Bruno W. Reimann: Das "Busen-Attentat" auf Adorno: Oder: Agonie und Ende der studentischen Protestbewegung

 

Am 22. April 1969 kam es in der Frankfurter Universität zu ei­nem „emblematischen Akt“ (Gerd Koenen). Adornos Vorlesung wurde von drei halb entblößten Studentinnen gestört. Der SPIEGEL beschrieb den Vorgang folgendermaßen“ „Nachdem Flugblätter ‚Adorno als Institution ist tot’ im Saal verteilt worden waren, kreisten drei blumenschwenkende Genossinnen der ‚Basisgruppe Soziologie’ den Philosophen auf dem Podium ein und bemühten sich, ihn durch Küsse, entblößte Busen und ero­tische Pantomimen zu verwirren. Adorno … erwehrte sich der Mädchen mit seiner Aktentasche und verließ den Hörsaal. Vor­lesung und Hauptseminar sagte er ‚bis auf weiteres’ ab.“ (SPIEGEL 18/1969) An der Tafel des Vorlesungsraumes war zu lesen: „Wer nur den lieben Adorno läßt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten.“

 

Die Aktion war sorgfältig geplant worden. Im Hörsaal stand Ba­ron Freiherr Alfred von Meysenbug (geb. 1940)  mit einer Ka­mera bereit, den Vorgang festzuhalten. Die Fotos wurden denn auch prompt an den SPIEGEL verkauft, der in seiner Sparte „Personalia“ ein Foto von dem aufgeregt mit sei­ner Aktentasche fuchtelnden Adorno zeigte. Allein diese pu­blizistische Dimension macht deutlich, daß die Aktion von vorn­herein darauf angelegt war, den Philosophen bundesweit zum Gespött zu machen. Für v. Meysenbug ist das Ganze auch heute noch „völlig unbedeutend, ein läppisches Ereignis“. Diese Arroganz läßt sich kaum überbieten.

 

 

Ein großer Philosoph war von seinen eigenen Studenten gewissermaßen aus der Universität vertrieben worden. Das Ganze wiegt schwer, weil es einen Emigranten traf, der nach 1933 aus Deutschland fliehen mußte. Jemand lächerlich zu machen, ist eine negative Sanktion, um einen Abweichler auf Kurs zu bringen oder ihn zu bestrafen. Es ist mit eine der härtesten und einschneidendsten Sanktionen überhaupt, weil sie dem anderen überhaupt keine Möglichkeit gibt, sich in irgendeiner Art zu wehren. Sie macht ihn hilflos und das ist wohl auch der Sinn, den anderen widerstandslos fertig zu machen. Die Studenten haben um diesen Mechanismus gewußt und ihn in diesem Wissen auch eingesetzt. Jahre später, 1977,  nach der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback (1920-1977), hat ein Göttinger Student, der sich „Mescalero“ nannte, ein ziemlich verwildertes Pamphlet verfaßt: „Buback – ein  Nachruf“. In diesem heißt es: „Warum liquidieren? Lächerlichkeit kann auch töten, zum Beispiel, auf lange Sicht und Dauer.“

 

Die inkriminierte Flugschrift wurde im Jahre ihrer Entstehung von 50 Professoren erneut herausgegeben, damit, wie es hieß, „jeder  selbst entscheiden (kann), was davon zu halten ist.“ Auch Claus Offe, der von 1965 bis 1969 als Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt arbeitete und bei Jürgen Habermas promovierte, gehörte seinerzeit zu den beflissenen Mitherausgebern der Buback-Flugschrift. Zu Adorno hat er seinerzeit geschwiegen und auch jetzt schweigt er!

 

Zu den Geschmacklosigkeiten dieser Art von intellektueller Szene gehört auch ein Gedicht von Robert Gernhardt, der zu  einer Art Ikone der linksintellektuellen Demi-Monde geworden ist:

 

"Ach was muß man oft von bösen

Mädchen hören oder lesen!

So zum Beispiel hier von diesen,

welch Pat und Doris hießen.

Die, anstatt durch weise Lehren

Sich zum Guten zu bekehren,

oftmals noch darüber lachten

und sich heimlich lustig machten…

Eben strebt in sanfter Ruh
Adorno seinem Hörsaal zu,
Und mit Buch und Lesungsheften
Zu gewohnten Denkgeschäften
lenkt er freudig seine Schritte
In der jungen Menschen Mitte,
Und voll Dankbarkeit sodann
Schaut er Pat und Doris an,
Die, wie ihm zu applaudieren,
Vollreif seinen Weg spalieren.
"Ach!" denkt er, "die größte Freud
Ist doch die Begrifflichkeit!"

Rums! Da ziehn die beiden los,
Und vier Brüste schrecklich groß,
Jäh befreit von allen Stoffen,
Herrlich bloß und gänzlich offen,
Nackig, unbeschreiblich weiblich.

[...]
Lockend, drängend, wogend prangend
Einen ganzen Mann verlangend,
Ragend, dräuend, drohend, schwellend,
Allen Geist in Frage stellend,
Recken sich dem Prof. entgegen,
Welcher stumm erst, dann verlegen,
Dann erschreckt das Weite sucht.“


"Fest steht nur:
's kann auch der größte
Denker nicht in Frieden leben,
Wenn Mädchen ihre Hemdchen heben."

 

All das geschah vor langer Zeit

doch ist es nicht Vergangenheit
Das Busen-Attentat gab zwar
Dem Prof den Rest - : Im gleichen Jahr
Verstarb der Philosoph, jedoch
Pat und Doris gibt es noch.

