"Arisierungen" in Gießen

 

Eine 25seitige Liste verzeichnete 1946 alle Eigentumstransaktionen im Zuge der „Arisierung“ jüdischen Eigentums. Die Liste verdeutlicht am Beispiel Gießen, in welchem Umfang auch in dieser kleinen Stadt sich die Deutschen an den Juden bereicherten, in welchem Ausmaß sie diese auf scheinlegalem Wege ausplünderten. In Gießen fanden ca. 180, in Wieseck  34  Transaktionen statt. Wir hatten seinerzeit in der Ausstellung und im Katalog (Privatdruck) die Namen der Grundstücks’erweber’ in dem Verzeichnis geschwärzt. Der in dieser Edition wiedergegebene Katalog enthält das Verzeichnis in der damals, 1988, gezeigten Form. Auf dieser CD wird jedoch die „Arisierungs“-Liste in einem eigenen Folder ohne Schwärzung der Namen wiedergegeben.


Das Thema des „legalisierten Raubes“ wird seit einiger Zeit in Bezug auf den Fiskus diskutiert. In der Diktion des Fritz Bauer-Instituts, das die Ausstellung initiierte und realisierte, ist die Rede von der „fiskalischen Entrechtung und Ausplünderung der Juden“. Erstaunlich ist die große Resonanz der Ausstellung, die an verschiedenen Orten in Hessen gezeigt wurde. Allerdings war das Ganze wieder einmal ein Akt der politischen Schizophrenie: Man sah etwas Empörendes und konnte einstimmen in diesen Chor der Empörung und wurde unmerklich am Kern des Themas vorbeigeschifft: an der Ausplünderung der Juden durch die Deutschen auf dem Wege von Immobilientransaktionen im Zuge der „Arisierung“. An diesem brutalen Faktum hat sich das Ausstellungsprojekt vorbeigewunden, weil dieses Thema durch gemeinschaftliche, aber unausgesprochen verabredete Sperrzäune abgeschottet ist. So wichtig der Aspekt der „fiskalischen“ Ausplünderung ist, er ist nicht der einzige und allein wichtige. Der „legalisierte Raub“ auf dem Weg der Transaktion der Immobilien weit unter dem Marktwert ist ein ebenso wichtiger Aspekt des Themas. Nur: hier schwindet die Begeisterung der Aufklärung. Der ausplündernde Staat existiert nicht mehr, aber das Bürgertum, die profitierenden Familien und Erben existieren höchst konkret weiter. Das Thema kann offenbar nicht erörtert werden, weil zu viele Familien und einflußreiche Gewerbetreibende von diesen Transaktionen profitiert haben.
Jeder soll sich nunmehr, 2007, ein Bild davon machen, wer sich in Gießen im Zuge der sog. „Arisierungen“ auf Kosten der Juden, auf dem Wege des „legalisierten Raubs“ bereichert hat. Es geht dabei um Immobilien: um Hofreiten (Hofreite, das war der seinerzeitige Name für Häuser; auch das repräsentative Jugendstilhaus, das der Rechtsanwalt Jakob Friedrich Zimmer „arisierte“, firmierte als „Hofreite“!), Grabgärten und Äcker.

 

