Bruno W. Reimann: Das "Busen-Attentat" auf Adorno: Oder: Agonie und Ende der studentischen Protestbewegung (Exposé)

 

Auf dem Höhepunkt der Frankfurter Konflikte zwischen dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und den Theoretikern der Kritischen Theorie umkreisten im Sommer 1969  an der Frankfurter Universität drei barbusige SDS-Genossinnen den Philosophen Theodor W. Adorno, als dieser seine Hauptvorlesung beginnen wollte. Es war der letzte Auftritt Adornos in der Universität, der sein Leben gegolten hatte. Er starb wenig später an Herzversagen.

 

Das "Busen-Attentat" auf Adorno als ein voraussetzungs- und folgenreiches symbolisches Ereignis markiert zumindest zwei Zäsuren: das Ende der Ikone Adorno in der studentischen Protestbewegung und das Ende des SDS als einer in der studentischen Protestbewegung wirkenden Kraft. Die Studie nimmt ihren Ausgang von der sorgfältig geplanten Aktion, die sogleich wirkungsvoll vermarktet wurde (ein Foto des um sich fuchtelnden Philosophen erschien wenig später im SPIEGEL). In der Vorlesung war Guido Knopp, der spätere Moderator beim ZDF, zugegen; auch eine spätere Soziologie-Professorin, ebenfalls Augenzeugin, hat sich später dazu geäußert; Alexander Kluge holte Adorno von der Vorlesung ab. Das macht deutlich, daß Adornos Vorlesungen ein intellektuelles Zentrum waren. Eine der Busen-Protagonistinnen hat sich später ebenfalls, eher reuevoll, geäußert.

Das Busen-Attentat ist Ausdruck eines Konflikts zwischen den politisch avancierten Studenten des SDS und den Theoretikern der Kritischen Theorie, die in Frankfurt präsent waren. Es ist auch symptomatisch dafür, wie diese Studenten in Frankfurt und auch anderswo mit ihren Kritikern umgingen, auch jenen, die sich selbst in ihren Nähe begeben hatten und sich als Mentoren der Protestbewegung fühlten.

Die Studie rekonstruiert die konkreten Hintergründe des Busen-Attentats, die Frankfurter Vorgänge, z.B. die Besetzung des Instituts für Sozialforschung; in diesem Zusammenhang auch die Diskussionen zwischen Adorno und Marcuse (und Peter Szondi u.a.). Sie macht aufgrund einer Reihe von Dokumenten aus dem Frankfurter Universitätsarchiv die schwierige Stellung Adornos in der Gesamtuniversität sichtbar (Adorno erhält sein Ordinariat nicht auf dem Weg einer Berufung, sondern als Akt der Wiedergutmachung für seine Entlassung 1933; ein Vorgang, der in der Universität scharfe Kritik auslöste). Das erklärt, warum Adorno mehr als andere die Nähe zu den Studenten nachgerade suchte.

Auf der anderen Seite wird der Frankfurter Politisierung nachgegangen: der SDS, allen voran der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl, war ein intellektueller Motor vieler Debatten, eine studentische Breitenwirkung in der Studentenschaft hatte er - trotz partieller Solidarisierungsakte - indes nicht. Das Busen-Attentat auf Adorno war auch ein Symptom der Agonie des SDS. Sie leitete auch das Ende der studentischen Protestbewegung ein, ihren Zerfall in Elemente, die in ihr immer schon präsent waren und sich nun verselbständigten. Dazu gehört auch die Gewalt, die real wurde und sich im bewaffneten Kampf der RAf im Übergang manifestierte.

Die Studie spiegelt ein Zeitpanorama der endsechziger Jahre und hierin ein Stück der neueren Kulturgeschichte.