Die eine forscht, die andere lehrt.

Und beide sind gottlob bekehrt

Von den Ideen ihrer Jugend:

Heute decken Halter, Stoff und Tugend

Verläßlich, was den Prof einst schreckte

Als es ihm blank entgegenbleckte …


"Mit der Zeit wird alles heil
Nur der Teddie hat sein Teil."

 

In  einem Text, den die Uni-Pressestelle der Universität Augsburg aus Anlaß des 100. Geburtstags von Adorno veröffentlichte, wird das Machwerk von Gernhardt als „Meisterwerk parodistischer Kunst“ gefeiert. Die Geschmacklosigkeiten reißen nicht ab!

 

Die Berliner Vorgänge

 

Dem Busen-Attentat auf Adorno war eine Serie von Demütigungen vorausgegangen, die der Philosoph über sich ergehen lassen mußte. In Berlin hatten 1967 Fritz Teufel und Rainer Langhans in einem Flugblatt zur Kaufhausbrandstiftung aufgerufen („Holt euch das knisternde Vietnam-Gefühl, das wir auch hier nicht missen wollen.“)  Adorno hatte es abgelehnt, ein Gutachten über das satirisch gemeinte Flugblatt von Teufel und Langhans zu  verfassen. Als er wenig später auf Einladung des Germanistischen Seminars der FU Berlin einen Vortrag über Goethes „Iphigenie“ halten sollte, kam es zu tumultuösen Reaktionen. Adorno hatte es abgelehnt hatte, anstelle des Vortrags einer politische Diskussion Raum zu geben. Ein Spruchband wurde ausgerollt: „Ifigenisten aller Länder vereinigt euch!“ Auf einem anderen war zu lesen: „Berlins linke Faschisten grüßen Teddy den Klassizisten.“ Der Berliner SDS empfahl In einem Flugblatt: „Wir überlassen Adorno einer einsamen Ekstase an seinem Text“. Ein Flugblatt der KOMMUNE II überschritt definitiv die Grenze. Unter der Überschrift „Der große Zampano der deutschen Wissenschaft kommt!“ hieß es da: „Wir lauschen nur noch den Worten des großen Vorsitzenden Mao, den Parolen der Revolution… Was soll uns der alte Adorno und seine Theorie, die uns anwidert, weil sie nicht sagt, wie wir diese Scheiß-Uni am besten anzünden und einige Amerika-Häuser dazu … Und wir, was machen wir mit dem feisten Adorno? Er soll alleine quatschen vor leerem Saal, soll sich zu Tode adornieren.“ (in Szondi 1973, S.56)

 

Solche Provokationen könnte man als pubertär-neurotisch betrachten, aber dies würde die kalkulierten Strategien der Verletzung verharmlosen. Sie müssen als das begriffen werden, was in solchen Bewegungen gleich welcher Provenienz stets aufgeschwemmt wird, nämlich als menschenverletzenden Psychoterror, der jeden Andersdenkenden trifft. Zu all dem Unbedenklichen, das sich hier Bahn bricht, gehört auch, daß sich viele Studenten und Studentengruppen unter die Fahne Mao stellten, von dem seit den frühen 60er Jahren jeder wissen konnte, daß es sich  um einen der drei größten Massenmörder des Jahrhunderts. Mit scharfem Blick hat der  Historiker Götz Aly, der sich selbst als einen Linken beschriebt, die  68er ins Visier genommen. Er begreift sie  als „Kinder der Nazis“, die nur das ideologische Vorzeichen gewechselt hätten, aber dieselbe Gewaltbereitschaft und Intoleranz wie ihre Nazi-Väter und -Großväter an den Tag legten.

 

Dem Bericht des SPIEGEL zufolge trat Adorno zwei Tage später einen „Canossa-Gang“ in den Republikanischen Club, das „Hauptquartier der Rebellen“ an. „Eingeweihte wissen, daß er dort den Studenten recht gab und dafür die Absolution erhielt.“ (DER SPIEGEL 30/1967)

#Widerspruch, Adorno Entwurf eines Leserbriefs ans den SPIEGEL (aus Adorno-Archiv einfügen)

 

 

Das „Busenattentat“

 

Über das „Busen-Attentat“ gibt es eine Reihe von Zeitungsberichten, also Schilderungen aus zweiter Hand, aber sehr wenige direkte Berichte von Augen- und Zeitzeugen. Es ist aufschlußreich und auch erschreckend, daß seinerzeit keiner der Mitstreiter, keiner der Schüler der Kritischen Theorie, keiner der Assistenten am Philosophischen Seminar, aber auch kein Kollege aus der Universität, im öffentlichen Raum die Stimme erhob gegen diese Art des Umgangs mit einem weltbekannten Philosophen. Offenbar waren sie zu feige, der wildgewordenen linken Meute entgegenzutreten, weil sie ahnten, was ihnen dann blühen würde! Alle haben geschwiegen und sie schweigen, auf den Vorgang angesprochen, immer noch: u. a. Hermann Schweppenhäuser, Alfred Schmidt, Oskar Negt,  Claus Offe, Jürgen Ritsert u.a.