Hier sind einige bekannte Gießener Namen, die sich an diesem „legalisierten Raub“ beteiligten:
● den größten Teil der Immobilien „arisierten“ die Finanzverwaltung des Deutschen Reichs und die Stadt Gießen; auch das Land Hessen war beteiligt;
● die Handels- und Gewerbebank e.G.m.b.H. in Gießen
- Acker, 5976 qm
- Hofreite, Nordanlage 1, 446 qm
● der Gründer des Gießener Brauhauses A. & W. Denninghoff, Adolf Denninghoff “arisierte“ vom Israelitischen Altersheim e.V.
- Grabgarten, 2677 qm
- Hofreite in der Walltorstr. 48, 1930 qm
- Hofreite, 1111 qm
- Bauplatz 1173
Das Ganze für seinerzeitige 27.408,- DM
● Professor Erwin Schliephake
-  Hofreite,  Wilhelmstr.12, 398 qm
- zwei Grabgärten, 221 qm und 108 qm
- Acker, 730 qm
- Hofreite zu Wilhelmstr.12, 488 qm (vermutlich handelt es sich hier um ein Hinterhaus)
- Grabgarten, 403 qm
● die Firma Schneider (Fachgeschäft für Kleider)
- Hofreite, Neustadt 10, 165 qm
- zwei Grasgärten, 36 qm und 73 qm
● die Fa. Gustav Overhoff & Sohn in Mettmann, Rheinland
- Hofreite, Seltersweg 73
● die Freifrau Alix Schenk zu Schweinsberg aus Frohnhausen
- Hofreite, Liebigstr. 37, 784 qm
● der Heuchelheimer Unternehmer Heinrich Wilhelm Rinn
- Grabgarten, 1699 qm
- Grasgarten, 595 qm
- Hofreite, Marburger Str. 10, 854 qm
- eine weitere Hofreite in der Marburger Str. 10, 903 qm
- Hofreite, ohne Angabe, 2245 qm
● der Unternehmer Clemens Hettlage aus Bielefeld
- Hofreite, Neustadt 1275 qm
● die Industrie- und Handelskammer
- Hofreite Nordanlage 11, 650 qm
● August Noll und Ehefrau, Mäusburg 12, 528 qm
● die Firma Rinn und Cloos AG, Heuchelheim
- drei Grabgärten, 582 qm, 639 qm, 1174 qm
- Hofreite, Marburger Str., 5, 1113 qm
- eine weitere Hofreite, Marburger Str. 5, 739 qm
● die Mannesmann Röhrenwerke AG in Düsseldorf
- Grabgarten, 1457 qm
● die Hess. Landesbank-Staatsbank in Darmstadt
- Hofreite, Neustadt 7, 731 qm
● die William G. Kerckhoff-Stiftung in Bad Nauheim,
- Bauplatz, 1450 qm
- der Rechtsanwalt Jakob Friedrich Zimmer
- Hofreite, Bahnhofstr. 79, 237 qm
- Grabgarten, 415 qm
Bei der ‚Hofreite’ handelt es sich um ein repräsentatives Haus im  Jugendstil.
● die Fa. H. W. Rinn GmbH
- Acker, 7937 qm
● der Unternehmensgründer Rudolf Sommerlad und Ehefrau
- Hofreite, Bahnhofstr. 65, 504 qm
Das Möbelhaus Sommerlad gibt es heute noch.

In Wieseck (das damals eine selbständige Gemeinde war)

● die Zoeller-Werke Ges. f. Farben und Lackfabrikation m.b.H. Berlin
- Acker, 872 qm
- Wiese, 7675 qm
- Hofreite, 456 qm
- Grabgarten, 243 qm
- Grasgarten, 210 qm
- Hofreite, 5897 qm
- Hofreite 1559
● Karl Osswald und Ehefrau Sophie geb. Kaiser (Es handelt sich um die Eltern des Hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald.)
- Grabgarten, 374 qm
● die Spar- und Darlehnskasse e.G.m.b.H. in Wieseck
- Hofreite, Gießener Str. 95, 180 qm
- Grabgarten, 79 qm


Gießen ist im besonderen Maße ein reaktionäres Nest und bleibt es auch. Nie ist das Problem der „Arisierung“ in Gießen diskutiert worden und es wird auch weiterhin nicht diskutiert werden. Das Gießener Bürgertum hält, was die Hypotheken der Nazi-Geschichte anbetrifft, zusammen wie Pech und Schwefel. Das hat der Fall des Gießener Rechtsanwalts Jakob Friedrich Zimmer gezeigt, als ein Lügenkartell Gießener Bürger (u. a. auch der ehemalige hessische Ministerpräsident Albert Osswald) dem deutschnationalen Seitengänger der Nazis eine „politisch korrekte“ Vita beschaffte. 

Nachspiele

 

Als die Firma Sommerlad 2009 ihr 80jähriges Jubiläum feierte, gratulierte auch die SPD-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in einer ganzseitigen Anzeige in der Gießener Allgemeinen Zeitung: "80 Jahre Familientradition - das ist für ein Unternehmen in der heutigen Zeit keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Dem beliebten Einrichtungshaus ist es mit Familiensinn, Fleiß und den richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt gelungen, ein solches einmaliges Jubiläum in unserer Region zu feiern."  Darauf schickte ein Busecker Bürger, Herr Reinhard Hamel, einen Leserbrief an die Gießener Allgemeine Zeitung, und fragte nach:

 

