Eine Ausstellung zum Nationalsozialismus in Gießen, unbequeme Fakten & eine breite Abwehrfront Gießener Bürger. Ein Lehrstück deutschen Unvermögens

 

Studie von Bruno W. Reimann

Biebertal: Cento-Verlag 2015

ca. 110 S.; erscheint im Februar

 

 

Vorspann

 

In den späten 80er Jahren zeigte ich mit  einer Gruppe von Studenten in Gießen, im Alten Schloß, die Ausstellung "Antisemitismus und Nationalsozialismus in der Gießener Region", die zu einem Sturm der Entrüstung führte, ausgelöst und angeführt von den Nachkommen eines in der Ausstellung Dargestellten (Jakob Friedrich Zimmer), unterstützt und verstärkt durch den seinerzeitigen Vorsitzenden des Oberhessischen Geschichtsvereins, Prof. Erwin Knauß (einem  Freund der Familie), aufgegriffen von der SPD, der CDU, der F.D.P., begleitet von mentalen Ressentiments vom seinerzeitigen Landrat Rüdiger Veit (SPD, mittlerweile Bundestagsabgeordneter) und dem seinerzeitigen Uni-Präsidenten Prof. Heinz Bauer. Die Kritik machte sich vor allem an der Darstellung eines Akteurs aus dem rechtsradikalen Lager fest, einem Gießener Rechtsanwalt, der ein Wegbereiter und "fellow traveller" des Nationalsozialismus war, an Jakob Friedrich Zimmer.

 

Zum Teil prominente Gießener Bürger (z.B. Albert Osswald, Prof. Karl Engisch) sprangen einem der ihren bei und stellten falsche Leumundszeugnisse aus. Alles, was zur Verteidigung Zimmers vorgetragen wurde, waren Verfälschungen und Verleugnungen der historischen Fakten. Die 'Solidarität' mit einem der ihren, einem Weimarer Altrechtsradikalen, war größer als die Bereitschaft, sich den historischen Fakten zu stellen, und dies machte diese Gießener Bürger dumm und zu Lügnern. Einige dieser Unbelehrbaren gingen so weit, die wissenschaftliche Dignität der Ausstellung in Zweifel zu ziehen. So streute ein Dr. Reinhard Kaufmann, F.D.P., seinerzeit Akademischer Direktor im Zentrum für regionale Entwicklungsforschung an der Universität Gießen, der Stadtverordnetenversammlung (deren Mitglied er war), in der über die Finanzierung eines Katalogs zur Ausstellung beraten und entschieden werden sollte, Sand in die Augen, wenn er Zimmers rechtsradikale Aktivitäten  auf die Agitationen eines "Vertreter(s) der rechtsradikalen studentischen Jugend" reduzieren wollte und somit dessen Wirken auf die frühen 20er Jahre begrenzte. Im Brustton eines Gralshüters meldete er verschiedene Zweifel an der "Objektivität" und "inhaltlichen Korrektheit" an, sprach von der Ausstellung als einer "Spielwiese des Dilettantismus", ohne Argumente, Belege und Beispiele zu nennen, was man von einem in der Politik auftretenden Wissenschaftler hätte erwarten können. Dümmer und bösartiger geht es nicht!

 

Es war die erste und bislang einzige Ausstellung, die dieses Thema aufgegriffen hatte. Seither ist nichts, weder von der Stadt noch der Universität, unternommen worden, die NS-(Vor-)Geschichte in ihren Bereichen aufarbeiten zu lassen. Was soll man auch von Geschichtsverleugnern und Geschichtsverfälschern, alle Teil von Hitlers Nachhut, anderes erwarten? Nicht nur bleibt die NS-Geschichte in Gießen weiterhin ein Tabu, ein Nichtthema, sie wird auch dort, wo sie faßbar wird (wie im Falle Otto Egers), beharrlich verleugnet. Ein Großteil der Deutschen bleibt an diesem Punkt obstinat und auch dumm. Dumm ist der, der weder Erfahrungen machen noch Informationen verarbeiten kann. Ein Beleg für diese These findet sich in den Auseinandersetzungen um die sich seit über mehr als zwei Jahrzehnten hinziehende Frage, ob man ein studentisches Heim nach einem alten Nazi benennen sollte. Wir haben bereits 1988 in unserer Ausstellung auf die rechtsradikale Vita von Prof. Otto Eger hingewiesen. Die Gießener Studentenschaft griff das ein Jahr später auf, fand aber für die historisch belegten Argumente bei einem politisch offensichtlich völlig tauben Uni-Präsidenten, dem Prof. Heinz Bauer, kein Gehör. Über die Jahre mehrten sich die Fakten zu den  öffentlichen Bekenntnissen des Professor Eger zum Nazismus. Doch Universität und Stadt beharrten jahrelang darauf, es handle sich um Bagatellen (vgl. dazu mein Otto Eger-Schwarzbuch, 2. Aufl., Biebertal 2014).  Offenbar gründete dieses Unvermögen der Wahrnehmung in einer Mischung aus Macht und Narzißmus, verbunden mit einer Portion reaktionärer Borniertheit. Die Macht definiert, was der Fall ist; der Narzißmus stattet die Macht mit dem Schein der Selbstherrlichkeit und Unanfechtbarkeit aus. Jede soziale Macht führt durch ihr omnipotentes Auftreten, ihre Selbstgerechtigkeit, unweigerlich zur Dummheit - ob es sich um Obama, Putin, Merkel oder einen Uni-Präsidenten handelt. Alle Uni-Präsidenten, die ich in meinen 34 Jahren an der Uni Gießen beobachten konnten, traten, zwar nicht durchgehend, immer wieder arrogant und dumm auf. Im Falle Eger bedeutet dies: Wer Fakten nicht zur Kenntnis nimmt, manifestiert dummes Verhalten, ob es sich um einen Normalbürger, eine Oberbürgermeisterin oder einen Universitätspräsidenten handelt. Als im Herbst 2014 ein Brief Egers auftauchte, der nicht gravierender ist als das, was von Eger in den Gießener Zeitungen der Nazi-Zeit zu lesen war, sah man die Chance, sich aus dem Abseits, in das man sich manövriert hatte, herauszukommen. Das macht die Sache um keinen Deut besser.

 

Gießen hat sich in der Vergangenheit nicht mit seiner Nazi-Geschichte beschäftigt und wird es auch in den nächsten Jahrzehnten nicht tun. Es ist seit Büchners Zeiten ein "reaktionäres Nest" geblieben.

 

Aufgrund dieser Tatsache, dieser anhaltenden Defizite in puncto NS-Geschichte,  veröffentliche ich eine Studie, die ich schon vor Jahren  geschrieben habe, in der ich die Konflikte und Vorgänge um die Ausstellung von 1988 Revue passieren ließ. Sie verweist auf das vielfach anhaltende deutsche Unvermögen, sich der Nazi-Geschichte zu stellen. Zwar gibt es viele Studien zum Allgemeinthema des Nazismus, zur 'großen' Geschichte, aber man schaue einmal in die Gemeinden, die Städte, die Regionen, die Institutionen. In diesen ist die Aufarbeitung des Vergangenen eine Seltenheit.

 

Hinzuzufügen ist noch, daß Zimmer nicht nur ein "fellow traveller" des Nationalsozialismus war, er hat sich 1938 im Zuge der "Arisierungen" an den Juden bereichert (siehe Auszug aus der "Arisierungsliste"). Die Nachkommen, allen  voran die Tochter Gaby Rehnelt, die gegen die Ausstellung mit Lügen zu Felde zog, war und ist eine Nutznießerin dieser "Arisierung"!