 

Über die Haltung der SDS-Studenten schreibt einer, der die Debatten im SDS am Rande miterlebt hatte“: „Vom Anfang dieser Vorlesung an bis nach Adornos (August 1969) standen mehrere SDS-Genossen den Aktionen in Adorno-Veranstaltungen mit ambivalenten Gefühlseinstellungen gegenüber. Gleichzeitig wurde die Tatsache eines solchen inneren Konflikts nirgends öffentlich diskutiert (sondern nur verschämt in kleineren Kreise zugestanden).“ (Ulli Baier, zit. in: Chronik Frankfurter Studentenbewegung, I, S.418)  

 

Guido Knopp, der bekannte Publizist und Moderator, war in dieser letzten Vorlesung von Adorno zugegen. Von ihm gibt es eine sehr eindringliche Schilderung der Aktion: "Wenn ich mich an Geschichten aus der Zeit erinnere, dann auch in Bildern. Ich war beispielsweise in der letzten Vorlesung von Adorno, als diese drei Damen vom SDS ihn barbusig umtanzten und er versuchte, sich ihrer mit seiner Aktentasche zu erwehren. Alle im Saal lachten. ... Ich saß ziemlich vorne, mir tat er leid. Drei hüpfende Busen in Augenhöhe, und dieser sehr im Theoriedenken verhaftete Mann versucht, sich mit der Aktentasche zu wehren. Ich sah, daß er fassungslos war. Irgendwann läßt er die Aktentasche hängen und bricht in Tränen aus. Und dann führen ihn seine Assistenten weg. Das war eine sehr bewegende Szene." (zit. in. #Augsburger Pressestelle)

 

Der Regisseur Alexander Kluge, seinerzeit Syndikus des Instituts für Sozialforschung, war in der Vorlesung nicht anwesend, sondern holte Adorno von der Vorlesung ab. Seinen Eindruck faßte er später folgendermaßen zusammen: „Ich sehe ihn, wie seine Augen tränen – er hatte empfindliche Augen, er war ja zuckerkrank – wenn er sich verletzt fühlte, zutiefst verletzt fühlte durch diese Szene der entblößten Busen, wobei er nicht weiß: wird er verdächtigt, er sein ein lüsterner Onkel oder was? Oder was soll seine Rolle sein, in diesem Zusammenhang? (Er ist ja schließlich ein weltberühmter Mann!)“ (zit. bei Hadwiga Fertsch-Röver, S.22). Diese Äußerung wurde durch Kluges Mitarbeiterin Beata Wiggen in einer Mail an mich am 28.3.2011 bestätigt: „Herr Kluge bestätigt, dass er diese Äußerung getätigt hat. Er war in der Vorlesung selbst nicht anwesend, hat aber Adorno abgeholt.“

 

Auch Regina Becker-Schmidt, spätere Professorin für Sozialpsychologie und Autorin vieler Bücher zur Genderfrage, war damals im Hörsaal. Sie schrieb: „Ich habe mich selten in meinem Leben so miserabel gefühlt wie in diesem Moment. Also die kommen rein, stürzen auf das Podium, tanzen so um ihn rum, dann entblößen die sich! Man kann Adorno in seinem Verhältnis zu Frauen eine ganze Menge vorwerfen, aber eines nicht, daß er irgendwie sexistisch gewesen sei.“ (Regina Becker-Schmidt, zit. in Fertsch-Röver, S.23)

 

Was hier abgewehrt wird, verweist auf einen manifesten Bezug der Aktion: Anspielungen auf das erotische Leben Adornos, zu dem aus Anlaß des 100. Geburtstags sehr ausführlich mitgeteilt und spekuliert wurde. Ohne dies zu vertiefen, kann festgehalten werden, es sprengte die Konventionen einer eng geschnürten bürgerlichen Sexualmoral. Unter diesem Aspekt dürften ihn die mit der Aktion verbundenen Anspielungen besonders verletzt haben.

 

Rudolf zur Lippe, der zu dieser Zeit zum privaten Kreis von Adorno gehörte, bestätigt diesen Zusammenhang: „Wie völlig unwiderstehlich war ihm (Adorno – B.W.R.) immer der Anblick junger Damen gewesen. Einer hübschen Figur nachblickend hatte er früher, so wird noch heute erzählt, seine Ausführungen fortzusetzen aufgehört. Ich habe das nicht erlebt; nur, daß er in ganz ungeeigneten Situationen sich plötzlich zu einem Handkuß hinreißen ließ, offensichtlich, weil dies die einzige mit den Formen vereinbare Annäherung einer reizvollen Erscheinung gegenüber schien. Jene Aktion, die ihn am heftigsten verletzte, hat darauf gezielt. Frauen waren mit nackten Brüsten um sein Rednerpodium gegen ihn aufgetreten. Diese Brutalität mit dem ihm Kostbarsten hat ihn zutiefst getroffen. Vielleicht ist auch eine Spur alter Scham dabei aufgebrochen.“  ( zur Lippe, Rudolf: Die Frankfurter Studentenbwegung und das Ende Adornos. Ein zeitzeugnis (1989). In: Kraushaar, Wolfgang, Hg., Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995. Bd. 3: Aufsätze und Kommentare, Register. Hamburg 1998, 119)

 

Die SDS-Aktivistinnen wußten also sehr wohl und sehr genau, wohin sie zielen wollten!