Anzeige „80 Jahre Sommerlad … Gründung und Aufbruch“ und Grußwort der Oberbürgermeisterin vom 23.12.2009

 Wer an prominenter Stelle Historisches zur 80jährigen Geschichte seiner Firma in der Öffentlichkeit preisgibt, von dem kann erwartet werden, dass er etwas zur Aufarbeitung und Wahrheitsfindung beiträgt. In der Anzeige findet sich der lapidare Satz: „In der Bahnhofstraße und am Flutgraben siedelte die Möbelschreinerei Sommerlad an und legte so den Grundstein für eine bis heute andauernde Firmentradition in Gießen.“ Das war 1938. Trifft es zu, daß es sich dabei u. a. um eine 504 qm große arisierte vormals jüdische Liegenschaft in der Bahnhofstraße handelt – wie auf der Homepage von Prof. Reimann nachzulesen (www.bruno-w-reimann.de/pageID_6726989.html)? Wenn dies zutrifft: Wer waren die vorherigen Eigentümer? Wie und warum kam die Liegenschaft in den Besitz von Rudolf Sommerlad? Und: Welcher Preis wurde dafür bezahlt? Und: Wurden die rechtmäßigen Eigentümer / Erben jemals ermittelt und ihnen eine angemessene finanzielle Entschädigung angeboten?

Es ist unverständlich, dass die neue Oberbürgermeisterin sich diesen Anlass für einen ihrer ersten großen Auftritte gewählt hat und noch mehr, dass sie in ihrem Grußwort davon spricht, dass es die Fa. Sommerlad gewesen sei, die aus „eigener Kraft“ Krisenzeiten überstanden habe.

 

Der Leserbrief wurde nicht veröffentlicht. Zur Begründung schrieb Guido Tamme, der Stadtredaktionschef der Gießener Allgemeinen Zeitung, folgendes an Herrn Hamel:

 

Sehr geehrter Herr Hamel,

wir haben die in Ihrem Leserbrief in Frageform aufgeworfenen Unterstellungen im Hinblick auf die Ansiedlung der Firma Sommerlad in Gießen mit der Bitte um Stellungnahme an den heutigen Unternehmensinhaber  weitergeleitet. Der hat uns nach Rücksprache mit einem einstigen leitenden Mitarbeiter folgende Auskunft gegeben: Das Anwesen Bahnhofstraße 65 wurde 1936 von seinem Großvater direkt vom jüdischen Inhaber erworben. (Dieses Haus befand sich auf der linken Seite der Bahnhofstraße, auf die gegenüberliegende Ecke Flutgraben/Sommerlad ist das Unternehmen erst 1951 umgezogen.) Im Zuge der Arisierung kam dann später – so Herr Sommerlad weiter  – der Staat noch einmal auf den damaligen Firmenchef zu "und hielt die Hand auf". Deshalb habe sich sein Großvater stets darüber beschwert, daß er das Grundstück praktisch zweimal habe bezahlen müssen.

Wir haben keinen Anlaß, am Wahrheitsgehalt dieser Auskunft zu zweifeln, und ziehen diese im Zweifel der nicht konkreter recherchierten Darstellung von Prof Reimann vor. Sie werden verstehen, daß wir deshalb nicht bereit sind, Ihren Leserbrief mit der offenkundig historisch nicht belegten Kritik zu veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Guido Tamme

Stadtredaktion Gießen der Gießener Allgemeinen Zeitung


Da wird mit historisch unwahren Behauptungen („zweimal bezahlt“) das Problem, um das es geht, eskamotiert. Faktum ist, daß der Firmengründer Rudolf Sommerlad (1908 – 1984) und seine Ehefrau mit Kaufvertrag vom 27.2.1939 in der Bahnhofstr. 65 eine Hofreite mit 504 qm für den doch sehr günstigen Preis von 49.000,- RM „arisiert“ haben. Das ist in ein gründlich recherchiertes Faktum, über das sich jeder, der es genau wissen will, informieren kann (siehe meinen Anhang).

Darüber soll in Gießen nicht öffentlich gesprochen werden. Das ist das, was in der sogenannten Demokratie der freien Meinungsäußerung als „Pressefreiheit“ bezeichnet wird. Das Gießener Bürgertum hält auch weiterhin zusammen, um die Profiteure des Nazi-Systems zu schützen.

