosz, die er mit dem Spruch versah: ,,Marburg, o Marburg, du wunderschöne Stadt, darinnen mancher Mörder gute Freunde hat". Die vielfältigen Reaktionen in der Arbei­terpresse, in Parlamenten (Nationalversammlung, Reichstag, Landesver­sammlungen in Thüringen, Preußische Landesversammlung), und Publika­tionen zeigen, wie sehr dieser Skandal die Republik erschütterte. Auch wenn schließlich eine Fast-Mehrheit der Deutschen für den Nationalsozialismus und Hitler optierte, zeigen die jahrelangen Kontroversen um Mechterstädt, daß es auch ein anderes Deutschland gab. Diese aufschlußreiche Rezepti­onsgeschichte von Mechterstädt greift das Buch, von wenigen Beispielen ab­gesehen, nicht auf.

 

1 Peter Krüger - Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Münster: LIT Verlag 1997

2 vgl. dazu Marburger Universitätszeitung 26. April 1990, S.4

3 vgl. Uni-Präsident kanzelt Professor ab, Oberhessische Presse (OP), 21.5.1994; Studenten gegen Arbeiter. Vorgeschichte von Mechterstädt, ebd.; Wer ist geeignet, dunkles Mord-Kapitel aufzuhellen? Streit um die Aufarbei­tung der Uni-Geschichte; ebd.; Dokumentation des Briefwechsels von Prof. Reimann und Uni-Präsident Simon, ebd; Leserbrief Prof. Reimann, OP 24.6.1994; Studenten fühlen sich als ,,Schmißpöbel" beleidigt. Marburger Verbindung weist die Angriffe eines Professors zurück, OP 13.8.1994

4 vgl. dazu OP 21.4.1994

5 Schreiben von Prof. Krüger an Prof. Reimann v. vom 19.5.1993

6 Geschichtswerkstatt Marburg e.V., Forschung für Regional- und Alltagsge­schichte, 1990