 

Einer Journalistin, Tanja Stelzer, ist es gelungen, zwei der drei Aktivistinnen ausfindig zu machen. Der Artikel von Tanja Stelzer ist der informativste Bericht über die Umstände und Hintergründe der Aktion (vgl. zum folgenden: Die Zumutung des Fleisches, in: DER TAGESSPIEGEL, 7.12.2003). Die eine der beiden Frauen wollte sich nur anonym am Telefon äußern, die andere, Hannah Weitemeier (geb. 1943), die Kunsthistorikerin wurde und als Kuratorin arbeitete, war zu einem Interview unter Nennung ihres Namens bereit. Die beiden Protagonistinnen zu finden war nicht ganz einfach: In dem Busenattentat müsse, so meinte  Stelzer, „irgendeine tiefere, offenbar unbequeme Wahrheit“ stecken. „Ausgerechnet jene, die gegen das Verdrängen unliebsamer Erinnerungen protestiert hatten, scheinen einen Schwur geleistet zu haben: Die alte Geschichte ruhen zu lassen, sie zu vergessen, als könne man sie damit ungeschehen zu machen.“

 

Die Frau, die anonym bleiben wollte, sagte: „Sie dürfe auf keinen Fall erkennbar sein, so sehr schäme sie sich noch heute.“ Sie war keine Studentin, arbeitete im Kinderladen, hatte lockere Kontakte zum SDS, hörte sich ab und Adorno an („das galt damals als schick“). Als ihr die Adorno-Aktion angetragen wurde, sagte sie sofort ja. Als sie auf dem Podium Adornos Augen sah, sei sie sofort wieder runtergeklettert. Überzeugt war sie von all dem nicht: „Ich merkte, ich mache was mit, was ich vielleicht gar nicht will.“

 

Den Angaben von Hannah Weitemeier zufolge ging die Aktion von der „Lederjackenfraktion“ aus, einer Splittergruppe des SDS. Lederjackenfraktion, das deutet auf Hardliner hin, die immer auf der Suche nach der direkten Aktion sind. Hannah Weitemeier lebte, laut Wikipedia, seinerzeit mit „mit dem Comiczeichner Alfred von Meysenbug in einer Wohngemeinschaft und hatte Kontakt zu späteren Mitgliedern der RAF“. Offenbar hatte der Baron Freiherr von Meysenbug, die trübste Figur in dieser Geschichte,  die Weichen gestellt. Weitemeier: „Es sei ihr Freund Alfred von Meysenbug gewesen, Meyse, der gesagt habe, aus Adornos Schwäche für die Frauen ‚müssen wir’n Spaß machen’.“ Nach Weitemeier ging es also darum, „sich über Adornos Verhältnis zu den Frauen lustig zu machen. Adornos viele Liebesaffären waren bekannt, und  ‚während der Vorlesung ließ er immer seinen braunen Augen die erste Reihe entlangwandern, von einer blonden langhaarigen Studentin zur nächsten’.“

 

Diese Darstellung erscheint mir zu vordergründig. Man muß, so denke ich, zwischen aktualen Intentionen und tieferliegenden Motiven unterscheiden. Am 31.Januar 1969 hatte Adorno mit seinen Kollegen #? das Institut für Sozialforschung räumen lassen. Damit war er definitiv bei der selbsternannten Avantgarde eines Stellvertreter-Klassenkampfes, beim SDS, in Ungnade gefallen. Kurz nach Beginn des Sommersemesters fand die Aktion statt. Um Adorno  öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben, setzte man an einer verletzbaren Stelle an. Eine solche zu finden, das kann jedes Kind, das einen Erwachsenden demütigen will. Obgleich das Privatleben eigentlich jedermanns Sache ist, bleiben öffentliche Personen gerade im Hinblick auf ihr privates  Lebens besonders verletzbar.

 

Offenbar waren  seinerzeit noch mehr Frauen präpariert, „getraut haben sich aber nur drei.“ Das Busenattentat, so Weitemeier, sei „keine politische Aktion gewesen“. Mag sein, daß Weitemeier das so empfunden; vermutlich hat sie ihrer Naivität die kalte Inszenierung des Herrn von Meysenbug nicht durchschaut. Für Heinz Bude, den Stelzer zitiert, sei die Aktion ein „Symbol für das schlechte Gewissen der 68er Generation“. Und weiter heißt es in dem Artikel: „Im Moment der Demütigung, vermutet Bude, hätten die Studenten ‚das Schicksal dieses Mannes gesehen’. Daher rühre das Schweigen der Beteiligten.“

 

Weitemeier sagte am Schluß des Gesprächs. „Wäre ich tot und würde Adorno begegnen, ich würde ihn bitten, mir zu vergeben.“ Immerhin eine auf Einsicht beruhende menschliche Geste!

 

Oskar Negt, Adorno-Schüler und Sozialphilosoph, darauf angesprochen, warum er denn seine Stimme nicht erhob, gibt eine andere Lesart der Geschichte als Hanna Weitemeier: „Einen Tag nach dem „Busenattentat“ rief mich Adorno an und bat um ein Gespräch. Er teilte mir mit, daß sich die Frauen bei ihm für dieses peinliche Benehmen entschuldig haben; für ihn sei damit die Sache erledigt. Als ich mich verabschiedete, bat er mich, die Sache nicht hochzukochen. So ist es auch geschehen. Nur die Bildzeitung hat diese Suppe immer wieder aufgewärmt.“ (Schreiben von Oskar Negt an Bruno W. Reimann, 28.3.2011)

 

Beide Darstellungen, die der Frauen und die Negts, unterscheiden sich erheblich voneinander. Keine der beiden Frauen, mit denen Tanja Stelzer sprach, verwies auf eine seinerzeitige Entschuldigung bei Adorno. Ich lasse diese Erzählungen in ihrer Diskrepanz hier so stehen. Der Leser mag sich selbst ein Urteil bilden. Was aufstößt, ist, daß Negt, der als Soziologe doch das Gewicht von sozialen Demütigungen  kennen muß, das Thema als runter transponiert. Alles spricht dafür, daß der Vorgang, das Thema nicht wirklich verarbeitet, sondern weggeschoben wurde, weil es ein trübes Licht auf die auch von Negt idealisierten „68er“ wirft.