Ich wandte mich auf diesem Hintergrund an die SPD-Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz:

 

 

Sehr geehrte Frau Grabe-Bolz,

ich wende mich an Sie in Ihrer Eigenschaft als Oberbürgermeisterin. Erst jetzt habe ich erfahren, daß Sie aus Anlaß des 80jährigen Jubiläums der Firma Sommerlad in eben dieser Funktion ein Grußwort verfaßt haben, das eine halbe Seite in der GAZ füllte (GAZ 23.12.2009). Das ist ja wahrhaft eine strahlende Geschichte, die sich da dem Leser aus Ihrer Perspektive darbietet!

Ich frage Sie auf diesem Hintergrund: Ist Ihnen bekannt, daß der Unternehmensgründer Rudolf Sommerlad im Zuge der sog. „Arisierung“ jüdischen Eigentums ein Grundstück, eine Hofreite, in der Bahnhofstr. 65 mit 504 qm erworben hatte, also „arisierte“? Ist Ihnen überhaupt die „Arisierungsproblematik“ in Gießen bekannt?

Diese Problematik ist – wie andere Themen der NS-Geschichte - nie, weder unter sozialdemokratischen noch christdemokratischen Bürgermeistern, zum Thema gemacht worden. Man hat das ganze Kapitel, so wie Sie es in Ihrem Grußwort machen, salopp ausgespart.

Das nenne ich Entsorgung der Geschichte.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Bruno W. Reimann

 

Die Bürgermeisterin antwortete mit einem Zweizeiler:

 

"Die Frage von Käufen und Verkäufen von Grundstücken in der Vergangenheit läßt sich anhand des Materials im Stadtarchiv nachvollziehen."

 

Ich schrieb daraufhin an Grabe-Bolz:

 

Sehr geehrte Frau Grabe-Bolz,

was ist denn das für eine Antwort?

Sie treten öffentlich auf, schönen die Firmengeschichte der Fa. Sommerlad wie seinerzeit Albert Osswald die politische Geschichte eines Gießener Rechtsradikalen (Jakob Friedrich Zimmer) geschönt hat, und geben auf die Frage, warum Sie die Arisierung übergehen, so eine Bla-bla-Antwort. Hier in Gießen wird seit Jahrzehnten, was die NS-Geschichte anbetrifft, alles verschwiegen. Und Verschweigen ist auch eine Form der Lüge. Sie machen hierin keine Ausnahme!

Sie sollten wirklich besser nur Kinderlieder mit F. Vahle singen!

Bruno W. Reimann

 

Zunächst ist es dumm, auf so eine Frage den Kopf in den Sand zu stecken, wie es die Oberbürgermeisterin tut. Vielleicht kam sich Grabe-Bolz dabei noch besonders pfiffig vor zu sagen: was wollen Sie, das steht alles im Stadtarchiv!  Aber es ist noch schlimmer: diese Art des Reagierens manifestiert ein "pattern", das essentiell zum Repertoire der politischen Rede, des politischen Argumentierens in der Demokratie gehört: Lug, Trug, Täuschung, Irreführung sind die Grundmerkmale der politischen Rede in der hochgepriesenen Demokratie. Natürlich stehen hinter einer solchen Haltung materielle und ideologische Gründe. Materielle Gründe: die Oberbürgermeisterin macht Kotau vor einem großen Wirtschaftsfaktor in der Region und der Familie, die dahinter steht. Da ist es aus mit dem Schneid, der für politische Exhibitionismen auf Parteitagsorgien reserviert wird. Ideologische Gründe: es ist nun einmal so, daß die  überwiegenden Mehrheit der Deutschen, kollektivnarzißtisch wie eh und je, sich nicht mit der Niederlagengeschichte auseinandersetzen will. Darum ist seit 1945 Verdrängung und Lüge ein Synonym für den Modaltypus des deutschen Menschen, der besser im Orkus der Geschichte verschwunden wäre.

 

Sich als Oberbürgermeisterin einem solchen Faktum, der "Arisierung", das in dieser Stadt noch nie diskutiert wurde, auf so windige Weise zu entziehen, ist einfach politisch und intellektuell nur verkommen. Als Ernst Jünger, wie so oft, ob seiner antidemokratischen Grundhaltung wieder einmal kritisiert wurde, sagte er nur lakonisch: Ihr sprecht von Demokratie, aber schaut Euch einmal die Demokraten an! Wie wahr