 

Es stellt sich die Frage, wie Adorno die Aktion selbst erlebt hat. Adorno hat sich in einem SPIEGEL-Interview zu dem Vorgang geäußert. Als Adorno in einem SPIEGEL-Gespräch danach gefragt wurde, ob mit dieser Aktion, durch diese Sex-Einlagen eine Grenze überschritten sei, antwortete Adorno: „Gerade bei mir, der sich stets gegen jede Art erotischer Repression und gegen Sexualtabus gewandt hat. Mich zu verhöhnen und drei als Hippies zurechtgemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich. Der Heiterkeitseffekt, den man erzielt, war ja doch im Grunde die Reaktion des Spießbürgers, der Hihi! Kichert, wenn er ein Mädchen mit nackten Brüsten sieht. Natürlich war dieser Schwachsinn kalkuliert.“ (SPIEGEL 16/1969)

 

Die hier zitierten direkten Beobachter berichten übereinstimmend, daß Adorno die Aktion sehr getroffen hat. Der seinerzeitige Assistent von Habermas und spätere Soziologie-Professor Ulrich Oevermann ist anderer Meinung. „Da ich damals Assistent bei Habermas war, habe ich in dieser Zeit auch des öfteren an Gesprächen mit Adorno teilgenommen. Mein Eindruck war damals, daß Adorno dieser Vorgang längst nicht so wichtig war, wie es in der Öffentlichkeit vermutet und dargestellt wurde, wie überhaupt Adorno der Studentenbewegung in ihren aktuellen damaligen Äußerungsformen ziemlich fern in dem Sinne war, daß er deren Selbstverständnis nur wenig geteilt hat.“ (Ulrich Oevermann in einer Mail vom 27.3.2011 an Bruno W. Reimann).

 

Adorno wollte die Vorlesung am 12. Juni 1919 noch einmal aufnehmen. Doch wieder kam es Versuchen, die Vorlesung zu einem Diskussionsforum umzufunktionieren. Adorno überließ die Entscheidung dem Plenum. Da die Abstimmung zu keinem Ergebnis führte, sagte Adorno die Vorlesung ab. Ein dritter Versuch kam nicht zustande, weil zur selben eine „Vollversammlung der Philosophen“  angekündigt  wurde. Adorno sagte nun die Vorlesung für das laufende Semester endgültig ab. Angesichts der wiederholten Störungen, traf Adorno Vorkehrungen für das Wintersemester 1969/70. Am 17. Juli 1969 wandte er sich an den Rektor der Universität Rüegg:

 

„Magnifizenz, da ich nach den Erfahrungen dieses Semesters damit rechnen muß, daß meine Hauptvorlesung im kommenden Semester abermals  gestört wird, habe ich mich entschlossen, meine sämtlichen Lehrveranstaltungen im Sommersemester in Seminarform abzuhalten:

Proseminar: Kritische Schriften von Marx über Hegel, Di Do 16 -17

Philosophisches Hauptseminar: Zum Kapitel „Kulturindustrie“ aus der „Dialektik der Aufklärung“

Do 18-20

Soziologisches Hauptseminar: Probleme der Kulturindustrie, Di 17-19

Hinweisen möchte ich darauf, daß bis zum Wintersemester die Neuausgabe der „Dialektik der Aufklärung“  vorliegen wird, an die sich diese Lehrveranstaltungen, teils unter philosophischen, teils soziologischen Aspekt, anschließen werden.“ (Personalakte Adorno, Universitätsarchiv der Johann Wolfgang Universität Frankfurt)

 

Adornos Schreiben enthält einen Flüchtigkeitsfehler, gemeint war nicht das Sommersemester, sondern das Wintersemester.

So weist die von der Universität ausgestellte „Richtigkeitsbestätigung“ als Zeitraum das Wintersemester 1969/70 aus.

 

Adornos Ansuchen wurde vom Rektor Rüegg am 25.7.1969 genehmigt.

# Reaktionen der Zeitungen

 

 

Frankfurter Hintergründe

 

Aktualer Hintergrund des Vorlesungskonfliktes war ein von den Direktoren des Institut für Sozialforschung (IFS) gestellter Strafantrag gegen einen der Besetzer des Instituts, gegen Hans-Jürgen Krahl (siehe Chronik Frankfurter Studentenbewegung Bd. 1, 418)

 

Der tiefere Hintergrund war eine Art enttäuschter Liebe seitens der Frankfurter Studenten im Hinblick auf den bis dato ikonisierten Star-Intellektuellen der Frankfurter Schule. An dieser enttäuschten Liebe waren Adorno und auch Horkheimer nicht ganz unschuldig. Sie fühlten sich, übrigens auch Habermas, als eine Art intellektuelle Mentoren einer Politisierungsbewegung, deren Dimensionen und Ausmaße sie wohl falsch eingeschätzt hatten. So wenn Habermas, ein gemeinsames Wir-Gefühl beschwörend, in einer Diskussion mit streikenden Studenten am 16. Dezember 1968 – die Studenten hatten das Soziologische Seminar besetzt – von „unserer Bewegung“ sprach (vgl. Kraushaar 1998, 2, S. 507). Nach der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorgs anläßlich des Schah-Besuchs in Berlin, erklärte Adorno in einem soziologischen Proseminar: „Die Studenten haben so ein wenig die Rolle der Juden übernommen“ (FAZ, 6. Juni 1967) Einen Tag später verlas Adorno in der Hauptvorlesung eine Erklärung, in der es u. a. heißt: „Mir ist bewußt, wie schwer es nachgerade fällt, auch über das faktisch Einfachste sich ein gerechtes und verantwortliches Urteil zu bilden, weil alle Nachrichten, die zu uns gelangen, bereits gesteuert sind. Aber das kann mich nicht hindern, meine Sympathie für den Studenten auszusprechen, dessen Schicksal, gleichgültig was man berichtet, in gar keinem Verhältnis zu seiner Teilnahme an einer politischen Demonstration steht. … Ich bitte Sie, sich zum Gedächtnis unseres Berliner Kommilitonen Benn Ohnesorg von Ihren Plätzen sich zu erheben.“ (Archiv-Zentrum UB Ffm)

Vor allem, die überzogene und in der Sache nicht haltbare Parallelisierung Studenten/Juden mußte den protestierenden Studenten das Gefühl gegeben haben, Adorno stünde vorbehaltlos auf ihrer Seite.

Als im November 1967 der Todesschütze von Benno Ohnesorg, der Kriminalobermeister Katl-Heinz Kurras, freigesprochen wurde, äußerte sich Adorno abermals vor Beginn  seiner Vorlesung: „Wenn man schon der Polizeiobermeister nicht verurteil werden kann, weil ihm Schuld im Sinne des Gesetzes nicht nachzuweisen ist, so wird dadurch die Schuld seiner Auftraggeber um so größer… Das klingt, als hätte am 2. Juni eine objektive höhere Gewalt sich manifestiert oder nicht Herr Kurras, zielend oder nicht, auf den Hahn gedrückt.  Solche Sprache ist zum Erschrecken ähnlich der4, die man in Prozesse gegen die Quälgeister der Konzentrationslager vernimmt.“ (Adorno, Theodor W.: Zum Kurras-Prozeß. In: Diskus. Frankfurter Studentenzeitung, 17. Jg., Nr. 7/8. Nov/Dez 1967, S.4) Wieder zieht Adorno eine Parallele, die als weit überzogen angesehen werden muß.

 

Adorno hat selbst mehrfach in seine Vorlesungen zu Diskussionsforen umfunktioniert. Er hatte damit ein Modell geschaffen, auf das die Studenten meinten, bei passender Gelegenheit rekurrieren zu können. So ging es am 30. November 1967 um die Frage der Legitimität des Go-ins in die Vorlesung von Carlo Schmid. Am 5. Dezember 1967 kommt es in der Ästhetik-Vorlesung zu einer vom SDS initiierten Diskussion über einen Artikel von Adorno über die Entwicklung der Hochschulen in der FAZ. Adorno verteidigte allerdings auch am 11. Juli 1968 in seiner Vorlesung den von den marxisierten Studenten attackierten Germanisten Professor Martin Stern. Am 19. April 1968 nehmen 14 Hochschullehrer, unter ihnen Adorno, Mitscherlich, von Friedeburg, zu dem Attentat auf Rudi Dutschke Stellung und erklären sich solidarisch mit den Studenten, warnen aber vor der Gewaltanwendung bei Demonstrationen (vgl. DIE ZEIT, 16. April 1968, S.5)  

 

Was die Studenten erwarteten hat Karl-Dietrich Wolff auf einer Podiumsdiskussion am 12. September 1968 so formuliert: „Glauben Sie nicht, Herr Professor Adorno, daß es tatsächlich Bedeutung hätte, wenn beispielsweise jemand wie Sie, mit der Stimme, mit dem Ruf und der Bedeutung gerade auch für die studentische Bewegung, beispielsweise beim Sternmarsch auf Bonn mit uns zusammen, sagen wir, die Bannmeile durchbrochen hätte.“ (Chronik I, S. 362)

 

Mit der Besetzung des Soziologischen Seminars in der Myliusstraße am 8./9. Dezember 1968 und seiner Umbenennung in „Spartakus-Seminar“ spitzte sich die Situation für die Vertreter der Kritischen Theorie zu. Die Studenten wurden auf einer Vollversammlung der Soziologen am 10. Dezember 1969 unverhüllt offensiv: „Nach einem äußerst polemischen Beitrag, in dem der ehemalige SDS-Bundesvorsitzende Reimut Reiche erklärt, daß nun endlich der von den Studenten lange erwartete Moment gekommen sei, in dem man den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb zerschlagen und all die Professoren, die nicht gewillt seien, an der politisch orientierten, von den Studenten selbst organisierten Wissenschaft teilzunehmen, in die Zonenrandgebiete oder nach Konstanz schicken könne, verlassen die beiden Professoren (Adorno und Habermas – B.W.R.) die Vollversammlung.“ (Chronik, I, S. 378) (Nebenbemerkung: Als ich Reimut Reiche einige Fragen zu den diesbezüglichen Vorgängen stellte, schrieb er mir in einer Mail vom 14.3e.2011: „Im April 1969 habe ich gerade Diplom gemacht. Von den diversen sog. antiautoritären  Vorgängen an der Uni war ich damals schon etwas ziemlich befremdet, habe mich aber, wie auch manche Andere, die die „Bewegung“ angestoßen hatten, zurückgehalten.“ Erinnern ist in Deutschland bekanntermaßen schwer, ob es sich um die Vorgänge in den 30er oder in 60er Jahren, ob es sich um Psychoanalytiker, wie Reiche, oder um normale Zeitgenossen handelt!)

 

Zum Schlachtruf wurde der Slogan: „Die Universität gehört uns!“ (ebd., S.379) In der Folgezeit wollten die Direktoren des Seminars  (Adorno, von Friedeburg, Habermas, Mitscherlich) einigen studentischen  Forderungen entgegenkommen (z. B. Einrichtung von Arbeitsgruppen zu selbstgewählten Themen als Ergänzung zum Lehrangebot), wandten sich entschieden gegen die Parole „Zerschlagt die Wissenschaft“ und bestanden aber auf Räumung des Seminars. In einem Brief an Herbert Marcuse schreibt Adorno am 17. Dezember 1968: „Hier geht es Augenblick drunter und drüber, nicht wenige Räume der Universität sind besetzt. Viele Seminare können nicht mehr stattfinden, darunter gerade auch die besonders fortschrittlichen. Höchst berechtigte studentische Forderungen und fragwürdige Aktionen gehen so durcheinander, daß von produktiver Arbeit oder auch nur einem vernünftigen Denken kaum mehr die Rede sein kann.“ (zit. ebd., S.381)

 

Am 18. Dezember 1968 wechselten die Polizisten die Schlösser des Soziologischen Seminars aus; es befand sich kein Besetzer mehr im Haus. Die Studenten waren am Vorabend von einem Soziologie-Professor von der bevorstehenden Polizeiaktion unterrichtet worden.

 

Im Grunde ging es schon längst nicht mehr um die Veränderung der Universität, um die Partizipation der Studenten in den Gremien der Universität. Was sollen  Debatten um Paritäten (Drittelparität oder Halbparität), wenn einem nach dem vermessen formulierten Anspruch eh schon die Universität gehört? Es ging nach den Vorstellungen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) um eine grundlegende Umfunktionierung der Universität im Rahmen einer selbstlegitimierten sozialrevolutionären Strategie. Wenn es schon im späten Kapitalismus keine Revolution seitens der Klasse des Proletariats gibt, die nach Marx dafür weltgeschichtlich zuständig sein sollte, dann sollte sie wenigstens von der deklassierten und proletarisierten Klasse der wissenschaftlichen Intelligenz vorangetrieben werden. Der „bürgerliche Wissenschaftsbetrieb“ sollte, wie es der SDS-Vorsitzende Reimut Reiche formuliert hatte, zerschlagen und angesichts der als bevorstehend prognostizierten Klassenkämpfe als Kaderschmiede umfunktioniert werden. Die Studentenschaft oder besser: der SDS, perspektivisch: die wissenschaftliche Intelligenz müsse, so der Chefideologe des SDS Hans-Jürgen Krahl, zum „kollektiven Theoretiker des Proletariats“ (Krahl 1971, S.345) werden. Wenn also das Proletariat nicht selbst zum richtigen Bewußtsein, zum Bewußtsein seiner Klassenlage kommt, dann wurde daraus die Schlußfolgerung gezogen, „daß ohne die organisierte produktive wissenschaftliche Intelligenz die Bildung eines auf die bürgerliche Gesellschaft insgesamt bezogenen Klassenbewußtseins auch im Industrieproletariat unmöglich ist.“(Krahl 1971, S.335) Der SDS hatte sich selbst kraft der Weihe angeblich höherer theoretischer Einsichten als Avantgarde dieser wissenschaftlichen Intelligenz inthronisiert, die nun als Erzieher des Proletariats auftreten sollte.  Nie hat  jemand von den intellektuellen Sympathisanten des SDS aus dem Adorno-Kreis, Oskar Negt zum Beispiel, nach der Legitimität dieser eigentümlichen Selbstlegitimierung gefragt. Nie hat eine studentische Vollversammlung die Besetzung des Soziologischen Seminars oder des Instituts für Sozialforschung beschlossen. Die Selbstlegitimierung verweist auf einen fatalen Größenwahn, den Glauben, eine Gruppe könne sich ihre illegitimen und illegalen Aktionen selbst durch privilegierte Erkenntnis legitimieren. Es ist nachgerade eine aus der Marxschen Theorie abgeleitete Neurose, auf die transzendentale Existenz einer Revolution wie auf ein unverbrüchliches Recht zu pochen. Das empirische Industrieproletariat des 19. Jahrhunderts hat entgegen den Prognosen der Marxschen Theorie nicht den Weg in die Revolution, sondern die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie angetreten. Seither wird die Linke von diesem Faktum der ausgebliebenen Revolution wie von einem Phantomschmerz heimgesucht. Sozialrevolutionäre Bewegungen entstehen dort, wo sie nicht erwartet werden. Im Nachkriegsdeutschland der 60er Jahre gab es keine revolutionäre Situation, wohl aber linke Gruppen mit einem Revolutionstrauma. Das Auftreten dieser SDS-Avantgarde war seinerzeit schon komisch und anmaßend; im Rückblick erscheinen die wichtigtuerischen Diskussionen und Wichtigtuer nur noch ridikül.

 

Am 31.1.1969 drangen Studenten, Krahl an der Spitze, in das Institut für Sozialforschung ein. Von Friedeburg gefragt, was das soll, antwortete Krahl „Das geht Sie gar nichts an.“ Die Aufforderung das Institut zu verlassen, konterte Krahl mit „Halt die Klappe.“ Sensibilisiert durch die letzten Ereignisse – so ist es in einer Adorno zugeschriebenen Aktennotiz zu lesen (Kraushaar 357 f.) (Besetzung des Soziologischen Seminars, am Vortage waren in der Stadt zahlreiche Fensterscheiben in der Stadt zu Bruch gegangen) -, beschließen von Friedeburg  und Adorno die Polizei zur Hilfe zu holen und Anzeige wegen Hausfriedensbruch zu stellen. Als die 76 durch eine Spalier von Polizisten das Haus verlassen, ruft Krahl Adorno und von Friedeburg hinterher „scheißkritische Theoretiker“. Krahl wird inhaftiert. Ein Foto, das Adorno neben einem behelmten Polizisten zeigt, ging durch die ganze Presse. Man kann überlegen, ob dies nicht eine Überreaktion war, ob nicht länger hätte verhandelt werden sollen. Es gab keinen unmittelbaren Handlungszwang, es war eine Entscheidung! Vermutlich war den Direktoren, auch Adorno, der aufgeblähte Politzirkus leid. Auf beiden Seiten war eine Grenze überschritten, ein Trauma auf beiden Seiten geschaffen worden: ein kritischer Theoretiker, der die Polizei ruft, das ist schon bemerkenswert; Studenten, die vor den Augen „ihres“ Professors durch die Polizei aus dem Haus geführt werden, das ist gewiß beschämend!

 

Aus all dem ergab sich als eskalatorische Anschlußhandlung und Höhepunkt eines sehr ernst zu nehmenden Polittheaters jenes „Busenattentat“ vom 22. April 1964.

 

Gleichwohl: das Aufeinanderprallen der veränderungshungrigen Studenten und einer der prononciertesten Formen nachMarxscher Theorie war kein Zufall, sondern folgte mit einer gewissen Notwendigkeit. Die Studenten meinten, hier läge eine Theorie vor, die aufgrund ihrer vielfach zugespitzten Formulierungen den fälligen Schritt zum praktisch Werden machen müsse; sie müsse sich gewissermaßen als theoretische Organon an die Spitze der nach eigenem Verständnis fortgeschrittensten sozialen Bewegung, einer Art Ersatz-Arbeiterbewegung, setzen. Die Kritischen Theoretiker Adorno und Horkheimer wußten ihrerseits, daß sie über ein solches Wissen nicht verfügten und nach ihrer eigenen Überzeugung, daß man sich „Richtige“, „Wahre“ nicht vorstellen könne, auch nicht verfügen wollten. Vom Prinzip des „Bilderverbotes“ geleitet, wollten sie sich keine Vorstellung von der „richtigen Praxis“, einem „richtigen Leben“, einer „guten Gesellschaft“ machen. So blieb denn die Dialektik „negativ“, kam über das scharfsinnige Reflektieren von Widersprüchen und Diskrepanzen nicht hinaus, kam nicht zu einem Kompaß, Konzept, einer faßbaren, nach vorne gerichteten Perspektive. Die Kritische Theorie, die sich selbst als dialektisch-materialistische Theorie verstand, blieb in ihrer Orientierung and er Marxschen Theorie auch ihren Fallstricken und Aporie. Diese betrachtete Sein und Sollen als eine dialektische, sich in der Wirklichkeit selbst herstellende Einheit; die Theorie sei nur die anschauende Seite der in der Wirklichkeit selbst stattfindenden Bewegung. Sie bringe theoretisch auf den Begriff, was sich in Gestalt des Proletariats selbst herstelle. So scharfsichtig Marx die Ökonomie der bürgerlichen Gesellschaft analysierte, hier blieb er trotz aller dialektischen Verflüssigungen der thomistischen Denkfigur verhaftet, wonach das Sollen ein Teil des Seins ist und nicht erzeugt, sondern erkannt wird. Diese ganze Erkenntnisphilosophie steht quer zu der auf Kant fußendes Wissenschaftslehre der Moderne (etwa der Max Webers), wonach das Sein, sei es das der Natur oder der Geschichte, im Sinne einer proximativen Annäherung der Konstrukte immer nur vorläufig, oft nur schattenhaft erkannt, aber nicht eins zu eins „abgebildet“ werden kann. Das Sollen geht nicht bruchlos aus dem Sein hervor, sondern verweist auf die menschliche Tätigkeit einer setzenden Vernunft. Es ist eine intellektuelle Leistung vom Typis des Setzens. Insofern war Marxens letztlich geschichtsphilosophische Denkfigur schon zu seinen Seiten nicht haltbar. Weder wurde in einer avisierten zweiseitigen Bewegung die Theorie praktisch noch griff die Praxis die Theorie auf. Die Theorie sollte der Kopf, das Proletariat das Herz sein. Obwohl das alles nicht eintraf, wurde in der sog. materialistischen Theorie wahrhaft obstinat an dieser Denkfigur festgehalten. Insofern bewegte sich die Kritische Theorie in ihrer Grundlogik in einer überholten und auch verstaubten Denkfigur. Insofern waren die ganzen angestrengten und auch verquasten Debatten über das Theorie-Praxis-Verhältnis Manifestationen einer Neurose des Scheiterns. Keine Theorie kann unmittelbar die Praxis anleiten, weil, wenn sie erkennt, was der Fall ist, sie noch lange nicht sagen kann, was der Fall sein soll. Eine Theorie ist gut beraten, wenn sie die Aufgabe des Erkennens ernst nimmt und erfolgreich betreibt und in einem zweiten normativen Diskurs, der als solcher auch kenntlich bleiben sollte, sich propositional, wie alle anderen Bürger auch, an der Veränderung der Welt mitbeteiligt. Keiner hat aber in diesem zweiten Diskurs ein Deutungsmonopol. Die Kritische Theorie hat ein solches nicht beansprucht, wohl aber der SDS.